Die ehemalige Börde-Brauerei in Magdeburg ist ein bedeutendes Kapitel der regionalen Industriegeschichte. Mehr als 160 Jahre lang wurde an der Sieverstorstraße Bier gebraut, zunächst unter dem Namen der Gründerfamilie Bodenstein, später als volkseigener Betrieb der DDR. Nach dem Ende der Produktion blieben verfallende Industriegebäude zurück. Der größte Teil der historischen Anlage wurde abgerissen, während der markante Sud- und Malzturm als bauliches Relikt erhalten blieb. Die Geschichte der Brauerei erzählt von technischem Fortschritt, Enteignung, wirtschaftlichem Niedergang und dem schwierigen Umgang mit einem historischen Industriestandort.
August Bodenstein gründet eine Brauerei in Magdeburg
Die Geschichte der späteren Börde-Brauerei beginnt am 8. August 1823. An diesem Tag gründete der Kaufmann und Gutsbesitzer August Leberecht Bodenstein auf seinem Grundstück in der Sieverstorstraße in Magdeburg die Brauerei A. Bodenstein. Der Betrieb entwickelte sich zu einem wichtigen Unternehmen der regionalen Bierproduktion und gilt als älteste industrielle Brauerei Magdeburgs. Die Gründung fiel in eine Zeit, in der sich die Stadt wirtschaftlich weiterentwickelte und die Herstellung von Bier zunehmend industrialisiert wurde. Bodenstein setzte früh auf technische Neuerungen. Die Brauerei gehörte zu den Unternehmen Magdeburgs, die eine Dampfmaschine einsetzten. Später kam eine Eismaschine hinzu, die eine zuverlässigere Kühlung ermöglichte und damit bessere Voraussetzungen für die Lagerung und Herstellung von Bier schuf.

Besonders bekannt wurde der Betrieb durch sein Lagerbier, das sogenannte Bayerische Bier. Diese untergärige Biersorte stand für eine neue Qualität der Braukunst und trug dazu bei, dass sich die Brauerei in Magdeburg und der Umgebung etablierte.
Der Aufstieg der Familienbrauerei Bodenstein
Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1877 übernahm sein Sohn Franz Bodenstein die Leitung des Unternehmens. Er hatte sich in Bayern mit dem Brauwesen beschäftigt und brachte entsprechende Fachkenntnisse in den Betrieb ein. Um 1880 produzierte die Brauerei das in Magdeburg und Umgebung beliebte „Bodensteiner Kulmbacher“. Mit dem Tod von Franz Bodenstein im Jahr 1885 endete diese Phase der unmittelbaren Familienführung. 1886 wurde die Brauerei in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Beteiligung blieb jedoch weitgehend in Familienhand. Emil Grünwald, ein Schwiegersohn des Gründers, übernahm eine führende Position im Unternehmen.
Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft schuf die Voraussetzungen für eine weitere wirtschaftliche Entwicklung. Die Brauerei wurde zu einem etablierten Unternehmen der Magdeburger Lebensmittelindustrie und baute ihre Stellung in der Region aus. Auch die Verbindung zu anderen Brauereien prägte die Unternehmensgeschichte. Die 1864 in Buckau gegründete Dampf-Bierbrauerei Reichardt & Schneidewin ging 1914 an die Brauerei Bodenstein über. Damit bündelte das Unternehmen weitere regionale Brautraditionen unter seinem Dach.

1924 bis 1945: Die Brauerei Bodenstein AG
1924 firmierte das Unternehmen als „Brauerei Bodenstein AG zu Magdeburg“. In dieser Zeit verfügte die Brauerei über Zweigniederlassungen, unter anderem in Calbe an der Saale und in Wolmirstedt. Das Unternehmen war damit über den eigentlichen Magdeburger Standort hinaus tätig. Einen wichtigen architektonischen Einschnitt markierte das Jahr 1936. In diesem Jahr entstanden ein neues Sudhaus und ein markantes, rund 38 Meter hohes Malzsilo. Der Turm entwickelte sich zu einem weithin sichtbaren Erkennungszeichen des Brauereigeländes und prägte das Erscheinungsbild des Standorts über Jahrzehnte.
Der Turmbau war nicht nur ein funktionales Element der Produktion. Er verkörperte zugleich den industriellen Anspruch eines Unternehmens, das seine Herstellungsprozesse modernisierte und seine Position im regionalen Biermarkt behauptete. Das Ensemble aus Sudhaus, Malzsilo und weiteren Produktionsgebäuden dokumentierte die Entwicklung vom traditionellen Braubetrieb zum industriell organisierten Unternehmen.
Enteignung und Neuanfang unter staatlicher Kontrolle
Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte einen tiefgreifenden Einschnitt für die Brauerei. Nach der Enteignung der bisherigen Eigentümer wurde der Betrieb in einen volkseigenen Betrieb überführt. Aus der traditionsreichen Privatbrauerei wurde die VEB Börde-Brauerei Magdeburg. 1947 wurde die Bierproduktion wieder aufgenommen. Damit begann ein neues Kapitel, in dem die Brauerei nicht mehr von der Gründerfamilie und privaten Anteilseignern geführt wurde, sondern Teil der staatlich organisierten Wirtschaft der DDR war. Der Betrieb blieb ein wichtiger Bestandteil der Magdeburger Brauindustrie.

Der Wechsel vom Familienunternehmen zum Volkseigentum war mehr als eine Änderung des Firmennamens. Er stand für den umfassenden wirtschaftlichen und politischen Umbau der Nachkriegszeit. Während die industrielle Produktion fortgesetzt wurde, war die frühere Eigentümerstruktur unwiederbringlich verloren.
Zusammenschluss der Magdeburger Brauereien
Eine weitere Veränderung erfolgte 1961. Die Börde-Brauerei wurde mit der Diamant-Brauerei und dem Sudenburger Brauhaus zum VEB Vereinigte Brauereien Magdeburg zusammengeschlossen. Die Börde-Brauerei fungierte innerhalb dieses Verbunds als Werk II. Die Diamant-Brauerei wurde als Werk I geführt, das Sudenburger Brauhaus als Werk III. Die Zusammenfassung mehrerer Standorte entsprach dem wirtschaftlichen Organisationsprinzip der DDR. Produktion und Betriebsabläufe sollten zentraler gesteuert werden. Die einzelnen Brauereien verloren damit einen Teil ihrer unternehmerischen Eigenständigkeit, blieben jedoch als Produktionsstandorte Teil der Magdeburger Bierlandschaft.
Der Name Börde-Brauerei blieb in der Region präsent. Er stand für ein Bier, das über Generationen hinweg mit Magdeburg verbunden war. Die Geschichte des Unternehmens zeigt damit auch, wie stark regionale Marken selbst dann fortleben können, wenn sich Eigentümer, Organisationsformen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen grundlegend verändern.
Das Ende der Bierproduktion
Nach der deutschen Wiedervereinigung gerieten zahlreiche ostdeutsche Industriebetriebe unter erheblichen wirtschaftlichen Druck. Auch die Magdeburger Brauereien mussten sich in einem veränderten Markt behaupten, der zunehmend von neuen Wettbewerbsbedingungen und strukturellen Umbrüchen geprägt war. 1991 wurde der Braubetrieb am Standort der ehemaligen Börde-Brauerei eingestellt. Damit endete eine Tradition, die 1823 mit August Leberecht Bodenstein begonnen hatte. Die Gebäude verloren ihre ursprüngliche Funktion, die Produktionsanlagen wurden nicht mehr regulär genutzt und das Gelände entwickelte sich zunehmend zu einer stillgelegten Industriebrache.
Für den Standort begann damit eine lange Phase der Ungewissheit. Die ehemaligen Produktionsgebäude waren auf einen spezialisierten industriellen Betrieb zugeschnitten. Eine wirtschaftlich tragfähige Anschlussnutzung hätte erhebliche Investitionen und ein überzeugendes Nutzungskonzept erfordert.
Der Verlust eines historischen Brauereiensembles
Mit dem Ende der Produktion begann der langsame Niedergang der Bausubstanz. Die stillgelegten Gebäude wurden über Jahre hinweg nicht mehr in dem Umfang unterhalten, den eine dauerhafte Erhaltung erfordert hätte. Der Komplex verlor zunehmend seine wirtschaftliche Bedeutung und entwickelte sich zu einem verlassenen Ort der Magdeburger Industriegeschichte. Obwohl Gebäudereste als Denkmal erfasst waren, wurde ein großer Teil der historischen Anlage abgetragen. Die Quellen nennen dafür unterschiedliche Zeitpunkte: Ein Großteil der Gebäude soll 2006 verschwunden sein, andere Darstellungen beschreiben den weitgehenden Abriss des Areals bis 2009. Der erhaltene Sud- und Malzturm blieb als markantes Relikt zurück.
Der Verlust war erheblich. Mit den Produktionsgebäuden verschwanden Teile eines Ensembles, das die Entwicklung der Magdeburger Brauindustrie seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert hatte. Erhalten blieb lediglich ein kleiner Ausschnitt des einstigen Betriebsgeländes. Der Turm steht heute sinnbildlich für das Dilemma vieler ehemaliger Industriestandorte: Einzelne Gebäude überdauern den Abbruch, doch ohne eine dauerhafte Nutzung geraten auch sie unter Druck. Der Erhalt eines markanten Bauwerks allein kann die historische Gesamtanlage nicht ersetzen.

Loftwohnungen im Sudturm: Eine Vision ohne gesicherte Umsetzung
Für den erhaltenen Turm gab es Pläne, die den historischen Bestand mit einer neuen Nutzung verbinden sollten. Vorgesehen war, das Gebäude in ein Wohnhaus mit Loftwohnungen umzubauen. Damit hätte aus einem ehemaligen Produktionsbau ein ungewöhnlicher Wohnstandort entstehen können. Das Projekt wurde jedoch über Jahre hinweg nicht wie geplant umgesetzt. Noch in späteren Berichten wurde der Turm als verlassener Bestandteil des ehemaligen Brauereigeländes beschrieben. Die Hoffnung auf eine Wiederbelebung durch Wohnen blieb damit lange Zeit ein Beispiel für die Schwierigkeiten, historische Industriearchitektur wirtschaftlich sinnvoll umzunutzen.
Gerade bei industriellen Hochbauten ist eine solche Umnutzung anspruchsvoll. Tragwerk, Belichtung, Erschließung, Brandschutz und technische Ausstattung müssen an die Anforderungen moderner Wohnungen angepasst werden. Hinzu kommen mögliche Schäden durch langjährigen Leerstand. Was von außen wie eine attraktive Loftimmobilie wirkt, kann im Inneren erhebliche Sanierungskosten verursachen.
Neue Freiflächen und ein Spielplatz auf dem ehemaligen Brauereigelände
Das frühere Brauereiareal wurde nicht ausschließlich als Baufläche betrachtet. Die Stadt Magdeburg entwickelte auf einem Teil des Geländes an der Sieverstorstraße eine inklusive Spiel- und Freizeitfläche unter dem Namen „Alte Brauerei“. Nach Angaben der Stadt umfasste das Vorhaben rund 1.250 Quadratmeter. Für die Umsetzung wurden etwa 650.700 Euro veranschlagt. Bei der Planung sollten die Interessen von Kindern und Menschen mit Behinderungen berücksichtigt werden. Die Gestaltung griff mit dem Namen „Alte Brauerei“ die industrielle Vergangenheit des Standorts auf.
Damit erhielt zumindest ein Teil des Areals eine öffentliche Nutzung, die sich deutlich von der früheren industriellen Produktion unterscheidet. Wo einst Bier hergestellt und gelagert wurde, sollte ein Ort für Bewegung, Begegnung und Freizeit entstehen. Die neue Nutzung kann die verlorene Brauereianlage nicht ersetzen. Sie zeigt jedoch, dass Industriebrachen auch dann einen Beitrag zum Stadtleben leisten können, wenn eine vollständige Wiederherstellung der historischen Gebäude nicht mehr realistisch ist.
Die Marke Bodenstein kehrt zurück
Eine bemerkenswerte Wendung nahm die Geschichte der Brauerei im Jahr 2021. Olav Skowronnek, ein direkter Nachfahre der Gründerfamilie, belebte die Marke Bodenstein wieder. Damit kehrte ein traditionsreicher Name in die Magdeburger Bierlandschaft zurück – allerdings nicht durch eine Wiederaufnahme der Produktion im historischen Sudhaus. Die Marke wurde auf dem Gelände der ehemaligen Zichorienfabrik von Emil Grünwald in der Sieverstorstraße 50/51 neu positioniert. Die Verwaltung der Marke nahm dort ihre Arbeit auf. Die eigentliche Bierproduktion wurde an andere Standorte verlagert. Laut der Brauereihistorie wird das Bodensteiner Bier inzwischen in Gommern im Jerichower Land gebraut.
Die Wiederbelebung der Marke ist ein Beispiel dafür, dass industrielle Tradition nicht zwingend an den Erhalt sämtlicher historischer Produktionsgebäude gebunden ist. Rezepturen, Namen und familiäre Überlieferungen können weitergeführt werden, selbst wenn der ursprüngliche Betrieb längst verschwunden ist. Gleichzeitig muss zwischen der historischen Börde-Brauerei und der heutigen Marke Bodenstein unterschieden werden: Die Marke knüpft an die Geschichte des Familienunternehmens an, doch die Produktion findet nicht mehr im alten Brauereiturm statt.

Eine Brauereigeschichte zwischen Fortschritt und Verlust
Die Börde-Brauerei steht für mehr als die Geschichte eines einzelnen Bierherstellers. Sie dokumentiert den Wandel der Magdeburger Wirtschaft vom privat geführten Familienunternehmen über die staatliche Industrialisierung der DDR bis zum Strukturbruch nach der Wiedervereinigung. Der 1823 gegründete Betrieb setzte früh auf technische Neuerungen und entwickelte sich zu einer festen Größe der regionalen Bierproduktion. Nach der Enteignung, dem Zusammenschluss mit anderen Brauereien und dem Ende des Braubetriebs 1991 verlor das Gelände seine ursprüngliche Funktion. Der weitgehende Abriss beseitigte einen großen Teil des historischen Ensembles.
Dass die Marke Bodenstein wiederbelebt wurde, ist ein positives Zeichen für die Fortführung regionaler Brautradition. Für die Baugeschichte bleibt der Verlust jedoch erheblich: Der erhaltene Sudturm kann die einstige Anlage nur noch fragmentarisch repräsentieren.
Der Fall zeigt, wie eng der Fortbestand historischer Industriearchitektur mit einer rechtzeitigen Nachnutzung verbunden ist. Wo tragfähige Konzepte ausbleiben, droht selbst denkmalgeschützter Bestand zu verschwinden. Die Geschichte der Börde-Brauerei ist damit sowohl ein Stück Magdeburger Wirtschaftsgeschichte als auch ein Lehrstück über den schwierigen Umgang mit dem industriellen Erbe.
