Wilhelmshaven. Das ehemalige Kohlekraftwerk Wilhelmshaven steht sinnbildlich für den Wandel der deutschen Energiewirtschaft. Der einstige Großstandort am Jadefahrwasser ist nach seiner Stilllegung zunehmend Gegenstand einer neuen Nutzung. Wo jahrzehntelang Kohle verstromt wurde, sollen künftig Anlagen für erneuerbare Energien und Energiespeicherung entstehen. Das Kraftwerk wurde im Dezember 2021 endgültig stillgelegt. Zuletzt verfügte die Anlage über eine Leistung von 777 Megawatt und gehörte damit zu den leistungsstarken Kohlekraftwerken Deutschlands. Gleichzeitig schrieb der Standort Technikgeschichte: Bereits 1978 ging hier Deutschlands erste Rauchgasentschwefelungsanlage in Betrieb.
Vom Kohlemeiler zum Energie-Standort
Mit dem Ende der Stromproduktion begann für das Gelände ein grundlegender Wandel. Aus dem klassischen Kraftwerksstandort soll ein Baustein der neuen Energiewelt werden. Uniper verfolgt dafür verschiedene Projekte – darunter Photovoltaik, Batteriespeicherung und perspektivisch auch Wasserstofftechnologien. Besonders konkret ist inzwischen der Bau eines großen Batteriespeichers. Auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände entsteht eine Anlage mit 50 Megawatt Leistung und 100 Megawattstunden Speicherkapazität. Die Inbetriebnahme ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen. Der Speicher soll kurzfristige Schwankungen im Stromnetz ausgleichen und damit die Integration von Wind- und Solarstrom unterstützen.
Solarstrom auf der ehemaligen Aschedeponie
Auch die Hinterlassenschaften der Kohleverstromung bekommen eine neue Funktion. Auf der früheren Aschedeponie entsteht ein Solarpark mit rund 17 Megawatt Leistung. Mehr als 28.500 Solarmodule sollen dort künftig jährlich rund 17.000 Megawattstunden Strom erzeugen – genug für rechnerisch etwa 4.500 Haushalte. Damit wird ausgerechnet eine Fläche, die einst mit den Rückständen der Kohleverstromung verbunden war, Teil der Energiewende. Der industrielle Charakter des Standorts bleibt erhalten – nur die Technologie dahinter verändert sich.
Was vom Kraftwerk bleiben wird
Der Wandel bedeutet allerdings auch einen Abschied von der bisherigen Kraftwerksarchitektur. Die gewaltigen technischen Anlagen und Gebäude, die über Jahrzehnte das Bild des Standorts geprägt haben, verlieren ihre ursprüngliche Funktion. Der Rückbau macht damit ein Stück Wilhelmshavener Industriegeschichte sichtbar – und lässt zugleich die Frage aufkommen, welche Zeugnisse der Kohleära für kommende Generationen erhalten bleiben. Denn mit dem Verschwinden großer Industrieanlagen verschwindet nicht nur alte Technik. Es gehen auch Landmarken, Arbeitswelten und Erinnerungsorte verloren. Gerade bei Kraftwerken stellt sich deshalb zunehmend die Frage, ob zwischen vollständigem Abriss und musealer Bewahrung nicht auch ein Mittelweg möglich wäre.
Wilhelmshaven setzt auf die Energie von morgen
Politisch ist die Richtung längst vorgegeben: Wilhelmshaven soll sich zu einem wichtigen Standort für alternative und regenerative Energieerzeugung entwickeln. Bereits die städtischen Planungen sehen am Kraftwerksstandort und in dessen Umfeld neue Nutzungen für Wasserstoff und andere regenerative Energien vor. Der ehemalige Kohlekraftwerksstandort wird damit zum Sinnbild eines tiefgreifenden Strukturwandels. Die Schornsteine und Kraftwerksanlagen stehen für eine Ära, in der Energie vor allem aus Kohle gewonnen wurde. Batteriespeicher, Photovoltaik und Wasserstoff markieren nun den nächsten Abschnitt.
Was dabei verloren geht, ist das Gesicht der alten Energiewelt. Was entsteht, ist ein Industriestandort, der seine Geschichte nicht mehr über Kohle, sondern über die Energiewende erzählt.
