Alpha-Chemie Freital

In Freital-Birkigt ist von der einstigen Alpha-Chemie heute kaum noch etwas zu sehen. Wo über Jahrzehnte produziert, gelagert und gearbeitet wurde, entstand inzwischen ein neues Gewerbegebiet. Die alten Gebäude sind verschwunden, der markante Schornstein wurde gesprengt und selbst der belastete Untergrund musste aufwendig behandelt werden. Das Ende des ehemaligen Werksgeländes ist damit besiegelt. Übrig bleibt eine Industriegeschichte, die exemplarisch für den Wandel vieler sächsischer Industriestandorte steht: Produktion, Stilllegung, Verfall, Abriss, Altlastensanierung – und schließlich die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Neuanfang.

1947 begann die Geschichte als Seifenfabrik

Die Geschichte der Alpha-Chemie reicht bis in das Jahr 1947 zurück. Damals wurde das Unternehmen in Freital als private „Seifenfabrik Wehner“ gegründet. Bereits zwei Jahre später änderten sich die Eigentumsverhältnisse grundlegend: Der Betrieb wurde verstaatlicht und firmierte fortan als Alpha Chemische Fabrik, kurz ACF. Damit wurde aus dem privaten Nachkriegsbetrieb ein Teil der staatlich gelenkten Chemieindustrie der DDR. Über Jahrzehnte prägte die chemische Produktion den Standort und damit auch ein Stück der industriellen Identität Freitals.

Die Wende brachte den nächsten tiefen Einschnitt

Mit dem Ende der DDR geriet auch die Alpha Chemische Fabrik in den Sog der wirtschaftlichen Umbrüche. 1990 übernahm die Treuhandgesellschaft den Betrieb. In den folgenden Jahren wurde das Unternehmen schrittweise privatisiert. 1995 stieg die Hamburger Otto Schümann GmbH als Hauptgesellschafter ein, 2001 gingen sämtliche Gesellschaftsanteile an die Familie Freudenberg. 2006 wurde schließlich die Adichem AG Hauptgesellschafter. Das Unternehmen blieb damit nicht stehen. Die Produktion wurde modernisiert und auf Spezialchemikalien ausgerichtet. Zu den Verfahren gehörten unter anderem die Oxidation und Veresterung verschiedener Kohlenwasserstoffgemische sowie deren Weiterverarbeitung. Die Produkte fanden unter anderem im Bereich des Korrosionsschutzes Verwendung.

Doch während das Unternehmen seine Produktion modernisierte, begann die alte Bausubstanz des ursprünglichen Standorts zunehmend zum Problem zu werden.

Der alte Standort verlor seine Funktion

Die Alpha-Chemie verlagerte ihren betrieblichen Schwerpunkt an einen neuen Standort an der Hüttenstraße. Das ehemalige Werk an der Coschützer Straße verlor damit seine industrielle Funktion. Bereits 2019 war der Abriss der historischen Industriegebäude beschlossen. Fotografische Dokumentationen aus dieser Zeit zeigen die damalige Situation noch eindrucksvoll: Zwischen Coschützer Straße und Birkigter Straße standen die alten Produktions- und Industriebauten, während die Alpha-Chemie inzwischen an ihrem neuen Standort produzierte.

Aus der Industriebrache sollte ein Technologiepark werden

2018 kaufte die städtische Technologie- und Gründerzentrum Freital GmbH, kurz TGF, das rund 13.000 Quadratmeter große Grundstück. Der Kaufpreis lag bei 100.000 Euro. Auf dem Gelände standen zu diesem Zeitpunkt noch verwaiste Produktions- und Lagerhallen der Alpha-Chemie. Die Zielrichtung war eindeutig: Statt die alte Industriebrache weiter verfallen zu lassen, sollte ein neues Gewerbegebiet entstehen. Doch zwischen Abriss und Neubau lag eine erhebliche Hürde. Auf dem Gelände befanden sich Altlasten. Gebäude mussten beseitigt, die Fläche beräumt und anschließend umfangreich saniert werden. Ursprünglich wurden die Kosten für das Gesamtprojekt auf rund 3,2 Millionen Euro geschätzt.

Die Realität sollte deutlich teurer werden.

Der Schornstein wurde zum letzten Wahrzeichen

Als 2022 die eigentliche Rückbauphase sichtbar wurde, verschwand das alte Alpha-Chemie-Areal Stück für Stück. Die Gebäude waren teilweise bereits stark verfallen. Zeitweise hatten sich in den ehemaligen Industriegebäuden sogar Werkstätten der Kfz-Schrauberszene angesiedelt. Auch ein alter Bunker auf dem Gelände wurde im Zuge des Rückbaus beseitigt. Lange blieb jedoch ein markanter Zeuge der Vergangenheit stehen: der rund 52 Meter hohe Schornstein des ehemaligen Heizhauses. Er ragte über die Abrissfläche hinaus und wurde damit zum letzten sichtbaren Symbol des alten Chemiewerks. 2022 war noch offen, ob der Schlot gesprengt oder Stück für Stück abgetragen werden sollte.

Am Ende fiel die Entscheidung für die spektakulärere Variante.

Der industrielle Schlussstrich kam mit der Sprengung

Der 52 Meter hohe Backsteinschornstein wurde im Zuge der Entwicklung des neuen Gewerbegebiets gesprengt. Damit verschwand das letzte weithin sichtbare Bauwerk der ehemaligen Alpha-Chemie von der Fläche. Damit war endgültig sichtbar, was sich bereits Jahre zuvor angekündigt hatte: Aus dem ehemaligen Chemiewerk sollte keine Industrieruine und auch kein denkmalgeschütztes Zeugnis der Freitaler Industriegeschichte werden. Die Zukunft des Grundstücks lag vielmehr in seiner vollständigen Transformation.

Die eigentliche Überraschung lag unter der Erde

Der Abriss der Gebäude war allerdings nur ein Teil des Problems. Weitaus schwieriger erwies sich die Sanierung des Bodens. Im Zuge der Arbeiten wurden nach Angaben der Stadt beziehungsweise der TGF erhebliche Mengen an öl-, teer- und phenolhaltigen Flüssigkeiten sowie entsprechend belasteter Boden festgestellt. Die verunreinigten Materialien mussten entsorgt und durch sauberen Boden ersetzt werden. Damit bekam die Geschichte der Alpha-Chemie eine zweite, weniger sichtbare Dimension. Die Industriegeschichte war nicht einfach mit dem Abriss der Gebäude verschwunden. Teile ihrer Hinterlassenschaften lagen buchstäblich im Boden. Auch aktuelle Planungsunterlagen der Stadt führen die Alpha-Chemie-Fläche weiterhin als Altstandort beziehungsweise altlastenverdächtige Fläche.

5,7 Millionen Euro für einen Neuanfang

Aus der geplanten Revitalisierung wurde deshalb ein deutlich größeres Projekt. Die ursprünglich kalkulierten Kosten von rund 4,5 Millionen Euro stiegen aufgrund der Altlasten auf etwa 5,7 Millionen Euro. Das Vorhaben wurde im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ durch den Freistaat Sachsen gefördert. Zusätzlich mussten neue Erschließungsanlagen gebaut werden. Dazu gehörten unter anderem eine Erschließungsstraße, eine Löschwasserzisterne und ein Kanal, über den Regenwasser unter der Bahntrasse hindurch in die Weißeritz geleitet werden kann.

Das Projekt zeigt damit deutlich, wie teuer das Erbe alter Industrieflächen werden kann. Der eigentliche Abriss ist dabei häufig nur der sichtbare Teil. Die weitaus kostspieligere Hinterlassenschaft befindet sich oftmals unter der Oberfläche.

Heute erinnert kaum noch etwas an die Alpha-Chemie

Im Juni 2025 wurde der F3 Freitaler Technologiepark Ost offiziell fertiggestellt. Auf dem ehemaligen Industrieareal stehen inzwischen neue Gewerbeflächen zur Verfügung. Im nördlichen Baufeld entstanden drei Grundstücke mit zusammen rund 5.000 Quadratmetern Gewerbefläche; im südlichen Bereich wurden sieben weitere Grundstücke mit insgesamt rund 10.000 Quadratmetern geschaffen. Erste Flächen sind bereits verkauft, auf einem Grundstück entstand bereits ein neues Gebäude.

Der Schornstein ist gefallen. Die Hallen sind verschwunden. Die Chemiegeschichte aber bleibt – zumindest in den Archiven, Fotografien und Erinnerungen an einen Ort, an dem über Jahrzehnte produziert wurde.

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