Die Geschichte der Baumwollspinnerei in Mittweida reicht deutlich weiter zurück als bis zur Gründung des späteren Unternehmens. Bereits 1816 entstand in der Großmühle an der Zschopau eine Spinnfabrik für Baumwolle. Dafür wurde das Mühlengebäude um ein Stockwerk erweitert. Die Anlage gilt als erste Spinnmühle am späteren Standort der Baumwollspinnerei und steht damit am Anfang einer Entwicklung, die Mittweida im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Textilstandort werden ließ.

Die Voraussetzungen für die Industrialisierung waren günstig. Neben der Wasserkraft der Zschopau spielte später auch die Eisenbahn eine wichtige Rolle. 1852 erhielt Mittweida Anschluss an die Strecke zwischen Chemnitz und Riesa. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere Fabriken, darunter mechanische Webereien, Maschinenfabriken, Färbereien und Nähereien. Die Textilindustrie wurde zu einem prägenden Bestandteil der städtischen Wirtschaft.

1884 wird die Baumwollspinnerei gegründet
Die eigentliche Baumwollspinnerei Mittweida wurde 1884 als Aktiengesellschaft gegründet. Aus dem zunächst vergleichsweise kleinen Spinnereistandort entwickelte sich ein leistungsfähiger Industriebetrieb. Die Fabrikanlage wurde über Jahrzehnte erweitert und technisch modernisiert. Zum Unternehmen gehörten schließlich mehrere Spinnereien. Historische Unternehmensangaben nennen fünf Spinnereien mit insgesamt rund 160.000 Spinn- und Zwirnspindeln sowie drei Wasserkraftturbinen und Dampfanlagen. Zudem bestand eine Mehrheitsbeteiligung an einer Baumwollweberei.

Die erhaltene beziehungsweise überlieferte Fabrikarchitektur dokumentiert diese Entwicklung. Zu dem Komplex gehörten Produktionsgebäude aus unterschiedlichen Bauphasen, ein Verwaltungsgebäude, eine Fabrikantenvilla, ein Brunnenhaus und technische Anlagen zur Nutzung der Wasserkraft. Teile der historischen Produktionsgebäude wurden allerdings bereits vor 2014 abgebrochen.

Krieg hinterlässt tiefe Spuren
Der Zweite Weltkrieg bedeutete auch für die Baumwollspinnerei einen tiefen Einschnitt. Ein erheblicher Teil des Werkes wurde demontiert. Auf den frei gewordenen Flächen entstand eine Kriegsproduktion der Berliner Lorenzwerke, die dort Funkgeräte fertigten. Damit veränderte sich nicht nur die Nutzung des Fabrikgeländes, sondern auch die industrielle Struktur des Standorts. Nach dem Ende des Krieges wurde der Betrieb nicht wieder als privates Unternehmen geführt. Wie zahlreiche Industriebetriebe in der sowjetischen Besatzungszone wurde auch die Baumwollspinnerei verstaatlicht.

Aus der Aktiengesellschaft wird ein VEB
Nach 1945 firmierte das Unternehmen als VEB Baumwollspinnerei Mittweida. Die Produktionsstätte wurde in die staatlich organisierte Textilwirtschaft der DDR eingegliedert. Der Betrieb wuchs dabei über seinen eigentlichen Standort hinaus. 1951 wurde die Weißthaler Spinnerei als Werk 2 angeschlossen. 1964 kam die Baumwollspinnerei Riesa als Werk 3 hinzu. Damit entwickelte sich der VEB Baumwollspinnerei Mittweida zu einem größeren Verbund mehrerer Produktionsstandorte. Die zentrale Steuerung der Textilproduktion war Teil einer umfassenden Umstrukturierung der DDR-Industrie. Die einzelnen Betriebe wurden zunehmend in größere wirtschaftliche Einheiten überführt. Dieser Prozess erreichte 1971 einen entscheidenden Punkt.
1971 entsteht ein riesiger Textilbetrieb
Zum 1. Januar 1971 wurde der VEB Baumwollspinnerei Mittweida gemeinsam mit mehreren anderen großen Textilbetrieben zum VEB Vereinigte Baumwollspinnereien und Zwirnereien zusammengeführt. Der neue Großbetrieb hatte seinen Sitz in Flöha und vereinte zahlreiche Produktionsstätten in Sachsen.

Zu dem Verbund gehörten unter anderem die Baumwollspinnereien in Flöha, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Mittweida und Zwickau sowie die Feinspinnerei Erzgebirge in Venusberg und Zwirnereien in Glauchau und Oederan. Insgesamt umfasste der Großbetrieb zahlreiche Einzelwerke und Produktionsstätten. Für 1971 werden rund 14.800 Beschäftigte genannt. Damit war die Baumwollspinnerei Mittweida Teil eines industriellen Apparats geworden, dessen Dimension mit dem ursprünglichen Spinnereibetrieb des 19. Jahrhunderts kaum noch vergleichbar war.
Mittweida bleibt Teil der sächsischen Textilindustrie
Die Eingliederung in den Großbetrieb bedeutete nicht das Ende der Produktion in Mittweida. Der Standort blieb Teil der sächsischen Baumwollindustrie und wurde innerhalb der staatlichen Wirtschaftsstruktur weitergeführt. Der VEB Vereinigte Baumwollspinnereien und Zwirnereien unterstand zunächst der VVB Baumwolle in Karl-Marx-Stadt. Ab 1979 wurde der Betrieb Teil des neu geschaffenen VEB Kombinats Baumwolle, Karl-Marx-Stadt. Damit war die Baumwollspinnerei Mittweida letztlich in eine zentral gelenkte Industrieorganisation eingebunden, die zahlreiche Produktionsstätten der sächsischen Textilwirtschaft zusammenfasste.

Die Wende beendet die alte Unternehmensstruktur
Mit der politischen und wirtschaftlichen Wende von 1989/90 zerfiel auch die bisherige Organisationsstruktur der DDR-Textilindustrie. 1990 wurden die Kombinatsbetriebe in Kapitalgesellschaften umgewandelt. In Mittweida entstand die Baumwollspinnerei Mittweida GmbH. Die Umwandlung bedeutete jedoch keinen einfachen Übergang in eine neue industrielle Zukunft. Die sächsische Textilindustrie musste sich unter völlig veränderten wirtschaftlichen Bedingungen behaupten. Absatzmärkte, Eigentumsverhältnisse und Produktionsstrukturen änderten sich innerhalb kurzer Zeit grundlegend.
1995 beginnt die letzte Phase
Für den Mittweidaer Standort folgte 1995 eine weitere Neuordnung. Die Baumwollspinnerei wurde als Sächsische Baumwollspinnerei reprivatisiert. Nach historischen Unternehmensangaben gehörten zu diesem Produktionsverbund Werke in Mittweida, Venusberg und Hohenfichte. Damit gehörte der Betrieb zu den wenigen verbliebenen Textilunternehmen der Region, die ihre Produktion über die politische Wende hinaus fortsetzen konnten. Die Geschichte der ursprünglichen Baumwollspinnerei war damit allerdings noch nicht abgeschlossen. Die verschiedenen Produktions- und Verwaltungsgebäude zeugen bis heute von den unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Standorts.

Vom Industriestandort zum Zeugnis der Industriekultur
Die bauliche Überlieferung der Baumwollspinnerei macht die lange Entwicklung besonders anschaulich. Produktionsgebäude aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die Fabrikantenvilla, das Verwaltungsgebäude und technische Einrichtungen zur Wasserkraftnutzung bilden ein Ensemble, das die Entwicklung der sächsischen Textilindustrie nachvollziehbar macht. Gleichzeitig zeigt der Standort aber auch, wie verletzlich industrielle Bausubstanz ist. Mehrere historische Fabrikgebäude wurden bereits abgebrochen. Von den ursprünglich umfangreichen Produktionsanlagen ist damit nur noch ein Teil vorhanden.
200 Jahre Textilgeschichte an der Zschopau
Die Geschichte der Baumwollspinnerei Mittweida reicht damit über zwei Jahrhunderte zurück. Sie beginnt 1816 mit einer Spinnmühle in der Großmühle, führt über die Gründung der Aktiengesellschaft 1884 und die Verstaatlichung nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Einbindung in den riesigen DDR-Textilbetrieb und zur Reprivatisierung nach 1990. Kaum ein anderer Standort macht so deutlich, wie eng Wasserkraft, Eisenbahn, Industrialisierung und Textilproduktion miteinander verbunden waren. Aus einer Spinnerei in einer umgebauten Mühle entwickelte sich ein moderner Industriebetrieb, der schließlich Teil eines Großunternehmens mit Tausenden Beschäftigten wurde.

Heute ist die Baumwollspinnerei deshalb nicht nur ein ehemaliger Produktionsstandort. Sie steht zugleich für den Aufstieg, die Zentralisierung und den Niedergang einer Industrie, die Mittweida über Generationen wirtschaftlich und städtebaulich geprägt hat.
