Berlin. Wo heute Graffiti die Wände überziehen und Wildwuchs durch alte Prellböcke rankt, soll schon bald Hochgeschwindigkeit Einzug halten: Auf dem Areal des einstigen Güterbahnhofs Berlin-Schönholz plant die Deutsche Bahn bis 2028 eine neue Abstellanlage für moderne ICE- und IC-Züge. Damit endet nicht nur ein jahrzehntelanger Dornröschenschlaf eines „Lost Place“, sondern womöglich wird auch ein mysteriöser Tresor im alten Zahlschalterraum endlich geöffnet.
Von der Industrialisierung zur Zeitenwende
Der Güterbahnhof Schönholz wurde zur Jahrhundertwende als logistische Drehscheibe für den expandierenden Berliner Norden errichtet. Er entstand östlich der Nordbahnstrecke auf dem damaligen Gebiet von Reinickendorf und Nieder-Schönhausen. Bereits ab 1893 wurde der Güterverkehr über die Anlage abgewickelt – ein wichtiger Knotenpunkt für die umliegende Industrie in der Provinzstraße und Flottenstraße.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wuchs auch der Bahnhof. Von 1901 bis 1903 wurde die Anlage umfangreich umgestaltet: Ein höhergelegter Bahndamm, neu angelegte Güter- und Fernbahngleise sowie ein massiver Güterschuppen mit Laderampen prägten fortan das Bild. 1925 erfolgte die Elektrifizierung – ein weiterer Meilenstein in der Bahngeschichte des Standorts.
Kriegswirtschaft und Fluchttunnel
Während des Zweiten Weltkriegs diente der Bahnhof als wichtiger Umschlagplatz für Kohle, Baumaterial und Rüstungsgüter – oft unter menschenunwürdigen Bedingungen durch Zwangsarbeiter aus dem nahegelegenen „Luna-Lager“. 1945 kam der Betrieb durch Bombenangriffe zum Erliegen. In den Nachkriegsjahren nutzte die sowjetische Militärverwaltung die Anlage zur Verladung von Maschinen und Industrieanlagen, die als Reparationsleistung nach Russland gingen.
Auch während der Teilung Berlins spielte der Bahnhof eine besondere Rolle. Er lag unmittelbar an der Grenze zwischen Ost und West. Im Dezember 1961 gelang Waltraud Niebank die spektakuläre Flucht durch einen selbst gegrabenen Tunnel unter dem Bahngelände – ein stilles Denkmal des Muts mitten im Sperrgebiet.
Der langsame Verfall nach dem Mauerfall
Mit dem Rückgang des Güterverkehrs in den 1980er-Jahren begann der schleichende Niedergang des Areals. Nach dem Abzug der Alliierten 1994 verfiel der historische Güterschuppen zunehmend. Fenster wurden eingeschlagen, das Dach brach stellenweise ein, und Pflanzen eroberten das Gelände zurück. Dennoch finden sich im Innern des Güterschuppens bis heute Reste der einstigen Betriebsstruktur: Originale Gepäckwaagen, ein eiserner Gütergepäckkäfig – und ein gut versteckter Tresor.
Das ungelöste Rätsel im Zahlschalterraum
Im ehemaligen Verwaltungsbereich des Schuppens stößt man auf zwei übereinanderliegende Tresorfächer. Die massiven Stahltüren sind verschlossen, die Schlüssel verschollen. Ob sie verstaubte Abrechnungen, Relikte aus DDR-Zeiten oder gar etwas Historisch-Besonderes verbergen – bislang weiß es niemand. Der morbide Charme des Lost Place ist damit nicht nur optisch, sondern auch symbolisch erhalten geblieben: ein Relikt mit ungelüftetem Geheimnis.
Neuanfang mit ICE-Boxenstopp
Jetzt steht das Gelände vor einer radikalen Wende: Die Deutsche Bahn plant dort eine moderne Abstellanlage für bis zu acht ICE- und IC-Züge. Neben den Gleisanlagen sollen auch neue Dienstgebäude entstehen. Ziel ist es, die Schnellzüge effizienter zu warten und für den nächsten Einsatz bereitzustellen.
Noch ist unklar, was mit den historischen Gebäuden passieren wird. Der denkmalgeschützte Schuppen, das Brademann- und das Cornelius-Stellwerk stehen unter besonderer Beobachtung. Auch mögliche Baumfällungen sorgen für Diskussionen – die Umweltprüfung läuft.
Fest steht: Die Tage des Verfalls auf dem alten Güterbahnhof Schönholz sind gezählt. Ob mit der neuen Nutzung auch das Geheimnis des alten Tresors gelüftet wird? Vielleicht. Dann würde die Geschichte des Ortes um ein weiteres Kapitel reicher.
