Ehemalige Papierfabrik Carl Lenz soll Wohnquartier werden

Symbolbild. Foto: pixabay.com/RawmblePics
Symbolbild. Foto: pixabay.com/RawmblePics

Wehr. Auf dem Gelände der ehemaligen Papierfabrik Carl Lenz im baden-württembergischen Wehr soll ein neues Stadtquartier entstehen. Bei einer Einwohnerversammlung am 4. November 2026 stellte Erich Baumann, Mitgeschäftsführer der Siedlungswerkstatt Konstanz, die überarbeiteten Pläne für die Konversion des innerstädtischen Fabrikareals vor. Vorgesehen sind rund 15.000 Quadratmeter Wohnfläche für bis zu 200 Familien. Als möglicher Baubeginn wird das Jahr 2030 angestrebt. Damit nimmt die Nachnutzung eines bedeutenden ehemaligen Industriestandorts konkretere Formen an.

Bis zu 200 Wohnungen auf zwei Teilflächen

Das städtebauliche Konzept sieht eine Aufteilung der geplanten Wohnbebauung auf zwei Bereiche vor. Rund 130 Wohnungen sollen unmittelbar auf dem bisherigen Fabrikgelände entstehen. Weitere 60 bis 70 Wohneinheiten sind auf einem angrenzenden städtischen Grundstück in Richtung des Flusses Wehra vorgesehen. Der ruhende Verkehr soll vollständig in Tiefgaragen untergebracht werden, sodass die oberirdischen Flächen weitgehend für Wohnnutzung und Freiräume zur Verfügung stehen.

Auch die Erschließung des Areals ist Bestandteil der Planungen. Neue Zufahrten sind über die Storchenstraße und die Waldstraße vorgesehen. Ergänzend soll ein durchgehender Geh- und Radweg entlang der Wehra entstehen, der die Todtmooser Straße mit der Waldstraße verbindet. Das Gewässer soll künftig stärker in das Stadtquartier integriert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein zentraler Platz soll die verschiedenen Bereiche miteinander verknüpfen.

Historische Fabrikgebäude sollen teilweise erhalten bleiben

Aus Sicht der Industriekultur besonders interessant ist der Umgang mit den verbliebenen historischen Gebäuden. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände stehen nach den vorliegenden Angaben noch eine Villa, ein Maschinengebäude und ein großes Magazingebäude. Letzteres soll nach den Vorstellungen der Projektentwickler erhalten bleiben und künftig als zentrales Gebäude sowie städtebaulicher Hochpunkt des neuen Quartiers dienen.

Allerdings ist die Umsetzung noch nicht abschließend geklärt. Insbesondere die Abstimmung mit dem Denkmalamt stellt eine offene Frage dar. Auch bei der Bürgerversammlung wurde deutlich, dass verschiedene denkmalgeschützte Gebäude in den Überlegungen berücksichtigt werden. Die vorgestellten Entwürfe sind daher nicht mit einer endgültigen Entscheidung über den Erhalt sämtlicher historischer Bausubstanz gleichzusetzen. Welche Gebäude tatsächlich bewahrt und wie sie künftig genutzt werden, muss sich im weiteren Planungsverfahren zeigen.

150 Jahre Papiergeschichte gehen zu Ende

Mit der Schließung der Papierfabrik Carl Lenz endete am 30. Juni 2025 eine rund 150-jährige Unternehmensgeschichte. Der Traditionsbetrieb gehörte über Generationen zur wirtschaftlichen Identität der Stadt Wehr und war zuletzt auf die Herstellung von Spezialpapieren ausgerichtet. Hohe Energiepreise, eine schwache Auslastung und fehlende wirtschaftliche Perspektiven hatten die Eigentümerfamilie zur Aufgabe des Standorts bewogen. Zuletzt waren noch 18 Beschäftigte im Unternehmen tätig.

Die Schließung bedeutete für Wehr den Verlust eines weiteren traditionsreichen Industriebetriebs. Zugleich eröffnete sie die Möglichkeit, eine große innerstädtische Fläche neu zu entwickeln. Bereits 2025 hatten die Eigentümer erste Überlegungen für ein gemischt genutztes Quartier mit Wohnungen, Gewerbe, Gastronomie und öffentlich zugänglichen Freiräumen vorgestellt. Die aktuellen Planungen konkretisieren nun vor allem die Wohnraumentwicklung.

Neue Perspektive für das Stadtzentrum – offene Fragen für das industrielle Erbe

Für die Stadt Wehr ist das Projekt ein bedeutendes Vorhaben der Innenstadtentwicklung. Bürgermeister Denis Schimak verwies bei der Vorstellung auf den Bedarf an sozialverträglichem Geschosswohnungsbau. Nach Einschätzung der Verwaltung verfügen Schulen und Kindergärten über ausreichende Kapazitäten, um den zusätzlichen Bedarf durch das neue Quartier aufzufangen. Bis zum angestrebten Baubeginn 2030 stehen jedoch noch weitere Abstimmungen und Planungsverfahren an.

Aus Sicht der Denkmalpflege wird entscheidend sein, ob die geplante Umgestaltung mehr hinterlässt als einzelne historische Fassaden. Eine ehemalige Fabrik ist nicht allein durch ihre Gebäude geprägt, sondern auch durch deren räumliche Zusammenhänge, technische Ausstattung und Spuren der Produktion. Das Magazingebäude als zentralen Bestandteil des neuen Quartiers vorzusehen, ist zunächst ein positives Signal. Ob daraus tatsächlich ein überzeugendes Beispiel für die Verbindung von Wohnraumentwicklung und Industriekultur wird, hängt davon ab, wie konsequent die historische Substanz in die weitere Planung integriert wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert