Kraftwerk Plessa wird offizieller Lost Place

Plessa. Das Industriedenkmal Kraftwerk Plessa steht sinnbildlich für viele historische Großanlagen in der Lausitz: einst technisches Prestigeobjekt, später mit Millionenaufwand für Besucher hergerichtet, dann über Jahre dem Verfall und Vandalismus überlassen. Nun rückt das monumentale Braunkohlekraftwerk erneut in den Fokus der Öffentlichkeit – nicht trotz, sondern gerade wegen seines rauen Zustands.

Ein unerwarteter Impuls kam ausgerechnet aus der Szene der sogenannten Lost Placer. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist Prof. Michael Tsokos, bundesweit renommierter Rechtsmediziner und zugleich bekennender Fan verlassener Orte. Bei einem Besuch vor zwei Jahren zeigte er sich so beeindruckt vom Kraftwerk Plessa, dass er später auf Einladung von Amtsdirektor Göran Schrey zurückkehrte – diesmal als Redner. Sein rechtsmedizinischer Vortrag im September 2024 füllte den großen Saal des Kulturhauses bis auf den letzten Platz und machte deutlich: Plessa besitzt nach wie vor Strahlkraft.

Offiziell organisiert statt illegal betreten

Ob Tsokos selbst noch einmal nach Plessa kommt, ist offen. Doch seine Begeisterung könnte den entscheidenden Anstoß für einen Neuanfang geliefert haben. Ab dem kommenden Jahr werden im Kraftwerk offiziell organisierte Lost-Places-Fototouren angeboten. Damit soll ein Phänomen, das bislang oft illegal stattfand, in geordnete Bahnen gelenkt werden.

Das Kraftwerk ist inzwischen beim Berliner Anbieter go2know gelistet, der europaweit professionelle Fototouren durch verlassene Orte organisiert. Die Resonanz ist enorm: Bereits zehn Termine im Frühjahr sind ausgebucht, weitere folgen bis Ende Juni. Mit sechs Stunden Dauer und einem Preis von 89 Euro zählt Plessa zu den aufwendigsten Angeboten – beworben als eines der ältesten noch im Originalzustand erhaltenen Braunkohlekraftwerke Europas.

Hoffnung auf Schutz durch Präsenz

Amtsdirektor Göran Schrey will selbst an der ersten Tour am 8. März teilnehmen. Ihn interessiert, woher die Besucher anreisen und wie sie das Denkmal wahrnehmen. Gleichzeitig setzt er auf einen Nebeneffekt: mehr legale Besucher sollen Metalldiebe und Vandalen abschrecken, die dem Kraftwerk in den vergangenen Jahren massiv zugesetzt haben.

Zerstörte Turbinen, gekappte Leitungen, herausgerissene Kupfer- und Aluminiumkabel prägen heute viele Räume. Die Schäden sind gravierend und wurden ohne Rücksicht auf den historischen Wert angerichtet. Bis auf notwendige Sicherungsmaßnahmen soll dieser Zustand bewusst sichtbar bleiben. Der morbide Charakter gehört für die Zielgruppe der Lost Placer ausdrücklich dazu.

Wirtschaftlicher Impuls für die Region

Neben dem erhofften Schutz des Denkmals rechnet Schrey auch mit positiven Effekten für Plessa und die Umgebung. Viele der Fototouristen reisen von weit her an, übernachten vor Ort und besuchen gleich mehrere Lost Places in der Region, etwa die Brikettfabrik Louise in Domsdorf oder das Schloss Lindenau. „Da bleibt etwas hängen“, sagt der Amtsdirektor – ein vorsichtiger Optimismus in einer strukturschwachen Gegend.

Ein Denkmal mit schwerem Erbe

Das Kraftwerk Plessa wurde 1927 in Betrieb genommen und 1992 stillgelegt. In den Folgejahren flossen hohe öffentliche Mittel in den Umbau zu einem Besucher- und Veranstaltungsort. Doch mit dem schwindenden Engagement privater Betreiber setzte erneut der Verfall ein. Weithin sichtbar sind die beiden Schornsteine mit 115 und 120 Metern Höhe – einer saniert, der andere zunehmend brüchig. Auch die vorgeschriebene Flugbefeuerung ist seit Jahren außer Betrieb, vermutlich ebenfalls Opfer von Metalldiebstahl.

Jetzt soll das Kraftwerk nicht länger nur als Problemfall wahrgenommen werden, sondern als Ort mit Geschichte, Atmosphäre und neuer Nutzungsperspektive. Friedliche Besucher statt illegaler Eindringlinge – das ist die Hoffnung, mit der Plessa sein Industriedenkmal wieder öffnet.

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