Verwaltung ehem. Schickert-Werke

Nur wenige Menschen wissen heute, dass sich am nördlichen Ortsrand von Bad Lauterberg einst eines der geheimsten Chemiewerke des nationalsozialistischen Deutschlands befand. Im Schickert-Werk wurde zwischen 1941 und 1945 hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid hergestellt – besser bekannt unter dem Tarnnamen „T-Stoff“. Die Chemikalie war ein unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Rüstungsindustrie und kam unter anderem für Raketenantriebe, Torpedos, U-Boot-Turbinen und Flugzeug-Starthilfen zum Einsatz.

Tarnfirma verschleierte den eigentlichen Zweck

Bereits Ende der 1930er-Jahre begann die Planung der Anlage. Um die militärische Bedeutung des Projekts geheim zu halten, trat die eigens gegründete Otto Schickert & Co. KG nach außen als Betreiberin des Werkes auf. Tatsächlich standen hinter dem Bau die Elektrochemischen Werke München, die im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums eine moderne Großanlage zur Herstellung von Wasserstoffperoxid errichteten.

Die Standortwahl fiel nicht zufällig auf Bad Lauterberg. Die nahe gelegene Odertalsperre stellte große Mengen Kühlwasser bereit – eine entscheidende Voraussetzung für das energieintensive Herstellungsverfahren. Bis 1944 entstanden fünf voneinander unabhängige Produktionshallen, die zusammen monatlich rund 1.200 Tonnen hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid liefern sollten.

Schlüsselbetrieb der deutschen Kriegswirtschaft

Das im Schickert-Werk produzierte Wasserstoffperoxid gehörte zu den wichtigsten Spezialchemikalien der deutschen Rüstungsindustrie. Es diente als Energiequelle für verschiedene militärische Antriebssysteme und spielte insbesondere bei der Entwicklung neuer Raketen- und Turbinentechnik eine bedeutende Rolle. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs plante das NS-Regime sogar, Teile der Produktion chemischer Kampfstoffe aus dem bedrohten Werk Dyhernfurth nach Bad Lauterberg zu verlagern. Dazu kam es aufgrund des schnellen Kriegsverlaufs jedoch nicht mehr.

Nach Kriegsende begann ein völlig neues Kapitel

Nach 1945 wurden die Produktionsanlagen demontiert. In den leerstehenden Gebäuden siedelten sich in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche kleinere Gewerbebetriebe an. Unter anderem nutzten holzverarbeitende Unternehmen, Baustoffhersteller, Lebensmittelhändler und eine Tankstelle Teile des weitläufigen Geländes. Eine ungewöhnliche Nachnutzung erfuhr das ehemalige Verwaltungsgebäude: Ab 1963 war dort eine französische Fernmelde- und Elektronische-Kampfführungseinheit stationiert, die eine Abhöranlage auf dem nahe gelegenen Stöberhai betrieb. Nach dem Abzug der französischen Streitkräfte Anfang der 1990er-Jahre wurde das Gebäude zeitweise als Unterkunft für Asylbewerber genutzt.

Kaum noch Spuren einer einstigen Geheimfabrik

1990 erwarb die Stadt Bad Lauterberg das weitläufige Werksgelände für den symbolischen Preis von einer D-Mark. In den folgenden Jahren wurden nahezu sämtliche Produktionshallen abgerissen. Das ehemalige Verwaltungsgebäude und die Ruine des Pförtnerhauses wurde ebenfalls abgerissen. Das übrige rund 110.000 Quadratmeter große Areal präsentiert sich als weitgehend brachliegende Freifläche.

Ein fast vergessenes Kapitel der Harzer Industriegeschichte

Obwohl das Schickert-Werk zu den wichtigsten geheimen Chemiewerken der NS-Rüstungsindustrie gehörte, ist seine Geschichte heute nur wenigen bekannt. Dabei dokumentiert der Standort eindrucksvoll die enge Verflechtung von Industrie, Wissenschaft und Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkriegs. Mit dem nahezu vollständigen Abriss der Werksanlagen verschwanden zugleich wesentliche bauliche Zeugnisse dieser Epoche. Erhalten geblieben ist vor allem die historische Erinnerung an einen Ort, der einst zu den bestgehüteten Geheimnissen des NS-Regimes im Harz zählte und heute nahezu vollständig aus dem Landschaftsbild verschwunden ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert