Bahnhof Menden (Sauerland)

Der alte Bahnhof von Menden (Sauerland) ist heute verschwunden. Was einst ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Stadt und das Hönnetal war, wich 2012 einem Neubau und einem völlig neu gestalteten Bahnhofsareal. Besonders bitter: Mit dem historischen Empfangsgebäude verschwanden auch zahlreiche Nebengebäude, Teile des Güterbahnhofs und die alte Bahnsteigunterführung. Dabei hatte der Bahnhof eine lange und durchaus bedeutende Eisenbahngeschichte. Am 7. August 1872 wurde die Strecke zwischen Fröndenberg und Menden für Personen- und Güterverkehr eröffnet. Menden erhielt damit Anschluss an das Eisenbahnnetz und wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Erschließung des Hönnetals.

Vom Endpunkt zum Abzweigbahnhof

Zunächst war Menden Endpunkt der von Fröndenberg kommenden Strecke. Das änderte sich mit dem weiteren Ausbau der Bahn. Am 15. Juni 1885 war die durchgehende Verbindung hergestellt. Mit der Eröffnung der Strecke nach Neuenrade am 30. März 1912 entwickelte sich Menden schließlich zum Abzweigbahnhof. Damit wuchs auch die Bedeutung des Bahnhofsgeländes. Neben dem Personenverkehr spielte insbesondere der Güterverkehr eine wichtige Rolle. Menden erhielt umfangreiche Gleisanlagen und einen Güterbahnhof mit Ablaufberg, eigenen Zugbildungsaufgaben und einer Rangierlokomotive.

Ein wesentlicher Grund dafür war die regionale Industrie. Vor allem die Kalkwerke im Hönnetal sorgten für ein erhebliches Güteraufkommen. Kalkstein und andere Güter wurden über die Bahn transportiert und machten den Bahnhof zu einem wichtigen Bestandteil der regionalen Wirtschaft.

Ein Bahnhof als Tor zur Stadt

Das historische Empfangsgebäude war mehr als eine reine Verkehrsstation. Es beherbergte unter anderem Fahrkartenausgabe, Gepäckabfertigung, Gaststätte und weitere Einrichtungen. Zusammen mit Kiosk, Güterschuppen, Bahnmeisterei und den umfangreichen Gleisanlagen bildete der Bahnhof über Jahrzehnte einen charakteristischen Eisenbahnstandort. Auch technisch entwickelte sich die Anlage weiter. 1965 endete die alte Formsignalsicherung. Ein modernes SpDrL30-Stellwerk mit Lichtsignalen übernahm die Sicherung des Bahnbetriebs. Das Stellwerk blieb sogar über die großen Veränderungen des Bahnhofsgeländes hinaus erhalten.

Der Niedergang kam schleichend

Der Bedeutungsverlust des alten Bahnhofs begann nicht mit einem einzigen Ereignis. Er war Teil eines jahrzehntelangen Rückzugs der Eisenbahn aus der Fläche. 1989 endete der Personenverkehr in Richtung Hemer und Iserlohn. 2002 wurde der Fahrkartenschalter geschlossen. Ein Jahr später war auch der Güterverkehr Geschichte. Übrig blieb der Personenverkehr der Hönnetalbahn. Damit verlor das weitläufige Bahnhofsgelände zunehmend seine ursprüngliche Funktion. Was früher geschäftiges Treiben bedeutet hatte, wurde nun zum Problem: große Flächen, alte Gebäude und immer weniger Nutzung.

Vom Schmuckstück zum Problemfall

Der historische Bahnhof geriet zunehmend in einen schlechten Zustand. Leerstand und fehlende Investitionen hinterließen deutliche Spuren. Ende der 2000er-Jahre war aus dem einstigen Eingangstor Mendens ein Sanierungsfall geworden. 2009 wechselte das Bahnhofsgrundstück den Besitzer. Es wurden verschiedene Konzepte für eine neue Nutzung diskutiert. 2010 stand der Abriss bereits konkret im Raum. Der Bürgerverein Mendener Bahnhof setzte sich damals für den Erhalt der Gebäude und eine denkmalgerechte Nutzung ein. Auch der VCD plädierte für eine Rettung des historischen Bestands. Doch die Befürworter des Erhalts konnten sich letztlich nicht durchsetzen.

Der Streit um den Erhalt

Besonders interessant ist die damalige Diskussion, weil der alte Bahnhof offenbar durchaus noch historische Substanz besaß. Anfang 2012 wurde im Zuge der Vorbereitungen für den Abriss sogar das alte Fachwerk freigelegt. Ein Gutachterteam untersuchte das Gebäude. Gleichzeitig mussten unter anderem asbesthaltige Bauteile entfernt werden. Der Aufwand für eine Sanierung wurde schließlich als zu hoch bewertet. Im Frühjahr 2012 stand fest: Das Empfangsgebäude würde nicht erhalten. Damit war das Schicksal des historischen Bahnhofs besiegelt.

2012 kam die Abrissbirne

Im Januar und Februar verschwanden bereits Teile des ehemaligen Güterbahnhofs, die Bahnmeisterei und weitere Nebengebäude. Im Frühjahr folgte der eigentliche Bahnhof. Ende Mai 2012 waren sämtliche historischen Bahnhofsgebäude verschwunden. Auch die alte Fußgängerunterführung wurde abgerissen. Die damaligen Abrissarbeiten wurden umfangreich dokumentiert und zeigen, wie schnell sich das Gelände innerhalb weniger Monate veränderte. Der Wandel war radikal: Wo zuvor ein gewachsenes Eisenbahnensemble aus unterschiedlichen Bauzeiten stand, entstand eine weitgehend neu geordnete Fläche.

Einzelhandel statt Eisenbahngeschichte

Hinter dem Abriss stand ein größeres städtebauliches Konzept. Auf dem brachliegenden Bahnhofsgelände sollten neue Einzelhandelsflächen entstehen. 2011 wurden entsprechende Pläne des Investors List+Wilbers bekannt. 2012 begann die Umsetzung. Der alte Bahnhof musste dabei dem wirtschaftlichen Nutzungsdruck weichen. Das ist aus heutiger Sicht besonders bemerkenswert: Ein historischer Eisenbahnstandort, der fast 140 Jahre lang gewachsen war, wurde nicht behutsam umgenutzt, sondern nahezu vollständig beseitigt. An seine Stelle trat ein funktional neu geordnetes Areal.

Heute erinnert kaum noch etwas an den alten Bahnhof

Der heutige Bahnhof von Menden (Sauerland) erfüllt weiterhin seine Verkehrsfunktion. Doch vom historischen Empfangsgebäude ist nichts mehr vorhanden. Der Neubau entstand 2012 im Zuge der Neugestaltung des Areals. Der Zugang zu den Bahnsteigen erfolgt inzwischen ebenerdig; die frühere Unterführung existiert nicht mehr. Damit ist Menden ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell ein historischer Bahnhofsstandort sein Gesicht verlieren kann.

Der alte Bahnhof von Menden zeigt damit eine unbequeme Seite des Umgangs mit Industriekultur und Eisenbahngeschichte. Erst verfiel das Gebäude, dann wurde sein Erhalt zu teuer – und schließlich war die Abrissentscheidung plötzlich einfacher als die Rettung. Heute fahren weiterhin Züge durch Menden. Aber der Bahnhof, an dem Generationen von Reisenden ankamen, Güter verladen wurden und die Eisenbahn das Stadtleben mitprägte, ist Geschichte. Die Gleise blieben. Der Bahnhof nicht.

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