Kraftwerk Vockerode

Über Jahrzehnte thronte das Braunkohlekraftwerk Vockerode als industrieller Koloss am Rand des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs. 1938 in Betrieb genommen, zählte es einst zu den bedeutendsten Energieproduzenten der Region. Heute ist von den gewaltigen Schloten nur noch der Mythos geblieben – und eine imposante Industriearchitektur, die sich zunehmend in ein Zentrum für Kunst und Kultur verwandelt.

Mit einer Bauzeit von nur 18 Monaten ging das Werk im Dezember 1938 ans Netz. Seine Maße waren spektakulär: Das zentrale Kesselhaus erreichte die Ausmaße einer gotischen Kathedrale – 117 Meter lang, 41 Meter breit und 40 Meter hoch. Bereits 1940 war der erste Bauabschnitt mit sechs Kesseln à 35 Megawatt abgeschlossen. Ein technisches Novum war 1943 das sogenannte „Elbe-Projekt“ – das erste Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungskabel (HGÜ) Deutschlands, das bis nach Berlin reichen sollte. Es blieb jedoch ein unerfülltes Pionierprojekt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk zwischen 1945 und 1947 auf Anweisung der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert – als Teil der deutschen Reparationsleistungen. Doch der Wiederaufbau folgte rasch: Von 1953 bis 1959 entstand ein zweiter Kraftwerksblock mit zwölf weiteren 36-Megawatt-Kesseln.

Auch in der Zeit der DDR blieb Vockerode ein bedeutender Energie- und Wärmelieferant. 1968 wurde Dessau über eine 15 Kilometer lange Leitung mit Fernwärme versorgt. 1971 kam ein Gasturbinenkraftwerk mit sechs Einheiten zu je 27 Megawatt hinzu – als Spitzenlastreserve. Zwischen 1972 und 1974 wurde sogar eine 64 Hektar große Gewächshausanlage für Tomaten und Gurken errichtet – beheizt mit Abwärme des Kraftwerks.

Doch auch Katastrophen blieben nicht aus. Am 22. Juli 1960 kollidierte ein Militärflugzeug der Nationalen Volksarmee bei dichtem Nebel mit einem der Schornsteine. Die Iljuschin Il-14 stürzte ab, alle sechs Besatzungsmitglieder sowie ein Kraftwerksarbeiter kamen ums Leben.

Nach der Wende folgte das langsame Ende. 1994 wurde das Braunkohlekraftwerk stillgelegt, 1998 lief auch das Gasturbinenkraftwerk zum letzten Mal. Im Jahr 2001 wurde mit einem Paukenschlag Geschichte geschrieben: Die vier 140 Meter hohen Schornsteine – über Jahrzehnte Wahrzeichen der Region – wurden gesprengt. 2005 folgte der Abbau der letzten Öltanks.

Doch das Gelände lebt weiter. 1998 nutzte die Landesausstellung „Mittendrin“ erstmals die hallenartige Kesselarchitektur für kulturelle Inszenierungen. Seitdem hat sich das Areal zu einem Ort für Kunst, Events und Erinnerungskultur entwickelt. Die gewaltige Industriearchitektur steht heute im spannenden Kontrast zur filigranen Landschaftsgestaltung des nahen Dessau-Wörlitzer Gartenreichs.

Von der 40 Meter hohen Aussichtsplattform des ehemaligen Kraftwerks reicht der Blick weit über die Elbauen – und lässt ahnen, wie Vergangenheit und Zukunft an diesem Ort auf außergewöhnliche Weise verschmelzen.

Infos für Besucher

Kraftwerk Vockerode
Griesener Str. 30, 06786 Oranienbaum-Wörlitz / OT Vockerode
Koordinaten: 51°50’37.6″N 12°21’19.7″E
www.kohle-dampf-licht-seen.de
ACHTUNG: Zutritt ohne Genehmigung nicht gestattet!

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