Berlin. Nach 46 Jahren Stillstand soll die historische Siemensbahn im Berliner Westen wieder in Betrieb gehen. Die überwucherten Bahnsteige, verfallenen Bahnhofsgebäude und rostigen Brücken der ehemaligen S-Bahn-Strecke werden damit zu einer Großbaustelle. Bis Ende 2029 sollen die drei früheren Stationen Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld wieder ans Berliner Nahverkehrsnetz angeschlossen werden. Aus einem der bekanntesten Lost Places der Hauptstadt soll eine moderne Verkehrsverbindung werden.
Die Siemensbahn wurde Ende der 1920er-Jahre errichtet, um die Beschäftigten der Siemenswerke schneller zu ihren Arbeitsplätzen zu bringen. Am 18. Dezember 1929 nahm die rund 4,5 Kilometer lange Strecke zwischen Jungfernheide und Gartenfeld den Betrieb auf. Über die Stationen Wernerwerk und Siemensstadt erhielten die großen Industrieanlagen einen direkten Anschluss an das Berliner S-Bahn-Netz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beeinträchtigten Kriegsschäden und Demontagen den Betrieb. Erst 1956 war die Strecke wieder vollständig zweigleisig befahrbar. Im September 1980 endete der Zugverkehr im Zusammenhang mit dem Reichsbahnerstreik. Was zunächst wie eine vorübergehende Unterbrechung wirkte, wurde zu einer jahrzehntelangen Stilllegung. Die Natur eroberte sich Teile der Trasse zurück, Bahnsteige verschwanden hinter Bäumen und Sträuchern, technische Anlagen verfielen.
Gartenfeld: Ein Bahnhof verschwindet im Grünen
Besonders eindrucksvoll zeigt sich der Stillstand am ehemaligen Endbahnhof Gartenfeld. Das historische Empfangsgebäude ist inzwischen von dichtem Bewuchs umgeben und von der Straße aus kaum noch als Bahnhof zu erkennen. Zwischen 1984 und 2012 wurde die Anlage zeitweise von einem Gartencenter genutzt. Nach dessen Auszug blieb der Bahnhof ohne dauerhafte Nutzung zurück. Mit der Reaktivierung soll Gartenfeld wieder zum Endpunkt der Siemensbahn werden. Vorgesehen sind neue Bahnsteige, Aufzüge und barrierefreie Zugänge. Die Station soll künftig nicht nur den bestehenden Stadtteil erschließen, sondern auch die neuen Wohnquartiere am Saatwinkler Damm und auf der Insel Gartenfeld anbinden.
Wernerwerk und Siemensstadt werden modernisiert
Auch die früheren Stationen Wernerwerk und Siemensstadt sollen umfassend erneuert werden. Die Deutsche Bahn plant, die historischen Bahnhofsbereiche zu sanieren und mit zeitgemäßer Ausstattung zu versehen. Barrierefreie Zugänge und Aufzüge gehören ebenso zum Konzept wie die Anpassung der Bahnsteige an die Anforderungen des heutigen S-Bahn-Betriebs. Die Arbeiten an den Stationen sollen nach bisheriger Planung 2027 beginnen. Dabei geht es nicht allein darum, die Bahnhöfe wieder nutzbar zu machen. Vielmehr müssen die historischen Anlagen in ein modernes Verkehrssystem integriert werden, ohne ihre baulichen Besonderheiten vollständig zu verlieren.
Historisches Stahlviadukt steht vor aufwendiger Sanierung
Eine der größten Herausforderungen ist das denkmalgeschützte Stahlviadukt der Siemensbahn. Das 1928 errichtete Bauwerk besteht aus 71 Einzelbauwerken und weist nach Jahrzehnten ohne regulären Bahnbetrieb erhebliche Schäden auf. Seit Juni 2026 untersucht die Deutsche Bahn an einem Testfeld geeignete Sanierungsverfahren. Ein großer Teil der historischen Konstruktion soll erhalten bleiben. Neben dem Viadukt müssen entlang der Strecke rund 30 weitere Brücken saniert oder teilweise neu gebaut werden. Auch Gleise sowie Leit- und Sicherungstechnik werden erneuert. Das Stahlviadukt soll nach der Instandsetzung wieder seinen ursprünglichen marineblauen Anstrich erhalten.
Noch im Laufe des Jahres 2026 sind weitere Vorbereitungen entlang der überwucherten Trasse vorgesehen. Dazu gehören Rodungsarbeiten und die Vorbereitung der Bahnanlagen. Damit wird sich das Erscheinungsbild des bisherigen Lost Places bereits deutlich verändern.
Neue Stadtquartiere geben der Siemensbahn eine Zukunft
Die Wiederinbetriebnahme ist eng mit der städtebaulichen Entwicklung im Berliner Westen verbunden. Auf dem früheren Industrieareal entsteht mit Siemensstadt Square ein neues Quartier mit Wohnungen, Arbeitsplätzen und Forschungseinrichtungen. Auch auf der Insel Gartenfeld sind umfangreiche Wohnungsbauprojekte vorgesehen.
Die Siemensbahn soll diese neuen Stadtbereiche direkt mit dem Berliner S-Bahnring verbinden. Geplant ist ein Zehn-Minuten-Takt. Der angestrebte Betriebsstart liegt weiterhin Ende 2029. Ob dieser Zeitplan eingehalten werden kann, hängt allerdings vom Fortschritt der umfangreichen Bau- und Sanierungsarbeiten ab.
Vom Lost Place zurück zur Verkehrsinfrastruktur
Die Siemensbahn ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie sich der Umgang mit aufgegebenen Industrie- und Verkehrsanlagen verändern kann. Jahrzehntelang galt die Strecke als Relikt einer vergangenen Epoche. Ihre überwucherten Bahnhöfe und das rostende Viadukt entwickelten sich zu einem Anziehungspunkt für Freunde verlassener Orte und historischer Verkehrstechnik.
Nun steht die Anlage vor einer neuen Zukunft. Der Wandel bedeutet zwar das Ende eines außergewöhnlichen Lost Places, zugleich bietet die Reaktivierung die Möglichkeit, ein bedeutendes Stück Berliner Verkehrs- und Industriegeschichte zu erhalten und wieder in den Alltag der Stadt zu integrieren. Wenn Ende 2029 tatsächlich wieder Züge über das historische Viadukt rollen, wird aus einer jahrzehntelang verlassenen Bahnstrecke erneut ein wichtiger Bestandteil des Berliner Nahverkehrs.
