Das ehemalige Heeresbekleidungsamt in Bernau bei Berlin zählt zu den eindrucksvollsten militärischen Geländen Deutschlands. Errichtet während des Zweiten Weltkriegs als zentrales Versorgungsdepot der Wehrmacht, entwickelte sich das Areal nach 1945 zu einem der wichtigsten Nachschubzentren der sowjetischen Streitkräfte in der DDR. Nach Jahrzehnten des Leerstands erlebt das riesige Gelände nun eine der größten Konversionsmaßnahmen Brandenburgs: Wo einst Uniformen, Ausrüstung und Ersatzteile gelagert wurden, soll in den kommenden Jahren ein modernes, nachhaltiges Stadtquartier mit rund 2.000 Wohnungen entstehen.
Entstanden als logistisches Herzstück der Wehrmacht
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ließ die Wehrmacht zwischen 1939 und 1942 am nordwestlichen Stadtrand von Bernau ein weitläufiges Heeresbekleidungsamt errichten. Die Anlage bestand aus einem Hauptlager mit Verwaltung sowie einem nahezu gleich großen Nebenlager.
Mehr als 1.000 Beschäftigte sorgten dafür, dass Uniformen, Ausrüstungsgegenstände und militärisches Zubehör für die deutschen Streitkräfte gelagert, verwaltet und verteilt werden konnten. Nach einem Luftangriff auf das Zellengefängnis Berlin-Moabit wurden zusätzlich rund 1.300 Arbeitskräfte nach Bernau verlegt, wodurch die Bedeutung des Standortes weiter zunahm. Das gesamte Gelände verfügte über mehrere Bahnanschlüsse und war optimal an das Schienennetz angebunden, um Material schnell in alle Teile des Deutschen Reiches transportieren zu können.

Versorgungsschaltzentrale der sowjetischen Streitkräfte
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm die sowjetische Besatzungsmacht beide Areale und baute sie zu einem der wichtigsten zentralen Versorgungsdepots der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland aus. Während im Hauptlager Verwaltungsaufgaben konzentriert wurden, entwickelte sich das Nebenlager zu einem riesigen Logistikzentrum. Dort lagerten Uniformen, Ersatzteile und militärische Ausrüstung. Gleichzeitig entstanden eine chemische Reinigung, eine Näherei, Werkstätten, eine Transporteinheit sowie die zentrale Feldpostverteilerstelle der sowjetischen Streitkräfte. Darüber hinaus war hier eine Nachschubbrigade des sowjetischen Verteidigungsministeriums stationiert.
Über Jahrzehnte gehörte das abgeschirmte Depot zu den wichtigsten Versorgungseinrichtungen der sowjetischen Armee auf dem Gebiet der DDR.

Markante Architektur mit den typischen Verbindungsbrücken
Bis heute prägen die monumentalen Klinkerbauten das Erscheinungsbild des ehemaligen Militärgeländes. Besonders auffällig sind die zahlreichen überdachten Verbindungsbrücken zwischen den Gebäuden, die dem Komplex seinen unverwechselbaren Charakter verleihen. Das Hauptamt wurde als imposanter Stahlbeton-Skelettbau mit insgesamt 35 Achsen errichtet. Große Fensterflächen, repräsentative Eingangsbereiche und weitläufige Flügelbauten spiegeln die funktionale Architektur der damaligen Zeit wider.
Auch das rund 20 Hektar große Nebenlager beeindruckt mit acht bogenförmig angeordneten Lagergebäuden, die teilweise miteinander verbunden sind. Insgesamt umfasst allein dieser Bereich rund 65.000 Quadratmeter Nutzfläche. Vier der historischen Backsteinbauten stehen heute unter Denkmalschutz und sollen dauerhaft erhalten bleiben.

Nach dem Truppenabzug begann der jahrzehntelange Verfall
Mit dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte Anfang der 1990er-Jahre verlor das Heeresbekleidungsamt seine militärische Funktion. Die riesigen Gebäude standen leer und verfielen zunehmend. Mehrere Versuche, Investoren für das Gelände zu gewinnen oder dort ein Logistikzentrum anzusiedeln, scheiterten. Während Graffiti-Künstler die verlassenen Gebäude für sich entdeckten, setzte sich der Verein Panke-Park Kulturkonvent Bernau für den Erhalt der historischen Bausubstanz ein und organisierte Sicherungs- sowie Aufräumarbeiten auf dem Gelände.

Aus dem Lost Place wird die „Gartenstadt“ Bernau
Erst mit dem Einstieg der Nordland GmbH erhielt das ehemalige Militärgelände eine realistische Zukunftsperspektive. Zunächst wurde das Nebenlager erworben und zu einem Wohnquartier umgebaut. Anschließend sicherte sich das Unternehmen auch das Hauptlager.
Unter dem Projektnamen „WeTown – Gartenstadt Bernau“ entsteht eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Brandenburgs. Vorgesehen sind rund 2.000 Wohnungen, 81 Neubauten, zwei Kindertagesstätten, eine Schule, Sportanlagen sowie umfangreiche Nahversorgungsangebote. Die historischen Kasernengebäude werden aufwendig saniert und in moderne Wohnhäuser umgewandelt. Ergänzt wird das Quartier durch großzügige Grünflächen, Wasserbecken, Tiefgaragen, begrünte Dächer sowie ein nachhaltiges Energiekonzept mit Niedrigstenergiestandard, Regenwassernutzung und Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge. Selbst eine Wasserstofftankstelle ist Bestandteil der langfristigen Planungen.

Umfangreiche Altlastensanierung als größte Herausforderung
Bevor auf dem Gelände gebaut werden konnte, mussten zahlreiche Hinterlassenschaften aus Wehrmachts- und Sowjetzeiten beseitigt werden. Dazu gehörten alte Panzerhallen, unterirdische Tankanlagen, Betonfundamente sowie große Mengen vergrabener Abfälle und kontaminierter Materialien. Erst nach umfangreichen Rückbau-, Entgiftungs- und Entsiegelungsmaßnahmen konnten die eigentlichen Bauarbeiten beginnen. Seit 2023 sind auf dem Gelände die ersten sichtbaren Fortschritte zu erkennen: Historische Gebäude werden entkernt und saniert, neue Straßen entstehen und die Infrastruktur für das künftige Wohnquartier wird vorbereitet.

Vom militärischen Sperrgebiet zum neuen Stadtteil
Mit der Fertigstellung der ersten Bauabschnitte beginnt für das ehemalige Heeresbekleidungsamt ein völlig neues Kapitel. Wo jahrzehntelang Uniformen der Wehrmacht und später der sowjetischen Armee lagerten, entsteht künftig ein moderner Stadtteil für mehrere tausend Menschen. Das Projekt verbindet die denkmalgerechte Erhaltung bedeutender Militärarchitektur mit nachhaltiger Stadtentwicklung und zählt damit zu den größten Konversionsvorhaben ehemaliger Militärflächen in Deutschland. Aus einem jahrzehntelang abgeschotteten Lost Place entwickelt sich Schritt für Schritt ein lebendiges Wohnquartier mit historischem Charakter.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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