Die ehemalige Bärenquell-Brauerei in Berlin-Niederschöneweide gehört zu den markantesten historischen Industrieanlagen der Hauptstadt. Mehr als ein Jahrhundert lang wurde an der Schnellerstraße Bier gebraut. Nach der Stilllegung entwickelte sich das Gelände zu einem bekannten Lost Place. Heute treffen dort denkmalgeschützte Industriebauten, Verfall und neue Nutzungen aufeinander. Die Geschichte des Areals begann 1882. Max Meinert und der Braumeister Alex Kampfhenkel gründeten an der heutigen Schnellerstraße die Borussia-Brauerei. Die Lage zwischen Straße und Spree bot gute Voraussetzungen für den wachsenden Brauereibetrieb.

1898 übernahm die Schultheiss-Brauerei AG das Unternehmen und baute den Standort erheblich aus. Die Brauerei wurde fortan als Abteilung IV geführt und sollte insbesondere das Berliner Umland mit Bier versorgen. Mit dem Ausbau entwickelte sich das Gelände zu einem umfangreichen Brauereikomplex. Zwischen 1901 und 1928 entstanden zahlreiche neue Gebäude. Besonders prägend waren das Sud- und Maschinenhaus von 1906, der Pferdestall mit Wasserturm, die Fassfabrik, Lagergebäude und das Bierlager mit Kühlturm. Die Architektur vereinte dabei neugotische und später expressionistische Gestaltungselemente. 1969 kam ein neues Sudhaus im Stil der internationalen Moderne hinzu.
Die Anlage steht deshalb heute auch für die Entwicklung der industriellen Bierproduktion über mehrere Generationen hinweg.





Von Schultheiss zu Bärenquell
Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Eigentümer- und Betriebsstruktur mehrfach. 1949 wurde der Standort zunächst in Schultheiss-Brauerei Niederschöneweide umbenannt. Ab 1954 firmierte er als VEB Schultheiss-Brauerei Niederschöneweide. 1959 wurden die Ost-Berliner Brauereien zusammengeführt. Die Produktionsstätte in Niederschöneweide erhielt ihren später weithin bekannten Namen: Bärenquell-Brauerei.

Das Ende der Bierproduktion
Auch nach der deutschen Wiedervereinigung wurde zunächst weiter produziert. Die Treuhandanstalt privatisierte den Betrieb 1990, ein Jahr später übernahm die Henninger Bräu AG die Marke. Doch die wirtschaftliche Zukunft des Standorts blieb unsicher. Ein Bauantrag aus dem Jahr 1993, der auch den Abriss historischer Gebäude vorsah, wurde unter Hinweis auf den Denkmalschutz abgelehnt. Am 1. April 1994 wurde die Bierproduktion in Niederschöneweide endgültig eingestellt. Die Marke Bärenquell existierte zwar noch einige Jahre weiter und wurde später an anderen Standorten produziert. Ende 2008 wurde diese Produktion eingestellt; seit 2009 wird das Bier nicht mehr hergestellt.

Der Verfall beginnt
Nach dem Ende des Brauereibetriebs standen die Gebäude zunehmend leer. Das historische Gelände verfiel. Vandalismus, Brände und Diebstahl von Baumaterial beschädigten die Bausubstanz zusätzlich. Mehrere Pläne für eine Nachnutzung scheiterten. Unter anderem war ein Baumarkt vorgesehen. Dafür sollten sogar einzelne historische Gebäude aus dem Denkmalschutz entlassen und abgerissen werden. Die Planungen wurden nach einem Eigentümerwechsel 2015 jedoch beendet.

Denkmalgeschützte Industriekulisse
Die erhaltenen Gebäude sind heute ein bedeutendes Zeugnis der Berliner Industriekultur. Die Berliner Denkmaldatenbank führt die Borussia-Brauerei an der Schnellerstraße 137 als denkmalgeschützte Gesamtanlage. Besonders wertvoll ist die historische Verbindung verschiedener Bauphasen, die die Entwicklung vom frühen Brauereibetrieb zur modernen Großbrauerei dokumentiert. Gerade die Mischung aus Backsteinarchitektur, Türmen, Produktionsgebäuden und späteren Erweiterungen machte das Gelände über Jahre zu einem außergewöhnlichen Lost Place.


Neue Pläne für das ehemalige Brauereigelände
Inzwischen ist Bewegung auf das Areal gekommen. Die Eigentümer planen eine umfassende Sanierung und eine gemischte Nutzung. Vorgesehen sind unter anderem Büros, kleinere Betriebe, Gastronomie, Clubs und ein Brauereimuseum. Auch das historische Maschinen- und Sudhaus soll einer neuen Nutzung zugeführt werden. Für mehrere Umbau- und Umnutzungsmaßnahmen wurden bereits Baugenehmigungen erteilt; 2021 wurde der offizielle Baubeginn angezeigt. Teile des Geländes werden bereits genutzt. Unter dem Namen Revier Südost finden dort Veranstaltungen und Flohmärkte statt. Auch ein Biergarten und ein Club haben sich auf dem ehemaligen Brauereiareal angesiedelt.

Vom Lost Place zum neuen Quartier
Die Bärenquell-Brauerei steht damit exemplarisch für den Wandel ehemaliger Berliner Industriestandorte. Aus einer bedeutenden Braustätte wurde nach der Schließung ein verfallender Lost Place. Heute soll aus der historischen Substanz schrittweise wieder ein lebendiger Ort werden. Ob die geplante Sanierung tatsächlich alle prägenden Gebäude dauerhaft sichern kann, wird entscheidend dafür sein, wie viel von der Geschichte der Bärenquell-Brauerei künftig noch sichtbar bleibt.
