Das lachende Kind auf der orangefarbenen Zwiebackpackung ist deutschlandweit bekannt. Was viele Verbraucher jedoch nicht wissen: Die Geschichte des Traditionsunternehmens Brandt begann 1912 in Hagen-Haspe. Über Jahrzehnte entwickelte sich die Fabrik an der Enneper Straße zu einem bedeutenden Arbeitgeber und zu einem Wahrzeichen der örtlichen Industriegeschichte. Doch steigende Anforderungen an die Produktion, wirtschaftliche Standortentscheidungen und die Verlagerung der Herstellung nach Thüringen beendeten die industrielle Ära am Stammsitz. Die alten Fabrikhallen wichen größtenteils einem modernen Einkaufs- und Dienstleistungszentrum. Heute verbindet das Brandt-Quartier Einzelhandel, Freizeitangebote und erhaltene historische Bausubstanz mit der Geschichte eines Unternehmens, dessen Name weiterhin eng mit Hagen verbunden ist.

Carl Brandt legt den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte
Am 21. Oktober 1912 gründete der Bäcker- und Konditormeister Carl Brandt im damaligen Haspe die „Märkische Zwieback- und Keksfabrik“. Der junge Unternehmer verfolgte ein klares Ziel: Zwieback und Biskuit sollten in gleichbleibender Qualität und zu erschwinglichen Preisen hergestellt werden. Die Geschäftsidee beruhte auf der Spezialisierung. Während traditionelle Bäckereien ein breites Sortiment produzierten, konzentrierte sich Brandt auf haltbare Backwaren, die sich industriell herstellen und über größere Entfernungen vertreiben ließen. Der Betrieb begann in überschaubarem Umfang. Carl Brandt kümmerte sich um die Herstellung, den Vertrieb und die Belieferung von Geschäften in der Umgebung.

Der Standort Haspe bot gute Voraussetzungen für die Entwicklung eines größeren Unternehmens. Die Region an Ennepe und Volme war bereits von Industrie, Handwerk und einer wachsenden Arbeiterschaft geprägt. Mit dem Ausbau der Fabrik wurde Brandt Teil jener industriellen Entwicklung, die Hagen und seine heutigen Stadtteile im frühen 20. Jahrhundert nachhaltig veränderte.
Vom Handwerksbetrieb zur industriellen Produktion
Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs das Unternehmen weiter. 1920 und 1921 entstanden an der Enneper Straße größere Werksanlagen, die den steigenden Produktionsmengen Rechnung trugen. Moderne Kettenöfen ermöglichten eine effizientere Herstellung, während die Fabrik zunehmend auf standardisierte Abläufe ausgerichtet wurde. Ein entscheidender Entwicklungsschritt folgte 1929: Brandt mechanisierte die Zwiebackproduktion mit einer selbst entwickelten und patentierten Schneidemaschine. Das technische Verfahren verbesserte die Verarbeitung und trug dazu bei, die Herstellung wirtschaftlicher zu gestalten.



Die Mechanisierung war für das Unternehmen von strategischer Bedeutung. Zwieback musste in großen Mengen produziert werden, ohne dass die Qualität darunter litt. Die Verbindung aus spezialisierten Maschinen, standardisierten Produktionsabläufen und einem überregionalen Vertrieb schuf die Grundlage für den späteren Aufstieg zur bekannten deutschen Zwiebackmarke.
Das Markenzeichen: Ein lachendes Kind auf der Verpackung
Mit dem Wachstum der Produktion gewann auch die Markenbildung an Bedeutung. Brandt setzte auf eine wiedererkennbare Verpackung und ein prägnantes Erscheinungsbild. Das lachende Kindergesicht wurde zum unverwechselbaren Symbol des Unternehmens und ist bis heute eng mit der Marke verbunden. Die Verpackung war dabei weit mehr als ein Schutz für das empfindliche Gebäck. Sie machte das Produkt im Handel leicht identifizierbar und trug dazu bei, dass sich Brandt im Wettbewerb mit anderen Herstellern etablieren konnte. Aus der regionalen Fabrik wurde zunehmend ein überregional bekanntes Unternehmen. Der Name Brandt entwickelte sich zum Synonym für Zwieback. Diese Markenbekanntheit sollte später auch die schwierigen Veränderungen des Produktionsstandorts überdauern.

Wachstum und ein dunkles Kapitel der Firmengeschichte
Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens muss auch im historischen Kontext der nationalsozialistischen Herrschaft betrachtet werden. Brandt entwickelte sich in den 1930er-Jahren zu einem bedeutenden Industriebetrieb. 1937 beschäftigte das Unternehmen nach historischen Angaben rund 700 Mitarbeiter. 1940 übernahm es die Keks- und Schokoladenfabrik „Zugspitze“ in Landshut. Zur Unternehmensgeschichte gehört jedoch auch der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte und von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkriegs. Die Brandt-Werke zählten zu den Hagener Unternehmen, in denen zwischen 1939 und 1945 Menschen unter Zwang beschäftigt wurden. Dieses Kapitel darf bei der historischen Betrachtung des Betriebs nicht ausgeblendet werden.
Hagen war während des Krieges ein bedeutender Industriestandort. Historische Forschungsprojekte der Stadt und der FernUniversität Hagen dokumentieren den umfangreichen Einsatz ausländischer Arbeitskräfte und Kriegsgefangener in der regionalen Wirtschaft. Für eine detaillierte Rekonstruktion der konkreten Arbeitsbedingungen bei Brandt sind die entsprechenden Unternehmens- und Archivquellen maßgeblich.










Nachkriegszeit: Brandt wird zur bundesweiten Marke
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte das Unternehmen seinen Ausbau fort. Carl Brandt prägte die Entwicklung bis zu seinem Tod 1965. Anschließend übernahm seine Ehefrau Betty Brandt die Geschäftsführung. Sie führte das Familienunternehmen durch eine Phase der Expansion und stärkte seine Marktposition. 1975 beteiligte sich Brandt mehrheitlich an der Pauly Zwiebackfabrik. In den folgenden Jahren kamen weitere Unternehmen und Marken hinzu. 1988 übernahm Brandt unter anderem den Schokoladenhersteller Gieselmann & Wille in Herford sowie den Gebäckhersteller Gottena. Damit entwickelte sich der Betrieb über das ursprüngliche Zwiebackgeschäft hinaus zu einer Unternehmensgruppe mit unterschiedlichen Produkten und Produktionsstandorten.
Die Entwicklung hatte auch Auswirkungen auf den Standort Hagen. Die Fabrik blieb ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensidentität, während die Produktion zunehmend in größeren wirtschaftlichen Zusammenhängen organisiert wurde. Der Name Brandt stand längst nicht mehr nur für einen örtlichen Hersteller, sondern für eine bundesweit etablierte Lebensmittelmarke.

Die Produktion verlässt Hagen
Der entscheidende Einschnitt folgte mit der Verlagerung der Zwiebackproduktion nach Ohrdruf in Thüringen. 2002 nahm Brandt dort ein neues Werk in Betrieb. Die Standortentscheidung löste in Hagen erhebliche Diskussionen aus. Die Stadt und das Land Nordrhein-Westfalen hatten versucht, das Unternehmen mit wirtschaftlichen Angeboten am Standort zu halten – letztlich ohne Erfolg. Am 5. Dezember 2003 lief der letzte Zwieback im Hagener Stammwerk vom Band. Damit endete die industrielle Produktion an jenem Standort, an dem Carl Brandt mehr als 90 Jahre zuvor sein Unternehmen gegründet hatte. Von den rund 500 Beschäftigten wechselten nach historischen Berichten nur wenige mit nach Ohrdruf. Für Hagen bedeutete die Verlagerung den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze und eines wichtigen Stücks Industriegeschichte.
Der Vorgang steht beispielhaft für den Strukturwandel, der viele traditionsreiche Industrieunternehmen erfasste. Produktionsentscheidungen orientierten sich zunehmend an Kosten, Kapazitäten und modernen Fertigungsbedingungen. Die emotionale Bindung an den Gründungsstandort spielte dabei gegenüber wirtschaftlichen Erwägungen eine untergeordnete Rolle.





Abriss der Fabrik: Das Ende einer Industriebrache
Nach dem Produktionsende verloren die Fabrikhallen ihre ursprüngliche Funktion. Große Teile des Werksgeländes standen vor einer ungewissen Zukunft. Die Gebäude waren für industrielle Produktionsabläufe errichtet worden und ließen sich nicht ohne Weiteres in moderne Gewerbe- oder Wohnflächen umwandeln. Ab 2018 wurde das ehemalige Brandt-Gelände umfassend umgestaltet. Marode Betriebsgebäude wurden abgebrochen, während ausgewählte historisch wertvolle und teilweise denkmalgeschützte Gebäudeteile saniert wurden. Die Bauarbeiten waren Teil eines größeren Entwicklungsprojekts, das Einzelhandel, Dienstleistungen und Freizeitangebote miteinander verbinden sollte.
Der Umbau bedeutete einen tiefgreifenden Wandel des Stadtbilds. Wo einst Backwaren produziert, verpackt und für den Versand vorbereitet wurden, entstanden moderne Verkaufsflächen und neue Gebäude. Ein Großteil der ursprünglichen Fabrikarchitektur ging verloren. Zugleich blieb durch die Sanierung ausgewählter Bausubstanz ein sichtbarer Bezug zur industriellen Vergangenheit erhalten.

2020: Das Brandt-Quartier eröffnet
Im Jahr 2020 wurde das Brandt-Quartier als modernes Fachmarktzentrum eröffnet. Das rund 15.000 Quadratmeter große Areal befindet sich an der Enneper Straße im Hagener Stadtbezirk Haspe beziehungsweise Westerbauer. Zu den zentralen Mietern gehören REWE, Aldi Nord, dm und das Fitnessstudio Clever fit. Ein benachbartes Gesundheitszentrum mit Arztpraxen und Apotheke ergänzt das Angebot. Die Planung setzte auf eine Mischung aus Neubauten und erhaltenen Gebäudeteilen. Roter Klinker erinnert an die frühere Fabrikarchitektur. Ein historisches Gebäude wurde aufwendig saniert und einer neuen Nutzung als Fitnessstudio zugeführt. Damit blieb zumindest ein Teil des industriellen Charakters in der Gestaltung des Quartiers erkennbar.
Das Projektvolumen für den Hochbau wurde vom beteiligten Bauunternehmen Eiffage mit rund 20,5 Millionen Euro angegeben. Zu den Arbeiten gehörten der Abbruch maroder Gebäude, die Errichtung neuer Baukörper und die Sanierung erhaltenswerter Bestandteile. Auch die Renaturierung der Ennepe war Bestandteil der Entwicklung: Mauerwerk wurde entfernt, das Flussbett naturnäher gestaltet und das Ufer begrünt.

Die Unternehmenszentrale kehrt nach Haspe zurück
Eine besondere Wendung nahm die Geschichte 2019, als Brandt seine Verwaltung wieder auf das ehemalige Werksgelände an der Enneper Straße zurückbrachte. Nach Jahren an einem anderen Standort in Hagen kehrte das Unternehmen damit an einen Ort zurück, der eng mit seiner Gründung und Entwicklung verbunden ist. Die Rückkehr betrifft allerdings die Verwaltung, nicht die Zwiebackproduktion. Diese wurde nach Ohrdruf verlagert und wird heute innerhalb der Brandt-Gruppe an mehreren deutschen Standorten organisiert. Die Unternehmensgruppe stellt neben Zwieback unter anderem Knäckebrot, Schokolade und weitere Süßwaren her.
So entstand eine ungewöhnliche Konstellation: Die Fabrik, die den Namen Brandt über Jahrzehnte geprägt hatte, ist weitgehend verschwunden. Gleichzeitig befindet sich die Unternehmensverwaltung wieder am historischen Standort. Das Gelände wurde wirtschaftlich neu belebt, ohne die frühere Produktionslandschaft vollständig zu bewahren.

Im Jahr 2020 wurde das Brandt-Quartier als modernes Fachmarktzentrum eröffnet. Das rund 15.000 Quadratmeter große Areal befindet sich an der Enneper Straße im Hagener Stadtbezirk Haspe beziehungsweise Westerbauer. Zu den zentralen Mietern gehören REWE, Aldi Nord, dm und das Fitnessstudio Clever fit. Ein benachbartes Gesundheitszentrum mit Arztpraxen und Apotheke ergänzt das Angebot.
Die Planung setzte auf eine Mischung aus Neubauten und erhaltenen Gebäudeteilen. Roter Klinker erinnert an die frühere Fabrikarchitektur. Ein historisches Gebäude wurde aufwendig saniert und einer neuen Nutzung als Fitnessstudio zugeführt. Damit blieb zumindest ein Teil des industriellen Charakters in der Gestaltung des Quartiers erkennbar.

Das Projektvolumen für den Hochbau wurde vom beteiligten Bauunternehmen Eiffage mit rund 20,5 Millionen Euro angegeben. Zu den Arbeiten gehörten der Abbruch maroder Gebäude, die Errichtung neuer Baukörper und die Sanierung erhaltenswerter Bestandteile. Auch die Renaturierung der Ennepe war Bestandteil der Entwicklung: Mauerwerk wurde entfernt, das Flussbett naturnäher gestaltet und das Ufer begrünt.
