Antennenmessplatz – Brücker Türme

Am Rand der brandenburgischen Stadt Brück stehen zwei Bauwerke, die auf den ersten Blick wie Relikte einer längst vergangenen Industrieanlage wirken. Die Brücker Türme sind jedoch weit mehr als ungewöhnliche Holzkonstruktionen: Sie sind die letzten erhaltenen Zeugnisse eines einst bedeutenden Antennenmessplatzes und gelten aufgrund ihrer Bauweise als europaweit einzigartig. Die beiden Türme wurden 1962/63 errichtet und erreichten ursprünglich jeweils rund 54 Meter Höhe.

Das Besondere steckt dabei buchstäblich in der Konstruktion. Die Türme wurden ohne metallische Verbindungsmittel errichtet. Schrauben, Nägel oder andere Metallteile hätten die elektromagnetischen Messungen beeinflussen können. Stattdessen kamen Holzbauteile und spezielle Holzverbindungen zum Einsatz. Die Konstruktion machte es möglich, Funk- und Antennenanlagen unter möglichst störungsfreien Bedingungen zu untersuchen.

Telefunken legte den Grundstein

Die Geschichte des Antennenmessplatzes reicht bis in das Jahr 1939 zurück. Damals richtete die Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H. auf dem rund 30 Hektar großen Gelände eine Versuchsanlage für Funk- und Antennentechnik ein. Ziel waren die Entwicklung und Erprobung von Funkmesstechnik und Antennen. Die Lage außerhalb dichter Bebauung und die weitgehend ungestörten Bedingungen waren für die Messungen besonders geeignet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die technischen Anlagen demontiert. Bis 1947 nutzte das Oberspreewerk aus Berlin-Oberschöneweide Teile des Geländes. Anschließend wurden die vorhandenen Gebäude unter anderem zur Unterbringung von Kriegsflüchtlingen genutzt. Erst Mitte der 1950er Jahre begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Standorts.

Die Deutsche Post baut den Messplatz wieder auf

1956 übernahm die Deutsche Post das Gelände. Es entstand eine Außenstelle des Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamtes (RFZ), das für die technische Entwicklung im Rundfunk- und Fernmeldewesen der DDR eine wichtige Rolle spielte. Ab Ende der 1950er Jahre wurde der Standort deshalb wieder systematisch für Forschungs- und Messaufgaben ausgebaut.

1959 entstand zunächst ein erster hölzerner Messturm. Die beiden heute noch vorhandenen Türme folgten 1962/63. Sie dienten dazu, Antennen für unterschiedliche Funkanwendungen aufzunehmen und deren Eigenschaften unter definierten Bedingungen zu vermessen. Auf dem Gelände wurden unter anderem Kurzwellen-, Richtfunk-, Peil- und Rundfunkantennen untersucht.

Ein Turm brannte ab

Von den ursprünglich drei Holztürmen ist heute nur noch die Hälfte erhalten. Der erste Messturm wurde 1959 errichtet und am 20. April 1979 durch einen Brand zerstört. Die beiden anderen Türme überstanden die Jahrzehnte und wurden zu den weithin sichtbaren Wahrzeichen des ehemaligen Messplatzes.

Auch die erhaltenen Türme blieben nicht unverändert. Nach der Übernahme des Areals durch die Deutsche Bundespost wurde Turm II 1991 in der Höhe reduziert. Der heutige Bestand ist deshalb nicht mehr vollständig mit der ursprünglichen Konstruktion identisch. Der größere Doppelturm III blieb dagegen in seiner markanten Höhe erhalten.

Eine Antenne, die gar nicht senden sollte

Zum ungewöhnlichen technischen Erbe des Geländes gehörte außerdem eine 1965 errichtete Kurzwellen-Versuchsantenne. Sie war bis etwa 2000 vorhanden. Ihr eigentlicher Zweck lag allerdings nicht im regulären Sendebetrieb. Vielmehr wurde an der Anlage untersucht, wie sich die verwendeten Antennenmaterialien langfristig unter Witterungseinflüssen bewähren. Damit war der Standort nicht nur ein Messplatz für Funktechnik, sondern zugleich ein Versuchsfeld für die Entwicklung langlebiger Antennenbauteile.

Vom technischen Standort zum Denkmal

Mit dem Ende der Deutschen Telekom als Nutzerin verlor der Antennenmessplatz seine ursprüngliche Funktion. Die Telekom gab das Gelände Anfang 2010 an einen privaten Eigentümer ab. Der technische Betrieb war damit Geschichte, die beiden Türme blieben jedoch erhalten. Heute befindet sich auf dem Areal eine andere Nutzung; um den Erhalt der außergewöhnlichen Holzkonstruktionen kümmert sich der Verein Brücker Türme.

Die Rettung der Türme war keineswegs selbstverständlich. Ende 2009 stand sogar eine Sprengung von Turm II im Raum. Gegen die Pläne formierte sich Widerstand. Die Gründung des Vereins „Brücker Türme“ und die Suche nach einer Perspektive für das Bauwerk trugen schließlich dazu bei, den Abriss zu verhindern. Turm III war bereits zuvor unter Denkmalschutz gestellt worden; Turm II folgte 2011.

Europas einzigartige Holzkonstruktion

Heute sind die Brücker Türme ein außergewöhnliches Zeugnis der deutschen Technik- und Kommunikationsgeschichte. Ihre Bedeutung liegt nicht allein in ihrer ungewöhnlichen Höhe, sondern vor allem in der seltenen Ingenieurkonstruktion. Die metallfreie Bauweise, ihre Funktion als Antennenmesstürme und die Verbindung mit der Entwicklung der Rundfunk- und Funktechnik verleihen ihnen einen besonderen Denkmalwert. Das wird auch von der Denkmalpflege hervorgehoben: Die Türme besitzen technikgeschichtliche, bautechnische und städtebauliche Bedeutung und bilden zugleich eine weithin sichtbare Landmarke.

Ein Lost Place mit technischer Vergangenheit

Der ehemalige Antennenmessplatz Brück steht damit exemplarisch für eine besondere Kategorie von Industriekultur. Hier geht es nicht um Fabrikhallen, Schornsteine oder Kraftwerksanlagen, sondern um die baulichen Hinterlassenschaften einer technischen Forschungswelt, die heute kaum noch sichtbar ist. Die beiden hölzernen Türme machen diese Geschichte jedoch weiterhin weithin sichtbar.

Was einst für die präzise Vermessung von Funkantennen gebaut wurde, ist heute selbst zum historischen Forschungsobjekt geworden. Die Brücker Türme erinnern daran, dass technische Infrastruktur häufig erst dann als Denkmal erkannt wird, wenn ihre ursprüngliche Funktion längst verschwunden ist. In Brück ist dieses Stück Funkgeschichte erhalten geblieben – und gerade deshalb weiterhin bemerkenswert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert