Erfurt. Wo früher gearbeitet, gelagert und produziert wurde, herrscht heute vielerorts Leere. Im Erfurter Bahnquartier treffen verlassene und marode Gebäude auf eine völlig andere Form der Nutzung: Graffiti-Künstler haben die alten Fassaden für sich entdeckt und verwandeln sie mit Spraydosen, Pinseln und Farbrollen in großflächige Kunstwerke. Das Bahnquartier ist von seiner industriellen Vergangenheit geprägt. Einige Gebäude stehen leer und vermitteln noch immer den Eindruck eines aufgegebenen Gewerbestandorts. Für Sprayer bieten gerade diese Flächen ungewöhnlich viel Raum für kreative Arbeiten. Aus grauen, teilweise heruntergekommenen Fassaden entstehen dadurch farbenprächtige Motive. Was andernorts als unerlaubte Schmiererei gilt, bekommt hier einen anderen Charakter: Die Gestaltung der Gebäude wird zum sichtbaren Teil des Quartiers.
Der besondere Reiz liegt im Kontrast. Rost, bröckelnder Putz und leerstehende Räume bilden den Hintergrund für moderne Street-Art. Der bauliche Verfall wird dabei nicht versteckt, sondern bewusst in die Bildsprache einbezogen. Für Besucher entsteht dadurch ein ungewöhnlicher Blick auf einen Stadtbereich, der ansonsten vor allem durch seinen Leerstand auffällt.
Das Bahnquartier steht gleichzeitig beispielhaft für den schwierigen Umgang mit innerstädtischen Brachflächen. Zwischen Aufgabe alter Nutzungen und einer möglichen späteren Entwicklung können Jahre liegen. In dieser Zwischenzeit verändern sich solche Orte. Die Gebäude verfallen, werden zu Fotomotiven oder – wie in Erfurt – zu temporären Freiräumen für Kunst. Aus einem vergessenen Industrieareal wird damit zumindest vorübergehend eine ungewöhnliche Open-Air-Galerie.
