Über mehr als ein Jahrhundert prägte die Teppichproduktion die Stadt Wurzen. Die Wurzener Teppichfabrik entwickelte sich von einem kleinen Industriebetrieb zu einem international bekannten Hersteller. Auch in der DDR blieb das Unternehmen ein wichtiger Exportbetrieb. 1996 war die Geschichte schließlich beendet. Die Anfänge reichen bis 1856 zurück. Friedrich August Schütz gründete am Mühlgraben eine Wollstaubfabrik. Ab 1870 wurden dort erstmals Teppiche gefertigt. Bereits wenige Jahre später entwickelte sich daraus ein leistungsfähiger Industriebetrieb. 1883 erfolgte die Umwandlung in die Wurzener Teppich- und Veloursfabriken AG.
Unternehmer und Gestalter machten die Fabrik zunehmend überregional bekannt. Künstler wie Peter Behrens, Friedrich Adler und Gertrud Kleinhempel lieferten Entwürfe. Die Wurzener Teppiche wurden auf Ausstellungen präsentiert und fanden Abnehmer weit über Sachsen hinaus.
Wachstum zur modernen Fabrik
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Standort kontinuierlich erweitert. 1912 entstand ein modernes Hochhaus für die Produktion von Tournai- und Brüsseler Teppichen. In den 1920er-Jahren kamen weitere Produktionsgebäude, eine Spinnerei und eine Chenilleweberei hinzu. Das Fabrikgelände wuchs schließlich auf rund 22 Hektar. Die Architektur zeugt noch heute von dieser Expansionsphase. Mehrere erhaltene Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen bewertet die Anlage als ortsbildprägendes und ortsgeschichtlich bedeutendes Zeugnis der Industriearchitektur.
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit
Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Produktion. Ab 1939 wurde der Betrieb teilweise auf Erzeugnisse für die Rüstungswirtschaft umgestellt. Dazu gehörten unter anderem Brandbomben und Säcke. Gleichzeitig lief die Teppichproduktion eingeschränkt weiter. Für die Kriegsproduktion wurden auch Zwangsarbeiterinnen eingesetzt. Damit gehört zur Geschichte der Wurzener Teppichfabrik auch ein dunkles Kapitel der deutschen Industriegeschichte.

1948 wird der Betrieb volkseigen
Nach dem Krieg und der sowjetischen Besatzungszeit wurde die Fabrik in Volkseigentum überführt. Im Oktober 1948 entstand der VEB Wurzner Teppichfabrik (WTF). Der Betrieb blieb seinem traditionellen Produktionsbereich treu und stellte weiterhin unter anderem Smyrna-, Tournai- und Axminster-Teppiche sowie Läufer und Rollenware her. Auch die DDR nutzte das Renommee der Wurzener Teppichproduktion. Neben klassischen Teppichen entstanden Bildteppiche mit politischen Motiven, die der staatlichen Selbstdarstellung dienten.
Exportbetrieb der DDR
Bemerkenswert war die internationale Ausrichtung. 1961 ging etwa die Hälfte der Gesamtproduktion in 28 Länder. Wurzener Teppiche wurden unter anderem nach Schweden und Frankreich geliefert. Damit gehörte der Betrieb zu den DDR-Unternehmen, die dringend benötigte Devisen erwirtschafteten. 1971 endete die eigenständige Geschichte des VEB jedoch. Die Teppichbetriebe der DDR wurden stärker zentralisiert. Die Wurzener Fabrik wurde als Werk Wurzen in den VEB Halbmond-Teppiche Oelsnitz eingegliedert, der später zum VEB Kombinat Deko Plauen gehörte.
Das Ende nach der Wiedervereinigung
Nach 1990 musste sich der traditionsreiche Standort plötzlich auf einem vollständig veränderten Markt behaupten. 1991 entstand die Wurzener Teppichfabrik Sachsen GmbH, die die Produktion zunächst mit rund 180 Beschäftigten fortführte. Doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren nicht dauerhaft zu bewältigen. Ende 1994 wurde Konkurs angemeldet. 1996 verloren die letzten 45 Beschäftigten ihre Arbeitsplätze. Die Stadt Wurzen verzeichnet die Schließung der Teppichfabrik ebenfalls für das Jahr 1996.
Was von der Fabrik geblieben ist
Ein Teil der historischen Bausubstanz blieb erhalten. Besonders der Stahlbetonbau aus der Zeit um 1925 erinnert noch an die industrielle Größe des Unternehmens. Das Gebäude wurde inzwischen zu Wohnraum umgenutzt. Weitere Teile des ehemaligen Fabrikareals wurden dagegen abgerissen. Von besonderem Wert ist heute das historische Musterarchiv. Das Kulturhistorische Museum Wurzen konnte 1999 umfangreiche Archivbestände mit Musterbüchern, Zeichnungen und weiteren Unterlagen übernehmen. Damit blieb ein wichtiger Teil der fast 150-jährigen Unternehmensgeschichte erhalten.
Ein Stück Wurzener Identität
Die Geschichte der Wurzener Teppichfabrik erzählt vom Aufstieg der sächsischen Textilindustrie, von internationalem Design und Exporterfolgen, aber auch von Kriegswirtschaft, DDR-Industrie und dem Strukturbruch nach 1990. Was einst ein international anerkannter Teppichhersteller war, ist heute vor allem ein Stück Wurzener Industriegeschichte. Die erhaltenen Gebäude und das gerettete Musterarchiv bewahren die Erinnerung an einen Betrieb, dessen Produkte einst weit über Sachsen hinaus bekannt waren.
