Aus der Dermatoid-Ruine soll ein Wohnpark werden

Foto: Joeb07/CC BY 3.0
Foto: Joeb07/CC BY 3.0

Eilenburg. Auf dem Gelände des ehemaligen Dermatoid-Werks in Eilenburg-Ost zeichnet sich ein tiefgreifender Wandel ab. Wo jahrzehntelang Industrie produziert wurde und zuletzt eine großflächige Industriebrache mit verfallenen Gebäuden zurückblieb, soll der „Wohnpark Muldenaue“ entstehen. Geplant sind Ein- und Mehrfamilienhäuser auf dem Areal nördlich der Ernst-Mey-Straße. Damit könnte eine der markanteren Eilenburger Industriebrachen endgültig aus dem Stadtbild verschwinden. Doch die Pläne sind nicht unumstritten. Im Stadtrat wurden Zweifel geäußert, ob in Eilenburg tatsächlich ausreichend Bedarf für die geplante Zahl neuer Wohnungen besteht.

Vom Kunstlederwerk zur Industriebrache

Die Geschichte des Standorts reicht bis 1888 zurück. Damals wurden die Dermatoid-Werke gegründet. Das Unternehmen verarbeitete zunächst Abfälle aus der benachbarten Deutschen Celluloid-Fabrik. Später entwickelte sich daraus ein eigenständiger Industriebetrieb mit überregionalem Absatz. Produziert wurde unter anderem das namensgebende Dermatoid, ein kunstlederähnlicher Werkstoff, der zunächst mit Zelluloidlacken und später unter anderem mit PVC hergestellt wurde. Verwendung fanden die Produkte beispielsweise im grafischen Gewerbe, in der Automobilindustrie und im Wohnungsbau. Das Werksgelände wuchs auf rund 13,1 Hektar. 1943 bestanden dort 28 Fabrikgebäude sowie mehrere Wohnhäuser für Arbeiter und Angestellte. Das Dermatoid war damit ein bedeutender Bestandteil der Eilenburger Industriegeschichte.

Nach der Wende kam das Aus

Wie bei vielen ostdeutschen Industriebetrieben bedeutete die deutsche Wiedervereinigung auch für das Dermatoid einen tiefen Einschnitt. Der Betrieb stellte seine Produktion ein. Die Gebäude verloren ihre ursprüngliche Funktion und das weitläufige Gelände entwickelte sich zur Industriebrache. Die ursprünglich vorgesehene Entwicklung als Gewerbegebiet blieb aus. Ein seit 1999 rechtskräftiger Bebauungsplan sah eine gewerbliche Nutzung vor, die jedoch nicht umgesetzt wurde. Statt neuer Betriebe blieb vor allem die Industriebrache zurück.

Altlasten werden zum zentralen Problem

Mit dem Leerstand verschärfte sich ein Problem, das bei ehemaligen Industrieflächen besonders schwer wiegt: die Belastung des Bodens. Der geplante Eigentümerwechsel beziehungsweise die neue Entwicklung bieten aus Sicht der Stadt deshalb eine Chance. Die Altlasten sollen beseitigt und versiegelte Flächen teilweise zurückgebaut werden. Die Stadt bewertet die Beseitigung der Altlasten entsprechend positiv. Im nördlichen Bereich des Areals soll zudem aufgrund der naturschutzfachlichen Bedeutung Grünfläche erhalten beziehungsweise entwickelt werden. Das Plangebiet grenzt unmittelbar an das Naturschutzgebiet Vereinigte Mulde Eilenburg – Bad Düben.

Aus Gewerbefläche wird Wohngebiet

Für die neue Nutzung muss auch das bestehende Planungsrecht geändert werden. Der bisherige Flächennutzungsplan weist das Areal überwiegend als Gewerbefläche aus. Im Zuge der 5. Änderung des Flächennutzungsplans soll die Fläche deshalb teilweise zur Wohnbaufläche werden. Parallel läuft das Bebauungsplanverfahren Nr. 60 „Wohnpark Muldenaue“. Vorgesehen ist eine Erschließung über neue Straßen von der Uferstraße aus. Gewerbliche Nutzungen sollen im westlichen Bereich teilweise erhalten bleiben, während der überwiegende Teil der ehemaligen Industriefläche für Wohnen vorgesehen ist.

Der Abriss ist Teil des Wandels

Wo Wohnungen entstehen sollen, muss die alte Industrie weichen. Besonders die Ruine im nordwestlichen Bereich des Plangebiets soll zurückgebaut werden. Beton- und Asphaltflächen sollen entsiegelt und teilweise in Grünflächen umgewandelt werden. Damit verschwindet nicht nur eine städtebauliche Problemfläche. Mit dem Rückbau geht auch ein Stück der sichtbaren Eilenburger Industriegeschichte verloren. Für Lost-Place-Fotografen und Industriekulturinteressierte ist das Gelände deshalb ein Ort im Übergang: Die jahrzehntelang leerstehenden Strukturen verschwinden, während an ihrer Stelle ein neues Wohnquartier geplant wird.

Doch braucht Eilenburg diese Wohnungen?

Genau an diesem Punkt entzündet sich die Diskussion. Während die Entwicklung einer belasteten Industriebrache grundsätzlich als städtebauliche Chance betrachtet werden kann, stellt sich die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf an zusätzlichem Wohnraum. Die Kritik im Eilenburger Stadtrat zeigt, dass die Umwandlung einer Industriefläche in ein Wohngebiet nicht automatisch als Erfolg gilt. Entscheidend ist letztlich, ob die geplanten Wohnungen tatsächlich gebraucht werden und ob sie sich in die langfristige Stadtentwicklung einfügen. Der Konflikt ist damit typisch für viele ehemalige Industrieareale: Soll eine belastete Brache möglichst schnell einer neuen Nutzung zugeführt werden – oder muss zunächst genauer geklärt werden, welche Nutzung an diesem Standort langfristig sinnvoll ist?

Ein Lost Place verschwindet

Für das alte Dermatoid-Gelände dürfte die Zeit als Industriebrache jedenfalls ablaufen. Aus einem ehemaligen Produktionsstandort soll ein Wohnquartier werden. Die Altlasten sollen beseitigt, Flächen entsiegelt und Teile des Areals begrünt werden. Das ist aus Sicht der Stadt eine Möglichkeit, einen jahrzehntelang problematischen Standort neu zu ordnen. Gleichzeitig verschwindet damit ein weiterer sichtbarer Teil der Eilenburger Industriegeschichte.

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