Ohne Rohrleitungen funktionierte die DDR-Industrie nicht. Kraftwerke, Chemiewerke, Raffinerien und Energieanlagen benötigten kilometerlange Rohrsysteme – und genau darauf war der VEB Industrie- und Kraftwerksrohrleitungen Bitterfeld (IKR) spezialisiert. Der Betrieb wurde zu einem wichtigen Spezialisten des DDR-Anlagenbaus und war an zahlreichen Großprojekten im In- und Ausland beteiligt. Die Geschichte begann bereits 1917, als E. Otto Dietrich in Bitterfeld einen Montagebetrieb für Rohrleitungsbau gründete. Das Unternehmen arbeitete vor allem für die schnell wachsende Industrie im Bitterfeld-Wolfener Raum. 1922 wurde daraus eine Aktiengesellschaft, an der später auch die Mannesmann AG beteiligt war. Ab 1936 firmierte das Unternehmen als Deutsche Rohrleitungsbau AG. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Rohrleitungsbetriebe in der sowjetischen Besatzungszone neu organisiert.
Vom Rohrleitungsbau zum VEB
In Bitterfeld und im benachbarten Muldenstein entstanden nach 1945 neue volkseigene Rohrleitungsbetriebe. 1951 wurden sie zum VEB EKM Rohrleitungsbau Bitterfeld zusammengeführt. Die Bedeutung des Betriebes wuchs insbesondere durch den enormen Ausbau der Energie- und Chemieindustrie der DDR. Ab 1. Januar 1962 erfolgte die Aufteilung: Der VEB Industrie- und Kraftwerksrohrleitungen Bitterfeld übernahm vor allem die Montage, während der VEB Rohrwerke Bitterfeld für die Herstellung von Rohren zuständig war.

Beteiligung an den großen Kraftwerksprojekten
Der IKR war an zahlreichen bedeutenden Energieprojekten beteiligt. Dazu gehörten unter anderem die Kraftwerke Lübbenau, Trattendorf, Boxberg und Jänschwalde sowie das Pumpspeicherwerk Markersbach. Auch am Bau der Kernkraftwerke in Greifswald und Stendal war der Bitterfelder Betrieb beteiligt. Damit war der VEB IKR ein wichtiger Bestandteil des industriellen Rückgrats der DDR. Seine Mitarbeiter verlegten Rohrsysteme dort, wo Energie erzeugt, Chemikalien verarbeitet oder industrielle Prozesse betrieben wurden.
Rohrleitungen für die „Druschba-Trasse“
Die Aufträge reichten weit über die DDR hinaus. Besonders bedeutend war der Bau von Rohrleitungen im Zusammenhang mit der „Freundschaft“-Pipeline, über die Erdöl aus der Sowjetunion nach Osteuropa transportiert wurde. 1959 erhielt der Bitterfelder Rohrleitungsbau den Auftrag zur Fertigung von rund 900 Kilometern Erdölrohrleitung. Später waren Bitterfelder Fachkräfte auch bei Projekten in zahlreichen Ländern tätig, darunter Algerien, Indien, Syrien, Vietnam und Nicaragua.

Ein Großbetrieb mit internationalem Einsatz
1985 wurde der VEB IKR zum Leitbetrieb eines Montagegroßbetriebes. Der bisher eigenständige VEB Rohrwerke Bitterfeld wurde als Betriebsteil eingegliedert. Auch der VEB Montagewerk Leipzig gehörte ab 1986 zum IKR. Die Beschäftigten waren nicht nur auf dem Bitterfelder Werksgelände tätig. Große Baustellen führten sie quer durch die DDR und in zahlreiche Staaten des damaligen Ostblocks und der Entwicklungsländer.
Probleme auf den Großbaustellen
Die Arbeit war allerdings nicht ungefährlich. Beim Bau des Gaskombinats Schwarze Pumpe kam es beispielsweise zu einem schweren Schaden an einer Dampfleitung. Eine rund 60 Meter lange 38-ATA-Dampfleitung zerplatzte 1969. Untersuchungen stellten unter anderem Probleme bei Rohrqualität und Montage fest. Solche Ereignisse zeigen, welche enormen technischen Anforderungen mit dem industriellen Rohrleitungsbau verbunden waren.

Das Ende nach 1990
Mit der deutschen Wiedervereinigung zerfielen die Strukturen der DDR-Industrie. 1990 wurde der VEB IKR in eine GmbH umgewandelt. Das Unternehmen wurde später Teil der Babcock-Gruppe. Gleichzeitig gingen zahlreiche Arbeitsplätze verloren. Die Rohrwerke wurden wieder vom IKR getrennt und ebenfalls privatisiert. Der Standort Muldenstein wurde zur Rohrwerke Muldenstein GmbH, die jedoch im Jahr 2000 geschlossen wurde.

Die Geschichte lebt weiter
Die industrielle Tradition ist in Bitterfeld allerdings nicht vollständig verschwunden. Aus dem ehemaligen IKR entwickelte sich die heutige IKR GmbH, die weiterhin im Rohrleitungs- und Anlagenbau tätig ist. Das Unternehmen arbeitet unter anderem für Chemie, Petrochemie, Energie, Metallurgie und Industrie. Auch ehemalige Mitarbeiter halten die Erinnerung an den Betrieb wach. Der Rohrleitungsverein Bitterfeld hat die Geschichte des Rohrleitungsbaus in der Region gemeinsam mit Zeitzeugen dokumentiert.
Ein vergessenes Kapitel der DDR-Industrie
Der VEB Industrie- und Kraftwerksrohrleitungen Bitterfeld war weit mehr als ein lokaler Industriebetrieb. Seine Rohrbauer waren an Kraftwerken, Chemieanlagen, Pipelines und Großprojekten in der DDR und im Ausland beteiligt. Heute ist der Name IKR vor allem Fachleuten bekannt. Doch die Geschichte des Betriebes macht deutlich, welche technische und logistische Leistung hinter dem Aufbau der DDR-Industrie steckte.
