Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann bereits 1933 der systematische Ausbau der deutschen Rüstungsindustrie. Unter strengster Geheimhaltung entstanden im gesamten Deutschen Reich moderne Munitions- und Sprengstoffwerke, die nach einheitlichen Planungsstandards errichtet wurden. Zu den bedeutendsten Anlagen gehörte die spätere Munitionsfabrik Hirschhagen bei Hessisch Lichtenau in Nordhessen.
Für den Standort sprach nahezu alles: dichter Mischwald zur Tarnung vor feindlicher Luftaufklärung, eine gute Anbindung an Straße und Schiene, große Wasserreserven sowie nahegelegene Braunkohlegruben zur Energieversorgung. Gleichzeitig bot die ländliche Region genügend Arbeitskräfte, ohne andere kriegswichtige Industrien zu schwächen.

Tarnname „Friedland Werke“: Gigantische Fabrik mitten im Wald
1936 begannen unter dem Decknamen „Friedland Werke“ die Bauarbeiten für eines der größten deutschen Sprengstoffwerke. Tausende Arbeiter errichteten im Mehrschichtbetrieb Produktionshallen, Lager, Werkstätten, Gleisanlagen und eine umfangreiche Infrastruktur. Die Beschäftigten lebten überwiegend in einfachen Baracken und Notunterkünften in umliegenden Orten wie Hessisch Lichtenau, Waldhof, Fürstenhagen oder Eschenstruth. Die Arbeitsbedingungen galten als äußerst gefährlich. Unzureichende Sicherheitsmaßnahmen führten immer wieder zu schweren Verletzungen, Erkrankungen und Todesfällen.
Produktion von TNT und Pikrinsäure auf Höchstleistung
Bereits 1938 begann die Herstellung von Trinitrotoluol (TNT), wenig später folgte die Produktion von Pikrinsäure. Ab 1940 wurde das Werk kontinuierlich erweitert und entwickelte sich zu einem nahezu autarken Rüstungsbetrieb. Die Anlage verfügte über eigene Energieversorgung, Sprengstofflager, Werkstätten, Verwaltungsgebäude, ein ausgeklügeltes Schienennetz sowie eine moderne Säurerückgewinnungsanlage, mit der wertvolle Rohstoffe recycelt wurden. Zwischen 1938 und 1945 entstanden in Hirschhagen rund 135.000 Tonnen TNT sowie etwa 7.000 Tonnen Pikrinsäure – Mengen, die für die deutsche Kriegsführung von enormer Bedeutung waren.

Feuerlose Lokomotiven und strengste Sicherheitsmaßnahmen
Auf dem rund 17 Kilometer langen Werksbahnnetz durften ausschließlich sogenannte feuerlose Dampflokomotiven verkehren. Herkömmliche Dampfloks hätten durch Funkenflug jederzeit eine Explosion auslösen können. Auch innerhalb des Werks galten strenge Vorschriften. Der Transport kleinerer Güter erfolgte ausschließlich mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Flüssige Chemikalien wurden über ein weit verzweigtes Rohrleitungssystem zwischen den Produktionsanlagen, Lagertanks und Kesselhäusern verteilt.
Tausende Zwangsarbeiter mussten unter lebensgefährlichen Bedingungen arbeiten
Mit zunehmender Kriegsdauer stieg der Arbeitskräftemangel drastisch an. Ab 1940 wurden zunächst ausländische Arbeitskräfte aus Polen, den Niederlanden, Tschechien und Italien eingesetzt. Später kamen Menschen aus Frankreich, Belgien, Bulgarien sowie der Sowjetunion hinzu.
Ab 1942 nahm der Anteil der Zwangsarbeiter erheblich zu. Im Sommer 1944 wurden zusätzlich 150 Häftlinge aus dem Lager Breitenau sowie rund 1.000 ungarische Jüdinnen aus dem Konzentrationslager Auschwitz nach Hirschhagen gebracht. Wer aufgrund der extremen Arbeitsbedingungen nicht mehr arbeitsfähig war, wurde zurück in die Konzentrationslager transportiert und dort vielfach ermordet.
1944 arbeiteten mehr als 4.000 Menschen in der Munitionsfabrik. Jeder Produktionsschritt war mit einem enormen Explosionsrisiko verbunden – bei einem Unfall hätten die Beschäftigten praktisch keine Überlebenschance gehabt.

Überraschend kaum Ziel alliierter Bombenangriffe
Obwohl die britische Royal Air Force das Werk bereits 1943 aus der Luft fotografierte, blieb Hirschhagen weitgehend von Bombardierungen verschont. Der Grund lag in der besonderen Bedeutung der dortigen Säurespaltanlage. Sie versorgte zahlreiche andere Sprengstofffabriken mit wichtigen chemischen Vorprodukten. Eine Zerstörung hätte erhebliche Auswirkungen auf die gesamte deutsche Munitionsproduktion gehabt.
Nach Kriegsende Demontage und massive Umweltbelastung
Mit dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 endete die Produktion schlagartig. Die Anlagen wurden demontiert, wertvolle Maschinen abtransportiert und große Mengen Chemikalien achtlos in der Umgebung entsorgt. Zunächst blieb das gesamte Ausmaß der Umweltverschmutzung verborgen. Erst Anfang der 1960er Jahre wurden die ersten hochgiftigen Altlasten entdeckt. Bekannt wurde der Fall, nachdem 1963 ein Hund in ein verseuchtes Becken geraten und an den Folgen der Vergiftung verendet war.
Von 1992 bis 2009 wurden im Auftrag des Landes Hessen umfangreiche Bodensanierungen durchgeführt, die Millionenbeträge verschlangen. Dennoch existieren bis heute eingezäunte Bereiche mit Warnhinweisen vor giftigen Altlasten.

Vom Sprengstoffwerk zum Industriegebiet
Nach dem Krieg siedelten sich nach und nach zahlreiche Unternehmen auf dem ehemaligen Werksgelände an. Viele frühere Produktionsgebäude wurden zu Werkhallen, Lagerflächen oder sogar Wohnhäusern umgebaut und prägen bis heute das ungewöhnliche Erscheinungsbild des Industriegebietes Hirschhagen.
Trotz umfangreicher Sanierungsmaßnahmen erinnern zahlreiche Relikte noch immer an die Geschichte der einstigen Munitionsfabrik. Verlassene Bunker, ehemalige Produktionsgebäude sowie abgesperrte Altlastenflächen machen deutlich, welche enormen ökologischen und historischen Folgen die NS-Rüstungsindustrie bis heute hinterlassen hat.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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