Am Rand von Calbe (Saale) in Sachsen-Anhalt steht ein Bauwerk, das die industrielle Geschichte der Stadt bis heute eindrucksvoll widerspiegelt: das ehemalige Kraftwerk des Niederschachtofenwerks Calbe. Der markante Backsteinbau gehörte einst zu einem ambitionierten Industrieprojekt der DDR, mit dem die junge Republik ihre Versorgung mit Eisen unabhängiger von Importen machen wollte. Heute erinnert die Anlage an eine Epoche, in der wirtschaftliche Eigenständigkeit, technische Experimente und staatliche Industrieplanung die Entwicklung ganzer Städte prägten.

Das Kraftwerk war kein isolierter Energieerzeuger, sondern Teil eines umfassenden metallurgischen Produktionskomplexes. Seine Geschichte ist deshalb untrennbar mit dem Niederschachtofenwerk verbunden, das in Calbe Anfang der 1950er-Jahre entstand. Während das Hüttenwerk längst stillgelegt ist, hat sich der markante Kraftwerksbau als sichtbares Zeugnis dieser außergewöhnlichen Industriegeschichte erhalten.
Warum ausgerechnet Calbe zum Standort wurde
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die wirtschaftliche Entwicklung der sowjetischen Besatzungszone und später der DDR vor erheblichen Herausforderungen. Der Zugang zu wichtigen Rohstoffen war eingeschränkt, gleichzeitig benötigte die Industrie große Mengen Eisen für Maschinenbau, Bauwirtschaft und weitere Produktionszweige. Die heimischen Eisenerzvorkommen im Harz boten zwar Ressourcen, ihr vergleichsweise geringer Eisengehalt erschwerte jedoch die Verarbeitung in herkömmlichen Hochöfen.

Die Lösung sollte ein neu entwickeltes Verfahren bieten: die Verhüttung eisenarmer Erze in sogenannten Niederschachtöfen. Calbe bot dafür günstige Voraussetzungen. Die Stadt lag in erreichbarer Nähe zu den Erzvorkommen des Harzes, und die Saale stellte Wasser für den industriellen Betrieb bereit. Zugleich versprach das Vorhaben einen wirtschaftlichen Aufschwung für eine Stadt, deren industrielle Tradition bis dahin vor allem durch das Tuchmachergewerbe geprägt worden war.
Mit dem Bau des Niederschachtofenwerks erhielt Calbe eine neue wirtschaftliche Perspektive. Das Projekt war zugleich ein industriepolitisches Experiment von erheblicher Bedeutung: Die DDR wollte beweisen, dass sich auch unter schwierigen Rohstoffbedingungen eine leistungsfähige Eisenproduktion aufbauen ließ.

1950 begann der Aufbau des Niederschachtofenwerks
Im Jahr 1950 begann auf dem Gelände der Eisenwerke West der Aufbau des ersten Niederschachtofens. Unter der Leitung des Forschers Kurt Säuberlich hatte ein Kollektiv ein Verfahren entwickelt, das die Verarbeitung der heimischen, eisenarmen Erze ermöglichen sollte. Das neue Werk wurde damit zu einem technischen Versuchsfeld, dessen Bedeutung weit über die Region hinausreichte.
Am 15. Oktober 1951 kam es zum ersten Roheisenabstich. Die Anlage nahm unter dem Namen Eisenwerke West ihren Betrieb auf und galt als weltweit erste industrielle Anlage dieser Art. Das Vorhaben besaß einen hohen symbolischen Stellenwert: Die junge DDR wollte ihre industrielle Leistungsfähigkeit demonstrieren und einen wichtigen Teil ihres Eisenbedarfs aus eigenen Rohstoffen decken.

Der Aufbau des Werks veränderte auch Calbe. Die Industrieanlage entwickelte sich zu einem bedeutenden Arbeitgeber, zog Arbeitskräfte an und prägte die wirtschaftliche Ausrichtung der Stadt. Aus dem traditionsreichen Ort an der Saale wurde vorübergehend ein wichtiger Standort der DDR-Metallurgie.
Das Kraftwerk entstand 1953
Zwei Jahre nach dem ersten Roheisenabstich wurde 1953 das Industriekraftwerk errichtet. Es diente der Verwertung des bei der Verhüttung entstehenden Gichtgases und war damit unmittelbar in den Produktionsprozess eingebunden. Die Nutzung dieses Prozessgases sollte helfen, die Energieversorgung des Werks wirtschaftlich zu organisieren. Die Anlage war somit ein funktionaler Bestandteil des metallurgischen Gesamtsystems. Ohne die Energieversorgung ließ sich die industrielle Produktion nicht dauerhaft aufrechterhalten; zugleich eröffnete die Nutzung des Gichtgases die Möglichkeit, einen bei der Verhüttung entstehenden Nebenstrom energetisch zu verwerten.

Architektonisch hebt sich das Kraftwerk durch seinen markanten Backsteinbau von vielen später entstandenen Zweckbauten ab. Seine Dimensionen und die massive Bauweise vermitteln noch heute den Anspruch, mit dem das Industrieprojekt geplant und umgesetzt wurde. Die Gebäude stehen für eine Zeit, in der Industriearchitektur nicht nur funktionale Hülle war, sondern auch die Leistungsfähigkeit eines Betriebs nach außen verkörperte.
Das Kraftwerk gehörte damit zu einer industriellen Infrastruktur, die auf die besonderen Anforderungen des Niederschachtofenverfahrens zugeschnitten war. Seine Geschichte lässt sich nicht losgelöst von den Öfen, den Rohstofflieferungen und den Energieflüssen des gesamten Werks betrachten.

Vom Eisenwerk zum Niederschachtofenwerk Calbe
Die organisatorische Entwicklung des Unternehmens spiegelte die Veränderungen der DDR-Wirtschaft wider. 1959 wurde der Betrieb in VEB NOW Niederschachtofenwerk Calbe (Saale) umbenannt. 1964 folgte der Zusammenschluss mit den beteiligten Eisenerzgruben zum VEB Bergbau- und Hüttenkombinat Calbe (Saale). Hinter diesen Umstrukturierungen stand der Versuch, Rohstoffgewinnung und industrielle Verarbeitung enger miteinander zu verzahnen. Die Erzversorgung aus dem Harz war für den Betrieb von zentraler Bedeutung. Mit der organisatorischen Zusammenführung sollten die Voraussetzungen für eine abgestimmte Produktion verbessert werden.
Doch die strukturelle Bündelung konnte die grundlegenden wirtschaftlichen Probleme des Verfahrens nicht lösen. Die Verarbeitung der eisenarmen Erze erforderte große Mengen Braunkohlenhochtemperaturkoks. Gleichzeitig war der Betrieb personalintensiv: Die zehn Niederschachtöfen erreichten jeweils eine Tagesproduktion von ungefähr 100 Tonnen, benötigten dafür jedoch zahlreiche Arbeitskräfte.
Hinzu kam ein weiterer Nachteil des Standorts. In Calbe fehlte eine ausreichend ausgeprägte weiterverarbeitende Industrie, die das erzeugte Roheisen unmittelbar hätte aufnehmen können. Damit geriet das Vorzeigeprojekt zunehmend unter wirtschaftlichen Druck.

Das Ende des industriellen Experiments
Was als zukunftsweisende Lösung für die Rohstoffversorgung begonnen hatte, erwies sich langfristig als nicht konkurrenzfähig. Trotz technischer Verbesserungen gelang es nicht, den hohen Aufwand für die Verhüttung der eisenarmen Erze ausreichend zu reduzieren. Der Bedarf an Koks, der hohe Personalaufwand und die fehlende Weiterverarbeitung am Standort belasteten die Wirtschaftlichkeit. 1970 wurde das Niederschachtofenwerk schließlich stillgelegt. Damit endete ein ungewöhnliches Kapitel der DDR-Industriegeschichte. Rund 2.500 Beschäftigte im Werk und etwa 1.000 Arbeiter in den Erzgruben waren von der Schließung beziehungsweise der anschließenden Neuordnung betroffen. Sie wurden in Betrieben des neu geschaffenen Metallleichtbaukombinats untergebracht.
Für Calbe bedeutete das Ende des Hüttenwerks einen tiefgreifenden Einschnitt. Die industrielle Entwicklung, die der Stadt innerhalb weniger Jahre eine neue wirtschaftliche Bedeutung verschafft hatte, verlor ihre Grundlage. Zurück blieb ein weitläufiges Werksgelände, dessen Gebäude und technische Anlagen fortan mit einer abgeschlossenen Produktionsgeschichte verbunden waren. Die Stilllegung war nicht nur das Ende eines Unternehmens. Sie zeigte auch die Grenzen einer Industriepolitik, die technische Machbarkeit und politische Zielsetzungen mitunter höher gewichtete als langfristige Wirtschaftlichkeit.

Nach der Stilllegung: Das Kraftwerk bleibt zurück
Mit dem Ende der Roheisenproduktion verlor auch das Kraftwerk seine ursprüngliche Aufgabe. Während der ehemalige Industriekomplex im Laufe der folgenden Jahrzehnte zunehmend an Bedeutung verlor, blieb der Backsteinbau als markanter Bestandteil des Geländes bestehen. Die Zeit nach der Stilllegung veränderte das Areal grundlegend. Teile der früheren Werksinfrastruktur verschwanden, andere Gebäude blieben zurück. Was einst ein zusammenhängender Produktionsstandort gewesen war, entwickelte sich zu einem Ort, an dem die industrielle Vergangenheit vor allem durch bauliche Überreste sichtbar blieb.
Das Kraftwerk gilt heute als besonders eindrucksvolles Relikt des früheren Niederschachtofenwerks. Seine massive Bauweise vermittelt noch immer einen Eindruck von der Größe der Anlage. Gleichzeitig verdeutlicht der Kontrast zwischen dem erhaltenen Gebäude und den verlorenen Teilen des Industriekomplexes, wie schnell die Infrastruktur eines einst bedeutenden Betriebs nach seiner Stilllegung ihre ursprüngliche Funktion verlieren kann. Damit besitzt das Kraftwerk einen dokumentarischen Wert: Es macht die industrielle Geschichte Calbes nicht nur in historischen Aufzeichnungen, sondern auch im Stadtbild nachvollziehbar.

Heutige Nutzung: Privatbesitz statt öffentlicher Industriedenkmalpflege
Der heutige Zustand des Kraftwerks ist von seiner früheren Funktion weit entfernt. Nach den verfügbaren Beschreibungen befindet sich das Gebäude in Privatbesitz und ist nicht öffentlich zugänglich. Eine reguläre Nutzung als Kraftwerk findet nicht mehr statt. Auch eine etablierte museale Nutzung des Gebäudes ist nicht dokumentiert. Ob und in welchem Umfang eine zukünftige Umnutzung, Sanierung oder touristische Erschließung vorgesehen ist, lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht verlässlich feststellen. Ebenso sollte nicht ohne gesicherte Belege behauptet werden, dass das Gebäude umfassend unter Denkmalschutz steht oder bereits ein konkretes Nachnutzungskonzept existiert.
Gerade diese offene Perspektive macht die Zukunft des Kraftwerks zu einer Frage des Umgangs mit industriellem Erbe: Soll ein solcher Bau dauerhaft als historisches Zeugnis erhalten bleiben, braucht es neben dem Interesse an seiner Geschichte auch eine tragfähige Perspektive für Sicherung, Unterhaltung und mögliche Nutzung.

Ein Stück DDR-Industriegeschichte mit offenem Ausgang
Das Kraftwerk Calbe steht stellvertretend für eine Phase, in der die DDR mit großem Aufwand versuchte, ihre Rohstoffversorgung und industrielle Produktion unabhängiger zu gestalten. Das Niederschachtofenwerk war ein technisches Pionierprojekt, dessen Anspruch und wirtschaftliche Grenzen eng miteinander verbunden waren. Der erste Roheisenabstich 1951 markierte den Höhepunkt des Aufbruchs, die Stilllegung 1970 dessen ernüchterndes Ende.
Heute ist vom einstigen Produktionszusammenhang nur noch ein Teil sichtbar. Der erhaltene Backsteinbau erinnert an die Menschen, die in der Anlage arbeiteten, an die technischen Hoffnungen der Nachkriegszeit und an die wirtschaftlichen Probleme, die schließlich zur Aufgabe des Standorts führten.
Das ehemalige Kraftwerk ist deshalb mehr als ein verlassener Industriebau. Es ist ein steinernes Zeugnis eines gescheiterten Industrieexperiments und zugleich ein Stück Stadtgeschichte, dessen Zukunft noch Fragen offenlässt. Ob der Bau langfristig gesichert und einer neuen Nutzung zugeführt werden kann, bleibt eine entscheidende Frage für den Erhalt dieses besonderen Relikts der DDR-Industriekultur.
