Scheinwerfer, Rückleuchten, Blinker und Zündanlagen für Fahrzeuge wurden hier über Jahrzehnte gefertigt: Der VEB Fahrzeugelektrik Karl-Marx-Stadt gehörte zu den bedeutenden Herstellern von Fahrzeugelektrik in der DDR. Seine Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Heute erinnern vor allem denkmalgeschützte Fabrikgebäude und der markante Riemann-Turm an den einstigen Großbetrieb. Die Geschichte begann mit der von Hermann Riemann gegründeten Metallwarenfabrik. Bereits 1894 entstand an der heutigen Hofer Straße ein neues Fabrikgebäude. Aus der Produktion von Fahrradlampen entwickelte sich schnell ein bedeutender Hersteller von Beleuchtungstechnik für Motorräder und Automobile.

Der Betrieb wuchs rasant. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Riemann zu den führenden Herstellern von Fahrzeugbeleuchtung und beschäftigte zeitweise rund 900 Menschen. Erweiterungen machten aus der ursprünglichen Fabrik einen weitläufigen Industriekomplex. Der markante Turm wurde zu einem weithin sichtbaren Wahrzeichen des Chemnitzer Sonnenbergs.
Enteignung und Neubeginn
Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch an den Chemnitzer Fabrikanlagen Schäden. Nach 1945 kam es zur Enteignung der bisherigen Unternehmen. Aus mehreren Betrieben entstand schließlich der staatliche VEB Fahrzeugelektrik. Zum 1. Januar 1953 wurden drei Chemnitzer Vorgängerbetriebe zum VEB Fahrzeugelektrik zusammengeschlossen. Der Großbetrieb wuchs weiter und erhielt zusätzliche Entwicklungs- und Produktionsbereiche.







Scheinwerfer für die DDR
Die Fahrzeugelektrik blieb auch in der DDR ein wichtiger Bestandteil der Fahrzeugindustrie. Produziert wurden unter anderem Scheinwerfer, Blinker und Rückleuchten für Mopeds, Motorräder und Automobile. Auch Zündanlagen gehörten zum Produktionsprogramm. Insgesamt arbeiteten im erweiterten Betrieb zeitweise rund 1.400 Menschen. Die organisatorische Struktur änderte sich mehrfach. 1968 wurde der Betriebsteil dem VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt zugeordnet. 1973 entstand der VEB Fahrzeugelektrik Karl-Marx-Stadt erneut als eigenständiger Kombinatsbetrieb, nun innerhalb des VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla.

Nach 1990 kommt das Aus
Mit der politischen Wende brach die bisherige Wirtschaftsstruktur zusammen. Aus dem VEB wurde 1990 die Fahrzeug-Elektrik-Elektronik GmbH Chemnitz. Der Versuch, den Betrieb unter marktwirtschaftlichen Bedingungen weiterzuführen, scheiterte jedoch. 1992 wurde die Produktion endgültig eingestellt. Die Fabrik stand anschließend mehr als zwei Jahrzehnte leer. Leerstand, fehlende Investitionen und Vandalismus setzten der historischen Bausubstanz massiv zu.
Vom Lost Place zum neuen Quartier
Lange drohte dem imposanten Fabrikkomplex der Abriss. Besonders die Gebäude an Fürsten- und Hofer Straße galten als stark gefährdet. Dabei besaßen sie einen erheblichen industrie- und baugeschichtlichen Wert. Heute steht der erhaltene Gebäudekomplex unter Denkmalschutz. Ein Investor übernahm das Areal 2016 und begann ab 2018 mit der behutsamen Sanierung. Der historische 33 Meter hohe Riemann-Turm blieb erhalten. Bis 2021 entstand auf dem Gelände eine moderne Wohnanlage mit 42 Eigentumswohnungen.

Ein Stück Chemnitzer Industriegeschichte bleibt erhalten
Der VEB Fahrzeugelektrik ist damit ein Beispiel für den Wandel vieler ostdeutscher Industriebetriebe: Aus einer erfolgreichen Fabrik des Kaiserreichs wurde ein volkseigener DDR-Großbetrieb, danach eine kurzlebige GmbH und schließlich eine verlassene Industriebrache. Während große Teile des historischen Areals verschwunden oder umgenutzt worden sind, erinnert der erhaltene Fabrikkomplex weiterhin an die industrielle Vergangenheit des Chemnitzer Sonnenbergs.

Wo einst tausende Lampen und elektrische Bauteile für Fahrzeuge gefertigt wurden, befinden sich heute Wohnungen – doch der markante Riemann-Turm erinnert noch immer an die Zeit, als hier das Licht für die Fahrzeuge der DDR entstand.
