Alte Sprungschanze Oybin

Die Hochwald-Sprungschanze bei Oybin gehört zu den ungewöhnlichsten Relikten der Wintersportgeschichte im Zittauer Gebirge. Zwischen Oybin und Hain gelegen, erinnert die Anlage an eine Zeit, in der Skispringen auch in den Mittelgebirgen Sachsens zum festen Bestandteil des sportlichen Lebens gehörte. Die Geschichte der Schanze reicht bis in die 1920er-Jahre zurück. Bereits 1926 errichteten Zittauer Sportler am Hochwaldhang eine erste Skisprungschanze. Spätestens Ende der 1920er-Jahre war der Wintersport in Oybin fest etabliert.

Eine Schanze aus Eigeninitiative

Der Bau der späteren Hochwaldschanze war vor allem ein Gemeinschaftsprojekt. 1932 begannen rund 30 junge Männer mit Hacke, Schaufel, Axt und Säge mit den Arbeiten. Maschinen standen kaum zur Verfügung, selbst das Holz für die Konstruktion wurde weitgehend von Hand bearbeitet. Die schwierigen Erdarbeiten mussten ebenfalls ohne moderne Technik bewältigt werden. Am 1. Januar 1934 wurde die neue Hochwaldsprungschanze eingeweiht. Ingenieur Kamprath, der zahlreiche sächsische Schanzen kannte und selbst Anlagen errichtet hatte, bezeichnete sie als die „landschaftlich schönste gelegene Schanze Sachsens“.

Die Anlage entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Wintersportort. Schuljugend, Vereine und Sportler aus der Oberlausitz nutzten die Schanze. Noch Ende der 1930er-Jahre wurden Reparaturen an der stark beanspruchten Holzkonstruktion vorgenommen.

Vom Wintersportort zur DDR-Schanze

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage weiter genutzt und mehrfach verändert. 1957 entstand eine Mattenschanze, die damit auch außerhalb der Wintersaison Trainingsmöglichkeiten bot. Der Standort wurde vom Polizeisportverein Dynamo betrieben und entwickelte sich zu einem Trainingszentrum für nordische Skidisziplinen. Ein Name ist besonders eng mit der Geschichte der Oybiner Schanzen verbunden: Matthias Buse absolvierte hier seine ersten Trainingssprünge. Der spätere Weltmeister wurde damit zu einem der bekanntesten Sportler, dessen Karriere mit der Anlage verbunden ist.

Doch die sportliche Blütezeit währte nicht dauerhaft.

Wiederaufbau statt Aufgabe

1976 wurde die inzwischen baufällige Anlage von Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr, Sportlern und Einwohnern demontiert. Bereits kurz darauf fiel die Entscheidung für einen Wiederaufbau. Im Rahmen der DDR-typischen „Volkswirtschaftlichen Masseninitiative“ entstand die Schanze innerhalb von nur zwei Monaten neu. 1978 war die Anlage wieder fertiggestellt. In den folgenden Jahren wurde sie weiter ausgebaut. 1984 kam eine Pionier- und Jugendschanze hinzu, 1986 folgten weitere Erweiterungen und ein neuer Kampfrichterturm. 1987 stellte Christian Schmidt bei einem Spezialsprunglauf mit 42,5 Metern einen neuen Schanzenrekord auf.

1990 kam das endgültige Aus

Mit dem politischen und gesellschaftlichen Umbruch änderte sich auch die Situation des Wintersports. Der Trainingsbetrieb wurde 1990 eingestellt, die Matten später demontiert. Die Anlage wurde nicht mehr regulär für Wettkämpfe genutzt. Damit begann der langsame Übergang vom Sportplatz zum historischen Relikt. Noch einmal wurde die Schanze 2006 aus ihrem Dornröschenschlaf geholt. Zum 750-jährigen Bestehen Oybins fand ein symbolischer Sprunglauf statt – gewissermaßen ein sportlicher Nachhall einer längst vergangenen Epoche.

Zwischen Verfall und Denkmalschutz

Lange war unklar, was mit der alten Anlage geschehen sollte. Bereits in den 1990er-Jahren wurde sie als „Sportruine“ bezeichnet. 2017 bescheinigte ein Holzgutachten den Konstruktionen allerdings einen erhaltenswerten beziehungsweise damals noch guten Zustand. Später wurden schadhafte Holzteile ausgetauscht und Teile der Anlage instandgesetzt. Die Gemeinde Oybin verfolgt damit einen bemerkenswerten Ansatz: Die Schanze soll nicht wieder zum Sportzentrum werden, sondern als Zeitzeuge der Orts- und Wintersportgeschichte erhalten bleiben.

Ein Lost Place mit Geschichte

Heute wirkt die alte Sprungschanze wie ein Fremdkörper zwischen Wald und Straße. Der Anlaufturm steht noch, doch die Zeiten, in denen hier Skispringer über die Schanze gingen und Zuschauer Wettkämpfe verfolgten, sind vorbei. Aufgrund der Holzbauweise sind die Anlauftürme inzwischen nicht mehr besteigbar. Gerade deshalb besitzt die Anlage ihren besonderen Reiz. Sie ist kein beliebiger verfallener Bau, sondern ein authentisches Relikt der regionalen Sportgeschichte. Hier lassen sich fast hundert Jahre Wintersportentwicklung ablesen – von den ersten selbstgebauten Anlagen der 1920er-Jahre über die DDR-Sportförderung bis zum Ende des organisierten Skispringens nach 1990.

Die Hochwaldschanze ist damit ein Lost Place, der eigentlich keiner sein soll. Sie steht zwischen Erhalt, Verfall und Erinnerung – und erzählt dabei eine Geschichte, die weit über das Skispringen hinausgeht.

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