Letzte Relikte der Schraubenfabrik Bauer & Schaurte verschwinden

Foto: Stadt Neuss/P+B Group
Foto: Stadt Neuss/P+B Group

Neuss. Auf dem Gelände der ehemaligen Schraubenfabrik Bauer & Schaurte nördlich des Neusser Hauptbahnhofs schreitet der Rückbau weiter voran. Die letzten verbliebenen Relikte des traditionsreichen Industriestandorts werden abgetragen. Auf dem rund 50.000 Quadratmeter großen Areal entsteht unter dem Projektnamen „Neuland“ ein neues Stadtquartier. Damit geht ein weiteres Kapitel der Neusser Industriegeschichte seinem baulichen Ende entgegen. Über die aktuellen Abbrucharbeiten berichtete die Neuß-Grevenbroicher Zeitung Anfang November 2026.

140 Jahre Schraubenproduktion in Neuss

Die Geschichte von Bauer & Schaurte reicht bis ins Jahr 1876 zurück. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem bedeutenden Hersteller von Schrauben und Muttern und prägte über Generationen die industrielle Entwicklung der Stadt. Um die Jahrhundertwende gehörte die Fabrik mit 563 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern in Neuss. Bekannt wurde das Unternehmen vor allem durch die INBUS-Schraube, deren Name auf die Bezeichnung „Innensechskantschraube Bauer und Schaurte“ zurückgeht. Die Produktion und die technische Weiterentwicklung von Verbindungselementen machten den Standort weit über die Region hinaus bekannt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde das Werk mehrfach erweitert und umgebaut. Dazu gehörten große Montagehallen, ein eigenes Kraftwerk mit Hochbunker und Schornstein sowie repräsentative Verwaltungsgebäude. Die Fabrikanlagen wurden im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt. Nach dem Wiederaufbau nahm das Unternehmen die Produktion wieder auf und profitierte vom wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahrzehnte. 1980 endete mit der Fusion mit den saarländischen Schraubenwerken Karcher die Ära als eigenständiges Familienunternehmen. Nach weiteren Eigentümerwechseln wurde der Neusser Standort 2015 geschlossen.

Zwischen Abriss und dem Versuch, Industriegeschichte zu bewahren

Der weitgehende Abriss der Fabrikanlagen begann bereits 2020. Nicht alle Gebäude sollten jedoch verschwinden: Das markante Kraftwerk mit seinem Schornstein und eine Sheddachhalle waren als historische Zeugnisse vorgesehen, die in die Gestaltung des neuen Quartiers einbezogen werden sollten. Auch die Sicherung beweglicher Relikte aus dem Produktionsalltag wurde zum Thema. Der Neusser Dr. Albert Wunsch engagierte sich dafür, historische Gegenstände und Dokumente vor der Entsorgung zu retten. Gemeinsam mit ehemaligen Beschäftigten und Helfern konnten unter anderem Maschinenteilmodelle, Werkzeuge und weitere Zeugnisse der Fertigung geborgen werden.

Die geretteten Objekte sind inzwischen auch öffentlich präsentiert worden: Im August 2026 zeigte eine Ausstellung im Rahmen der Landesgartenschau Neuss ausgewählte Relikte aus der 140-jährigen Firmengeschichte. Sie machten sichtbar, was auf dem Gelände selbst zunehmend verloren geht: die materielle Erinnerung an einen bedeutenden Produktionsstandort.

Neues Quartier statt historischer Fabriklandschaft

Mit dem Projekt „Neuland“ soll das ehemalige Werksgelände eine neue städtebauliche Nutzung erhalten. Die Entwicklung steht exemplarisch für den Wandel ehemaliger Industrieflächen in innerstädtischen Lagen: Wo einst produziert, montiert und gearbeitet wurde, sollen neue Wohn- und Freiräume entstehen. Für Neuss bedeutet das eine neue Perspektive für ein großes Areal in Bahnhofsnähe. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie viel industrielle Vergangenheit bei solchen Umwandlungsprozessen tatsächlich erhalten bleibt.

Die letzten Abbrucharbeiten markieren deshalb mehr als das Ende einzelner Gebäude. Sie stehen für den endgültigen Wandel eines Ortes, der die Stadt über rund 140 Jahre wirtschaftlich und städtebaulich mitgeprägt hat. Was an Geschichte bleibt, liegt künftig zu einem erheblichen Teil nicht mehr in den Fabrikgebäuden selbst, sondern in den gesicherten Objekten, Fotografien und Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter.

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