Abriss ist keine Lösung. Er ist nur die schnellste Antwort.

Foto: pexels.com/Wolfgang Weiser
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„Das Gebäude muss weg.“ Vier Wörter, die erstaunlich viel Arbeit ersparen können. Kein Nutzungskonzept ist mehr nötig, keine jahrelange Sanierungsplanung, keine Diskussion über historische Bedeutung und keine komplizierten Förderanträge. Auch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob sich aus einem alten Gebäude vielleicht doch noch etwas machen lässt, hat sich erledigt. Ein Bagger kommt, ein paar Tage Lärm und Staub folgen – und plötzlich ist das Problem verschwunden. Zumindest sieht es so aus.

Der Bagger als Problemlöser

Wir haben uns daran gewöhnt, den Abriss als Anfang zu verkaufen. „Hier entsteht etwas Neues“, heißt es dann, das Areal werde entwickelt, dringend benötigte Wohnungen würden geschaffen oder der Standort bekomme endlich eine Zukunftsperspektive. Das klingt nach Aufbruch, nach Fortschritt, nach Zukunft. Nur beginnt diese Zukunft erstaunlich häufig mit einem Haufen Schutt.

Abriss ist zunächst einmal nichts anderes als das endgültige Ende eines Gebäudes. Das sollte man ruhig auch so nennen. Nicht „Rückbau“, nicht „Flächenentwicklung“ und nicht „Baufeldfreimachung“. Abriss. Ein Gebäude ist danach nicht mehr da. Das ist seine wichtigste Eigenschaft.

Wenn die Vergangenheit im Weg steht

Besonders schnell wird der Abriss interessant, wenn ein Gebäude Geschichte hat. Eine alte Fabrik steht plötzlich einer neuen Wohnbebauung im Weg, ein Bahnhof passt nicht mehr in die Planung, ein Verwaltungsgebäude ist zu groß, eine Kaserne gilt als „nicht wirtschaftlich nachnutzbar“ oder ein Industrieensemble wird zum „städtebaulichen Missstand“. Und irgendwann fällt der entscheidende Satz: „Eine Sanierung ist wirtschaftlich nicht darstellbar.“

Damit lässt sich eigentlich fast jede Diskussion beenden. Denn wer entscheidet, was wirtschaftlich darstellbar ist – und vor allem nach welchen Maßstäben? Wenn ausschließlich die kurzfristige Rendite zählt, hat ein historisches Gebäude gegen einen Neubau häufig schlechte Karten. Ein Neubau lässt sich planen, ein Altbau hält Überraschungen bereit. Ein Neubau bietet moderne Grundrisse, ein Altbau bringt Geschichte mit. Ein Neubau lässt sich standardisieren, ein Altbau verlangt Kompromisse. Und Kompromisse sind in einer Welt, die alles auf Effizienz trimmen möchte, offenbar zunehmend unbeliebt.

„Keine Nutzung“ ist kein Naturgesetz

Ein besonders beliebtes Abrissargument lautet, es gebe keine Nutzung für das Gebäude. Interessant. Ein Gebäude steht leer, weil niemand weiß, was man damit machen kann, und die Lösung lautet: weg damit. Das ist ungefähr so, als würde man einen alten Schrank wegwerfen, weil man noch nicht weiß, was man hineinlegen möchte.

Vielleicht ist genau das die Aufgabe: eine Nutzung zu finden. Nicht jedes Gebäude wird sofort ein perfektes Konzept hervorbringen. Manchmal braucht es Zwischenlösungen, einen Eigentümerwechsel, ein anderes Nutzungskonzept, eine kleinere Nutzung oder eine Kombination verschiedener Angebote. Manchmal braucht es schlicht Geduld. Der Bagger dagegen hat keine Geduld. Er ist das Gegenteil von Geduld.

Was der Abriss nicht erzählt

Ein Abriss macht etwas unsichtbar – nicht nur das Gebäude, sondern auch die Geschichte dahinter. Plötzlich ist nicht mehr zu sehen, wie das Haus einmal aussah, wie es gebaut wurde, wer darin gearbeitet hat oder welche Funktion es für eine Stadt oder Region hatte. Maschinen, Produktionsspuren, Treppenhäuser, alte Türen und Gebrauchsspuren verschwinden ebenso wie die Geschichten, die sich daran festmachen lassen.

Natürlich kann man fotografieren, archivieren und dokumentieren. Man kann eine Tafel aufstellen: „Hier stand einst …“ Diese drei Worte sind allerdings eine ziemlich traurige Form von Denkmalschutz.

Der ökologische Teil wird gerne vergessen

Und dann wäre da noch die Sache mit der Nachhaltigkeit. Wir sprechen ständig über graue Energie, Ressourcenverbrauch und die Notwendigkeit, stärker im Gebäudebestand zu arbeiten. Gleichzeitig reißen wir Gebäude ab, transportieren Tonnen von Material ab und errichten anschließend an derselben Stelle etwas Neues.

Natürlich ist nicht jeder Altbau energetisch sinnvoll weiterzubetreiben, und selbstverständlich kann ein Neubau in bestimmten Fällen die bessere Lösung sein. Aber die Gleichung „alt gleich schlecht, neu gleich nachhaltig“ ist ebenso simpel wie falsch. Bestand ist zunächst einmal vorhanden. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn alles, was bereits gebaut wurde, musste nicht noch einmal produziert werden.

Der Bagger fragt nicht nach Geschichte

Das ist vielleicht das größte Problem. Der Bagger kennt keinen Denkmalwert, keine Industriegeschichte, keine Baugeschichte und keine Erinnerung. Er kennt keine regionale Identität und keine Generationen, die in einem Gebäude gearbeitet haben. Er kennt nur Material: Beton, Ziegel, Stahl, Holz und Glas. Genau deshalb darf der Bagger niemals die Entscheidung über den Wert eines Gebäudes treffen. Er kann eine Entscheidung ausführen, aber er kann sie nicht begründen.

Natürlich muss nicht alles stehen bleiben

Bevor jetzt jemand behauptet, RottenPlaces wolle jede Ruine zum Weltkulturerbe erklären: Nein. Natürlich nicht. Es gibt Gebäude, die nicht zu retten sind, Bauten ohne ausreichenden historischen oder architektonischen Wert, Altlasten und Sicherheitsrisiken. Es gibt Standorte, an denen ein Neubau tatsächlich sinnvoller sein kann, und Situationen, in denen ein Erhalt schlicht nicht vertretbar ist. Aber genau deshalb sollte der Abriss die letzte Antwort sein. Nicht die bequemste, nicht die schnellste und auch nicht die wirtschaftlich unkomplizierteste, sondern tatsächlich die letzte.

Denn Abriss ist endgültig

Ein Nutzungskonzept kann geändert werden, ein Investor kann wechseln, eine Finanzierung kann sich verbessern, eine Stadt kann ihre Prioritäten verändern und eine gescheiterte Idee durch eine bessere ersetzt werden. Ein abgerissenes Gebäude kann das nicht. Es ist weg – und zwar endgültig.

Das ist ein gewaltiger Unterschied. Vielleicht sollten wir deshalb bei jedem gefährdeten Gebäude eine ganz einfache Frage stellen: Was verlieren wir, wenn es verschwindet? Nicht nur finanziell und nicht nur städtebaulich, sondern auch historisch, gesellschaftlich, kulturell und möglicherweise emotional. Denn Städte bestehen nicht nur aus funktionierenden Gebäuden. Sie bestehen auch aus Erinnerungen.

Was wäre, wenn wir andersherum denken?

Was wäre, wenn ein leerstehendes Gebäude nicht zuerst als Problem betrachtet würde, sondern als Möglichkeit? Nicht „Was kostet uns das?“, sondern „Was können wir daraus machen?“ Nicht „Wie bekommen wir das weg?“, sondern „Wie bekommen wir wieder Leben hinein?“ Das wäre ein anderer Ansatz. Sicherlich komplizierter und sicherlich nicht immer erfolgreich, aber möglicherweise auch kreativer. Denn ein Gebäude, das seit 30 Jahren leer steht, hat zumindest eines bewiesen: Es kann 30 Jahre lang auf eine neue Geschichte warten.

Und dann kommt der Bagger

Irgendwann ist er wieder da. Das Gelände wird abgesperrt, die Maschinen rollen an und die letzten Spuren der Nutzung verschwinden. Noch einmal gehen Menschen durch die Räume, noch einmal wird fotografiert und dokumentiert. Dann fällt die erste Wand – und plötzlich wird aus einem Gebäude Vergangenheit.

Nicht irgendwann, nicht vielleicht, sondern an diesem Tag. Danach ist Platz: für Wohnungen, Büros, Parkplätze, einen Supermarkt oder ein neues Quartier. Für irgendetwas. Aber eben nicht mehr für das, was dort vorher stand.

Vielleicht sollten wir uns deshalb etwas Zeit lassen

Nicht jeder leere Bau braucht sofort eine Entscheidung. Nicht jedes Problem braucht sofort einen Bagger und nicht jede alte Bausubstanz ist ein Hindernis. Ebenso wenig ist jeder Neubau automatisch Fortschritt. Manchmal ist die mutigste Entscheidung nicht, etwas abzureißen, sondern zu sagen: Wir wissen noch nicht, was daraus werden kann. Also geben wir ihm noch eine Chance. Denn ein leerstehendes Gebäude ist nicht zwangsläufig das Ende einer Geschichte. Es kann auch der Anfang einer neuen sein.

Der Bagger kennt diesen Unterschied nicht.

Er kennt nur das Ende.

Herzlich, Ihr André Winternitz

Diese Kolumne ist, wie der Name schon sagt, Meinung. Begründet, aber gefärbt, wertend und evtl. provokativ. Dieser Text gibt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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