Das Wort „Zukunft“ klingt erstmal automatisch gut. Wer etwas für die Zukunft tut, kann schließlich kaum etwas falsch machen. Zukunft ist modern, innovativ, nachhaltig, digital und irgendwie immer besser als das, was vorher war. Kein Wunder also, dass die Zukunft in der Stadtentwicklung inzwischen fast überall auftaucht. Zukunftsquartiere entstehen, Zukunftsstandorte werden entwickelt, Zukunftscampus ausgerufen und ehemalige Industrieflächen in „innovative urbane Räume“ verwandelt. Das klingt großartig. Nur gibt es da ein kleines Problem: „Bevor die Zukunft einziehen kann, muss erstaunlich häufig erst einmal die Vergangenheit raus.“
Erst einmal Platz schaffen
Das Prinzip ist simpel. Ein altes Gebäude steht auf einem interessanten Grundstück. Es ist leer, sanierungsbedürftig oder kompliziert. Vielleicht ist es sogar denkmalgeschützt. Dann beginnt die Suche nach einer neuen Perspektive. Und irgendwann fällt das Zauberwort: Entwicklungspotenzial. Das alte Gebäude wird zum Hemmnis, die Fläche zum Potenzial. Die Geschichte wird zur Ausgangslage und der Abriss zur Vorbereitung. Erst wird abgerissen, dann wird gerodet, planiert und neu parzelliert. Schließlich wird auf das ehemalige Industrieareal ein großes Schild gestellt: „Hier entsteht Zukunft.“ Manchmal fragt man sich, warum die Zukunft offenbar so empfindlich ist, dass sie keinen Altbau neben sich duldet.
Die Zukunft sieht erstaunlich oft gleich aus
Besonders interessant wird es, wenn man sich neue Quartiere anschaut. Moderne Wohngebäude, Büros, Gewerbeflächen, Grünanlagen, Tiefgaragen und dazwischen ein paar sorgfältig platzierte historische Elemente. Vielleicht bleibt ein Schornstein stehen, vielleicht eine Backsteinfassade, ein alter Wasserturm oder eine ehemalige Maschinenhalle, die zum Eingangsbereich eines neuen Bürokomplexes wird. Das soll an die Vergangenheit erinnern – und das tut es auch. Ein bisschen. So wie ein Souvenir an einen Ort, den man längst abgerissen hat. Denn wenn von einem riesigen historischen Werksgelände am Ende nur noch ein Schornstein übrig bleibt, kann man das natürlich als Erinnerung verkaufen. Man kann aber auch sagen: „Wir haben die Geschichte auf ein dekoratives Einzelstück reduziert.“
Bestand ist kein Hindernis
Dabei könnte es auch anders gehen. Ein altes Gebäude muss nicht automatisch die neue Nutzung verhindern. Es kann sogar ihr stärkstes Argument sein. Eine alte Fabrik besitzt Räume, die man heute kaum noch bauen würde: große Hallen, massive Tragwerke, hohe Decken, ungewöhnliche Grundrisse und Materialien, die über Jahrzehnte Patina angesetzt haben. Ein alter Bahnhof besitzt eine Identität, die kein Architekt nachträglich entwerfen muss. Ein ehemaliges Krankenhaus erzählt durch seine Architektur bereits von seiner früheren Funktion. Eine Arbeitersiedlung dokumentiert soziale Geschichte nicht auf einer Informationstafel, sondern in ihren Häusern und Straßen.
Das alles ist vorhanden. Man muss es nur erkennen.
Die teuerste Ressource wird gerne vergessen
Wir sprechen ständig von Ressourcenknappheit. Rohstoffe sind knapp, Flächen sind knapp, Energie ist knapp, Baumaterialien sind knapp. Nur eine Ressource behandeln wir erstaunlich großzügig: „bestehende Bausubstanz.“ Sie steht bereits da. Die Fundamente sind vorhanden, die Tragstruktur ist vorhanden, die Räume sind vorhanden. Die Materialien wurden längst hergestellt und verbaut. Natürlich ist nicht jedes Gebäude sinnvoll weiterzuverwenden. Aber Bestand grundsätzlich als Hindernis zu betrachten, ist weder ökologisch noch kulturell besonders fortschrittlich. Vielleicht ist das eigentliche Zukunftsdenken manchmal viel weniger spektakulär. Vielleicht bedeutet Zukunft auch: „Das nutzen, was schon da ist.“
„Modern“ ist kein Freifahrtschein
Natürlich brauchen Städte neue Wohnungen, moderne Arbeitsplätze, Schulen, Infrastruktur und zeitgemäße Gebäude. Niemand will zurück ins 19. Jahrhundert. Aber zwischen Fortschrittsfeindlichkeit und blindem Neubaufetisch gibt es einen ziemlich großen Raum. Dort könnte man über Umnutzung reden, über Weiterbauen, über Ergänzen statt Ersetzen und über den behutsamen Umbau historischer Gebäude. Das klingt weniger spektakulär als ein komplett neues Quartier. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht alles, was neu ist, ist automatisch fortschrittlich. Und nicht alles, was alt ist, ist automatisch überholt.
Der schönste Neubau kann Geschichte nicht ersetzen
Es gibt selbstverständlich hervorragende Architektur. Neue Gebäude können Städte bereichern, neue Maßstäbe setzen und selbst irgendwann zu historischen Zeugnissen werden. Aber ein Neubau kann eines nicht: Er kann keine gewachsene Geschichte ersetzen. Er kann eine Geschichte über das Gebäude erzählen, sie zitieren, eine Fassade rekonstruieren oder einen alten Grundriss aufnehmen. Aber er kann nicht nachträglich 100 Jahre Nutzung erzeugen. Keine Generationen von Arbeitern, keine alten Produktionsabläufe, keine Menschen, die dort ihren Alltag verbracht haben, und keine Ereignisse, die sich tatsächlich in diesen Räumen abgespielt haben. Das lässt sich nicht planen.
Und dann wird aus Geschichte ein Marketingkonzept
Besonders kurios wird es, wenn die Vergangenheit anschließend zum Bestandteil des Marketings wird. „Historisches Flair“, „Industriecharme“, „Wohnen mit Geschichte“, „Arbeiten im ehemaligen Fabrikambiente“ – solche Begriffe lesen sich hervorragend auf Immobilienseiten. Nur sollte man sich gelegentlich fragen, wie viel Geschichte eigentlich noch übrig ist. Wenn vom ursprünglichen Ensemble nur eine Fassade geblieben ist, handelt es sich vielleicht nicht mehr um historische Substanz, sondern um historische Kulisse. Das kann architektonisch durchaus reizvoll sein. Aber man sollte es auch so nennen. Denn Geschichte ist mehr als ein hübsches Zitat.
Vielleicht sollten wir die Frage anders stellen
Wenn ein altes Gebäude auf einem begehrten Grundstück steht, lautet die erste Frage häufig: „Was könnte hier Neues entstehen?“ Vielleicht sollte sie künftig lauten: „Was könnte hier entstehen, wenn das Gebäude bleibt?“ Das ist ein kleiner Unterschied, aber er verändert die gesamte Perspektive. Plötzlich wird der Bestand nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als Ausgangspunkt. Nicht als Ballast, sondern als Ressource. Nicht als Hindernis, sondern als Teil des Konzepts. Und plötzlich muss die Zukunft nicht mehr auf einer tabula rasa beginnen.
Zukunft braucht Erinnerung
Denn eine Stadt ist kein Computerprogramm, das man irgendwann auf Version 2026.1 aktualisiert. Eine Stadt ist ein gewachsenes Gebilde. Sie besteht aus unterschiedlichen Zeiten, Baustilen, Fehlern, Erfolgen, Brüchen und Geschichten. Genau diese Mischung macht sie interessant. Wer alles Alte entfernt und durch neue, perfekt geplante Quartiere ersetzt, kann eine funktionierende Stadt bauen. Aber vielleicht keine Stadt mit Erinnerung. Und Erinnerung ist kein Luxus. Sie schafft Identität.
Erst abreißen, dann Zukunft draufschreiben
Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig werden, wenn uns jemand ein Projekt als große Zukunftsvision verkauft. Nicht weil neue Projekte schlecht wären, sondern weil das Wort „Zukunft“ manchmal hervorragend davon ablenkt, was vorher verschwinden musste. Ein altes Gebäude wird abgerissen, die Fläche entwickelt, ein modernes Quartier gebaut und am Ende steht irgendwo eine Tafel, ein Kunstwerk oder ein kleines Stück Mauer, das daran erinnert, dass hier früher einmal eine Fabrik stand. Die Zukunft ist fertig. Die Vergangenheit passt auf 20 Quadratmeter.
Das ist effizient. Aber ist es auch klug?
Die Zukunft steht manchmal schon da
Vielleicht müssen wir unseren Begriff von Fortschritt deshalb ein wenig korrigieren. Fortschritt bedeutet nicht zwangsläufig, alles Bestehende durch etwas Neues zu ersetzen. Manchmal bedeutet Fortschritt, etwas Altes so weiterzuentwickeln, dass es eine neue Aufgabe bekommt. Eine Fabrik kann zum Kulturort werden, ein Bahnhof zum Treffpunkt, ein altes Verwaltungsgebäude kann Wohnungen aufnehmen und eine Maschinenhalle zum Veranstaltungsort werden. Ein scheinbar nutzloser Altbau kann plötzlich der identitätsstiftende Mittelpunkt eines neuen Quartiers sein.
Die Möglichkeiten sind da. Man muss sie nur sehen wollen.
Denn vielleicht ist die wichtigste Zukunftsfrage gar nicht: „Was bauen wir hier?“ Sondern: „Was können wir hier bewahren und trotzdem etwas Neues daraus machen?“ Das wäre tatsächlich innovativ. Und vielleicht sogar nachhaltig. Denn Zukunft muss nicht dort beginnen, wo Vergangenheit endet.
Manchmal steht sie längst da.
Herzlich, Ihr André Winternitz
Diese Kolumne ist, wie der Name schon sagt, Meinung. Begründet, aber gefärbt, wertend und evtl. provokativ. Dieser Text gibt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wieder.
