Papierfabrik E. Holtzmann & Cie. – Werk Breitwies

Foto: Gerd Eichmann/CC BY-SA 4.0
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Zwischen Langenbrand und Au, unmittelbar an der Murg, liegt ein Ort, der für die Geschichte der deutschen Papierindustrie von besonderer Bedeutung ist: Breitwies. Hier entstand in den 1880er-Jahren das erste Werk der später zu einem bedeutenden Papierkonzern heranwachsenden Firma E. Holtzmann & Cie. Was heute teilweise wie ein historisches Industrieareal wirkt, war einst ein hochmoderner Produktionsstandort. Wasser, Holz und technische Innovation bildeten die Grundlage für einen Betrieb, der das Murgtal wirtschaftlich und gesellschaftlich über Jahrzehnte prägte. Die Geschichte der Papierfabrik Breitwies ist damit zugleich die Keimzelle der Holtzmann-Unternehmensgeschichte.

1883: Der Grundstein für das Werk Breitwies

Am 1. Mai 1883 gründeten Eugen Holtzmann, August Fischer und Johannes Dorn die E. Holtzmann & Cie. als offene Handelsgesellschaft. Ziel war der Aufbau einer Holzstoff- und Papierfabrik im Murgtal. Ausschlaggebend für die Standortwahl waren zwei natürliche Ressourcen, die hier unmittelbar zusammenkamen: der Holzreichtum des Nordschwarzwaldes und die Wasserkraft der Murg.

Bereits wenige Tage nach der Unternehmensgründung wurde ein wichtiger Schritt für den späteren Standort Breitwies eingeleitet. Am 7. Mai 1883 erfolgte der erste Spatenstich für die Privatstraße der Firma E. Holtzmann nach Breitwies. Damit begann die Erschließung des neuen Industrieareals. Die Standortentscheidung war aus damaliger Sicht konsequent. Die Papierherstellung benötigte große Mengen Holz und Energie. Beides war im Murgtal vorhanden. Die Murg konnte als Energiequelle genutzt werden, während die Wälder des Schwarzwaldes den Rohstoff für die Holzschliffproduktion lieferten.

1886 entsteht der erste Holzschliff

Die eigentliche industrielle Produktion begann wenige Jahre nach der Firmengründung. 1886 erzeugte E. Holtzmann & Cie. im Werk Breitwies erstmals Holzschliff. Damit war die Grundlage für die anschließende Papierherstellung geschaffen. Holzschliff war für die damalige Papierindustrie von enormer Bedeutung. Holz konnte dadurch wesentlich effizienter als zuvor als Rohstoff für die Papierproduktion genutzt werden. Die industrielle Papierherstellung entfernte sich damit immer stärker von den traditionellen Rohstoffen und Produktionsmethoden. Für Breitwies bedeutete diese Entwicklung den Einstieg in eine Industrie, die im ausgehenden 19. Jahrhundert einen gewaltigen Wachstumsschub erlebte.

Das erste Papier läuft vom Band

    Nur ein Jahr später folgte der entscheidende Schritt: 1887 wurde im Werk Breitwies erstmals Papier hergestellt. Nach Angaben der Gemeinde Weisenbach wurde am 20. Mai 1887 das erste Papier mit einer Arbeitsbreite von 2,60 Metern produziert. Das Werk war damit nicht länger lediglich eine Holzschleiferei, sondern eine echte Papierfabrik. Dieser Moment markiert den eigentlichen Beginn der industriellen Papierproduktion von Holtzmann. Aus dem 1883 gegründeten Unternehmen entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten ein bedeutender Papierhersteller.

    Die Dimensionen der damaligen Anlage waren für die Zeit beachtlich. Eine Papiermaschine mit einer Arbeitsbreite von 2,60 Metern war ein Ausdruck moderner industrieller Fertigung. Die Produktion war nicht mehr auf einen regionalen Absatzmarkt beschränkt, sondern konnte auf größere Mengen und überregionale Kunden ausgerichtet werden.

    Breitwies und die Kraft der Murg

    Ohne die Murg wäre die Entwicklung des Werkes kaum denkbar gewesen. Die Wasserkraft war einer der entscheidenden Standortfaktoren. Die Holtzmann-Unternehmer nutzten das natürliche Gefälle des Flusses systematisch. Später wurde das gesamte System der Werke so miteinander verbunden, dass das Wasser an mehreren Stellen zur Energiegewinnung eingesetzt werden konnte. Historische Darstellungen beschreiben eine gestufte Nutzung des Murggefälles zwischen Forbach und Weisenbach. Das Wasser wurde dabei nacheinander verschiedenen Kraftwerksanlagen zugeführt.

    Breitwies war somit Bestandteil eines technisch ausgeklügelten Energiesystems. Die Papierfabrik war nicht einfach an einem Fluss gebaut worden. Die Murg wurde vielmehr zu einem wesentlichen Bestandteil der industriellen Produktion. Bis heute erinnert die erhaltene Wasserkraftinfrastruktur an diese Epoche. Nach Angaben der historischen Runde Weisenbach wird an der ehemaligen Wasserkraftanlage weiterhin erneuerbare Energie erzeugt.

    Aus einem Werk wird ein Industrieverbund

    Der Erfolg in Breitwies führte dazu, dass E. Holtzmann & Cie. innerhalb weniger Jahre weiter expandierte. 1889 entstand die Schleiferei in Schlechtau, später folgte das Werk Wolfsheck. Gemeinsam bildeten die Standorte die sogenannte Weisenbachfabrik. Breitwies blieb dabei ein zentraler Bestandteil dieses industriellen Verbundes. Die Entwicklung zeigt, welche Dynamik die Papierindustrie im Murgtal innerhalb nur weniger Jahrzehnte entwickelte. Was 1883 als neues Unternehmen begonnen hatte, wurde zu einem weit verzweigten Produktionssystem. Doch der Ursprung dieser Entwicklung lag in Breitwies.

    Eine Fabrik verändert das Murgtal

    Mit dem Ausbau der Papierproduktion veränderte sich auch die Umgebung. Der Betrieb benötigte Arbeitskräfte, Verkehrswege, Energieanlagen und eine funktionierende Logistik. Die Entwicklung der Holtzmann-Werke ging deshalb weit über die eigentlichen Fabrikmauern hinaus. Das Unternehmen wurde zu einem wichtigen Arbeitgeber und prägte die wirtschaftliche Entwicklung der umliegenden Gemeinden. Die Bedeutung des Standorts zeigt sich auch daran, dass bereits 1892 die drei Holtzmann-Werke als die „Weisenbachfabrik“ zusammengefasst wurden. Breitwies war damit Bestandteil eines Industriekomplexes, der zu den bedeutenden Papierstandorten der Region gehörte.

    Technik statt Romantik

    Heute ist es leicht, in einem historischen Fabrikareal vor allem die morbide Atmosphäre alter Industriegebäude zu sehen. Die Geschichte von Breitwies erzählt allerdings zunächst eine andere Geschichte: die des technischen Fortschritts. Hier wurden Maschinen installiert, die für ihre Zeit hochmodern waren. Wasser wurde über technische Anlagen geleitet, Holz wurde zu Holzschliff verarbeitet und daraus Papier hergestellt. Produktionsabläufe wurden optimiert und die Kapazitäten kontinuierlich erweitert.

    Das Werk Breitwies steht damit beispielhaft für die Industrialisierung des Schwarzwaldes. Die Region war längst nicht mehr ausschließlich von Forstwirtschaft, Handwerk und Flößerei geprägt. Mit der Papierindustrie entstand eine neue industrielle Arbeitswelt.

    Die Holtzmann-Ära geht zu Ende

    Über viele Jahrzehnte blieb Breitwies Teil der wachsenden Holtzmann-Unternehmenswelt. Doch die Entwicklung der Papierindustrie veränderte sich grundlegend. Große Produktionsstandorte, moderne Logistik und steigende Anforderungen an Effizienz machten kleinere historische Werke zunehmend schwieriger wirtschaftlich zu betreiben. Die industrielle Konzentration führte schließlich dazu, dass die alten Produktionsstandorte im Murgtal ihre ursprüngliche Funktion verloren. Für Breitwies kam das Ende der Papierproduktion in den 1990er-Jahren. Die historische Runde Weisenbach nennt die 1990er-Jahre als Zeitraum der Stilllegung des Werkes. Damit endete nach mehr als einem Jahrhundert die Geschichte Breitwies als Papierproduktionsstandort.

    Was aus dem ehemaligen Werk Breitwies wurde

    Mit der Stilllegung verschwand das Gelände jedoch nicht von der Landkarte. Anders als bei vielen verlassenen Industrieanlagen wurde das Areal nicht vollständig sich selbst überlassen. Heute wird der ehemalige Standort gewerblich genutzt. Teile des historischen Werksgeländes wurden einer neuen Nutzung zugeführt. Damit ist Breitwies ein Beispiel für eine Industriebrache, die nicht vollständig zum Lost Place geworden ist, sondern sich zu einem Nebeneinander aus historischer Bausubstanz und heutiger Wirtschaft entwickelt hat.

    Gerade diese Entwicklung macht den Standort interessant. Zwischen alten Gebäuden und modernen Nutzungen lässt sich die industrielle Vergangenheit noch ablesen. Die frühere Papierfabrik ist damit kein abgeschlossenes Kapitel. Ihre Gebäude und technischen Anlagen sind Teil einer neuen Nutzungsgeschichte geworden.

    Die historische Substanz bleibt sichtbar

    Für die Industriekultur ist Breitwies besonders interessant, weil die Geschichte des Standortes nicht ausschließlich in Archiven zu finden ist. Gebäude, Produktionsstrukturen und die Wasserkraftanlagen erinnern noch heute an die ursprüngliche Funktion. Die historische Bausubstanz vermittelt einen Eindruck davon, wie stark die Papierproduktion das Landschaftsbild des Murgtals verändert hat.

    Dabei ist gerade die Verbindung von Industrie und Landschaft charakteristisch. Die Fabrik entstand nicht trotz ihrer Lage im Schwarzwald, sondern gerade wegen dieser Lage. Der Wald lieferte den Rohstoff, die Murg die Energie und die vorhandene Infrastruktur ermöglichte später den Transport der Produkte. Breitwies ist damit ein frühes Beispiel für eine Industrie, die natürliche Ressourcen konsequent in einen industriellen Produktionskreislauf integrierte.

    Breitwies heute: Industriegeschichte mit Zukunft

    Vom ursprünglichen Zweck des Werkes ist heute keine Papierproduktion mehr übrig. Doch der Standort hat eine neue Funktion gefunden. Das ehemalige Holtzmann-Areal zeigt damit einen wichtigen Aspekt moderner Industriekultur: Nicht jedes historische Fabrikgelände muss verfallen, um seine Geschichte zu bewahren. Manchmal entsteht gerade durch die Weiternutzung eine besonders interessante Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

    In Breitwies treffen heute wirtschaftliche Nutzung, historische Bausubstanz und technische Denkmale aufeinander. Das macht den ehemaligen Standort der Papierfabrik E. Holtzmann & Cie. zu einem bemerkenswerten Zeugnis der Industriegeschichte im Murgtal.

    Schornstein in schlechtem Zustand

    Besonders problematisch ist inzwischen die Bausubstanz einzelner Anlagen. Am alten Schornstein haben sich Teile gelöst beziehungsweise drohen sich zu lösen. Herabfallende Bauteile können dabei eine erhebliche Gefahr für Menschen darstellen. Der Fall zeigt einmal mehr, wie schnell große Industrieanlagen nach ihrer Stilllegung zu einem Sicherheitsrisiko werden können. Gerade bei jahrzehntealten Bauwerken sind Witterung, Korrosion und fehlende Instandhaltung eine gefährliche Kombination.

    Foto: Gerd Eichmann/CC BY 4.0

    Zwischen Industriekultur und Verfall

    Das Holtzmann-Areal steht beispielhaft für ein Dilemma vieler ehemaliger Industriestandorte: Einerseits besitzen die Gebäude einen hohen historischen und architektonischen Wert, andererseits wird ihre Erhaltung mit zunehmendem Verfall immer schwieriger und teurer. Für das ehemalige Holtzmann-Areal stellt sich damit erneut die entscheidende Frage: Wie lange kann man Industriegeschichte dem Verfall überlassen, bevor aus einem Denkmal ein Sicherheitsproblem wird?

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