Bielefeld. Ein Stück bäuerlicher Geschichte Bielefelds geht verloren: Die historische Hofstelle Vogelsang an der Ecke Voltmannstraße/Am Brodhagen in Gellershagen wird abgerissen. Das ehemalige Fachwerkbauernhaus mit Deelentor und den charakteristischen gekreuzten Pferdeköpfen am Giebel war zuletzt einer der wenigen noch sichtbaren Hinweise auf die landwirtschaftliche Vergangenheit des Bielefelder Westens. Die Geschichte des Hofes reicht weit zurück. Vogelsang, früher Gellershagen Nr. 8, wird bereits im Urbar der Grafschaft Ravensberg von 1556 erwähnt. Auch im Urkataster von 1825 ist die Hofstelle verzeichnet.
Das heute abgerissene Gebäude selbst lässt sich allerdings nicht zweifelsfrei auf das 16. Jahrhundert datieren. Bauernhäuser wurden über die Jahrhunderte mehrfach umgebaut, erneuert oder ersetzt. Erhaltene ältere Bauteile und Inschriften über der Deelentür zeugten jedoch von der langen Geschichte des Standorts. Mit dem Wachstum Bielefelds wurden die einst verstreut liegenden Bauernhöfe Gellershagens zunehmend von Straßen und Wohngebieten umschlossen. Viele dieser Hofstellen verschwanden bereits vor Jahrzehnten. So wurden unter anderem der Flehmannshof Ende der 1950er-Jahre und der Hof Oberbrodhagen in den 1960er-Jahren abgerissen. Der Hof Vogelsang war damit zuletzt ein selten gewordenes Zeugnis dieser ursprünglichen Siedlungsstruktur.
Die Linke im Bielefelder Rat kritisiert den Abriss. Ratsherr Bernd Vollmer sieht darin nicht lediglich den Verlust eines alten Gebäudes, sondern den weiteren Rückgang historischer Zeugnisse der Stadtteilgeschichte. Aus seiner Sicht hätte stärker geprüft werden müssen, ob sich der Erhalt des Fachwerkhauses mit einer neuen Wohnbebauung auf dem Grundstück verbinden lässt. Wohnraumschaffung und Denkmalschutz seien nicht grundsätzlich Gegensätze, argumentiert Vollmer.
Der Fall Vogelsang reiht sich damit in eine lange Liste verschwundener Bielefelder Hofstellen ein. Auch Sudbrackhof, Quellenhof, Kulbrockshof und Obermeyer zu Ditzen sind heute nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Für Kritiker geht damit mehr verloren als historische Bausubstanz: Mit jedem dieser Höfe verschwinden konkrete Orte, an denen sich die Entwicklung der Bielefelder Stadtteile über Jahrhunderte nachvollziehen lässt.
Der Abriss ist inzwischen weitgehend vollzogen. Für die Zukunft des Grundstücks richtet sich der Blick deshalb auf die geplante weitere Entwicklung. Vollmer fordert, dass die Fläche anschließend nicht über Jahre brachliegt. Mit dem Verschwinden des Hofes Vogelsang verliert Gellershagen damit eines seiner letzten sichtbaren Zeugnisse der bäuerlichen Vergangenheit – und ein Stück Stadtgeschichte, das über Jahrhunderte an diesem Ort erhalten geblieben war.
