Neuer Name auf Dresdner Hochspannungshalle

Foto: Highvolt
Foto: Highvolt

Dresden. Wer auf der A4 an Dresden vorbeifährt, kennt das markante Gebäude im Nordwesten der Stadt: die riesige Hochspannungshalle an der Overbeckstraße. Über Jahrzehnte prangte dort weithin sichtbar der Schriftzug SIEMENS. Seit Anfang September 2026 ist dieses vertraute Bild Geschichte. Auf dem Dach steht nun HIGHVOLT. Der neue Schriftzug markiert dabei mehr als einen Wechsel der Firmenbezeichnung. Er verweist auf die tatsächliche heutige Nutzung des denkmalgeschützten Industriebauwerks und zugleich auf eine mehr als 120-jährige Geschichte der Dresdner Hochspannungstechnik.

Ein Industriebau von außergewöhnlichen Dimensionen

Die zwischen 1951 und 1953 errichtete Hochspannungshalle entstand nach Plänen der Architekten Paul Michael und Paul Voges. Mit ihren gewaltigen Abmessungen setzte sie seinerzeit Maßstäbe: Die Halle misst rund 55 Meter in der Länge, 40 Meter in der Breite und 29 Meter in der Höhe. Eine zentrale Montagegrube vergrößert die nutzbare Höhe auf bis zu 34 Meter. Als sie errichtet wurde, galt die Halle als größter monolithischer Industriebau Europas. Ihre Dimensionen waren notwendig, um gewaltige Hochspannungsprüfanlagen montieren und unter extremen elektrischen Belastungen testen zu können. Heute steht der Bau unter Denkmalschutz und gehört zu den markanten technischen Denkmalen Dresdens.

Hochspannung hat hier eine lange Tradition

Die Geschichte des Standortes reicht wesentlich weiter zurück als bis zum Bau der heutigen Halle. Die Wurzeln liegen bei Koch & Sterzel, einem 1904 gegründeten Dresdner Unternehmen, das sich unter anderem mit Hochfrequenztechnik, Prüfgeräten, Messwandlern und Röntgentechnik beschäftigte. Mit dem Wachstum des Unternehmens entwickelte sich Dresden zu einem wichtigen Zentrum der Hochspannungstechnik. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand aus den verbliebenen Produktionsstrukturen der VEB Transformatoren- und Röntgenwerk Dresden, kurz TuR. Das Unternehmen setzte die technische Tradition fort und baute unter anderem Hochspannungsprüfanlagen für internationale Kunden. Die große Prüfhalle wurde schließlich zum sichtbaren Symbol dieser Entwicklung.

Vom DDR-Betrieb zu Siemens

Auch der Schriftzug auf dem Dach erzählt Unternehmensgeschichte. In den 1960er-Jahren stand dort zunächst TuR. Nach der Wiedervereinigung übernahm Siemens 1991 wesentliche Geschäftsbereiche des Dresdner Betriebes. 1992 investierte Siemens nach Angaben von HIGHVOLT rund 2,2 Millionen D-Mark in die Sanierung des Hallendachs. Anschließend wurde der große Siemens-Schriftzug angebracht – und damit ein neues weithin sichtbares Zeichen auf dem Dresdner Industriebau gesetzt. Mehr als drei Jahrzehnte blieb der Name auf dem Dach präsent.

2026 verschwindet Siemens vom Dach

Nun ist der Schriftzug verschwunden. Seit Anfang September steht dort HIGHVOLT. Der Grund ist vergleichsweise unspektakulär: Eine langjährige Vereinbarung über die Nutzung der Dachfläche durch Siemens ist ausgelaufen. HIGHVOLT, das Unternehmen, das heute in der Halle arbeitet, hat daraufhin seinen eigenen Namen auf dem Dach angebracht. Damit wird nun auch von außen sichtbar, was sich im Inneren bereits seit Jahrzehnten entwickelt hat.

HIGHVOLT führt die Geschichte fort

HIGHVOLT entstand 1995 durch die Ausgründung des Geschäftsbereichs Hochspannungsprüftechnik aus dem Siemens-Konzern. Seit 2002 gehört das Unternehmen zur Reinhausen-Gruppe. In der denkmalgeschützten Halle entwickelt, baut und prüft HIGHVOLT heute Hochspannungsprüf- und Messtechnik. Dazu gehören Systeme für Transformatoren, Schaltanlagen und Hochspannungskabel. Rund 85 beziehungsweise nach Unternehmensangaben rund 95 Prozent der Produkte gehen in den internationalen Markt. Die historische Halle ist damit kein stillgelegtes Relikt, sondern weiterhin ein aktiver Produktions- und Prüfstandort.

Ein Denkmal, das weiterhin gebraucht wird

Das macht die Hochspannungshalle zu einer Besonderheit unter den historischen Industriebauten. Während viele große Produktionshallen des 20. Jahrhunderts heute leer stehen, abgerissen oder aufwendig umgenutzt wurden, erfüllt dieser Bau noch immer eine Funktion, für die seine außergewöhnliche Größe ursprünglich entscheidend war. HIGHVOLT kann in der Halle Prüfsysteme für sehr hohe Spannungen testen. Nach Angaben des Unternehmens sind Prüfungen bis zu 1.600 Kilovolt Wechselspannung und 2.200 Kilovolt Gleichspannung möglich. Die Geschichte des Gebäudes wird damit nicht nur konserviert – sie wird technisch weitergeschrieben.

Ein neuer Schriftzug, eine alte Industriegeschichte

Der Wechsel von Siemens zu HIGHVOLT wirkt deshalb zunächst wie eine kleine Veränderung am Dresdner Stadtbild. Tatsächlich erzählt er ein ganzes Stück Industriegeschichte. Vom privaten Unternehmen Koch & Sterzel über den DDR-Betrieb TuR und Siemens bis zum heutigen Hochspannungsspezialisten HIGHVOLT zieht sich eine bemerkenswerte Entwicklung durch mehr als ein Jahrhundert. Das Gebäude selbst hat dabei mehrere politische Systeme und wirtschaftliche Umbrüche überstanden. Der Schriftzug auf dem Dach hat sich verändert. Die Funktion der Halle ist dagegen erstaunlich konstant geblieben.

Das Dresdner Wahrzeichen an der A4 hat seinen Namen gewechselt – seine eigentliche Geschichte aber bleibt sichtbar.

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