Was wir nicht sehen wollen, reißen wir ab

Symbolbild. Foto: pexels.com/cottonbro studio
Symbolbild. Foto: pexels.com/cottonbro studio

Es gibt eine bemerkenswerte Eigenart im Umgang mit unserer Geschichte: Wir erinnern uns gern. Zumindest so lange, wie die Erinnerung nicht stört. Wir errichten Gedenkstätten, veröffentlichen Bücher, halten Reden, veranstalten Gedenktage und versichern uns regelmäßig, wie wichtig es sei, aus der Vergangenheit zu lernen. Doch wenn diese Vergangenheit plötzlich ganz real vor uns steht – aus Beton, Stahl und Mauerwerk –, wird es kompliziert. Dann ist sie zu groß, zu hässlich, zu teuer, zu unbequem oder schlicht im Weg. Und wenn sie einem Bauvorhaben im Weg steht, wird aus dem historischen Zeugnis erstaunlich schnell ein Hindernis, das beseitigt werden soll.

Der Streit um den erhaltenen Hauptbunker der ehemaligen Neuen Reichskanzlei in Berlin ist dafür ein geradezu erschreckendes Beispiel. Dort, an der Voßstraße, wo einst das Machtzentrum des nationalsozialistischen Regimes stand, sind unter der Erde noch umfangreiche Teile einer Bunkeranlage erhalten. Während der oberirdische Gebäudekomplex nach dem Krieg weitgehend verschwand, blieb ein bauliches Zeugnis dieser Geschichte zurück. Nun könnte auch dieses verschwinden. Der Berliner Senat hält an einer geplanten Neubebauung mit Wohn- und Bürogebäuden fest. Der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg fordert dagegen den Erhalt und eine mögliche Nutzung als Dokumentationsstätte. Auch der Verein Berliner Unterwelten setzt sich dafür ein.

Man könnte meinen, gerade an einem solchen Ort müsste die Frage nach dem historischen Wert besonders sorgfältig beantwortet werden. Stattdessen wird darüber gestritten, ob es diesen Ort überhaupt noch braucht. Willkommen in der deutschen Erinnerungskultur: Die Vergangenheit ist wichtig. Aber bitte nicht dort, wo sie die Gegenwart bei der Grundstücksentwicklung behindert.

Geschichte ist offenbar nur dann willkommen, wenn sie nicht im Weg steht

Natürlich ist Stadtentwicklung notwendig. Natürlich brauchen Städte Wohnungen, Arbeitsplätze, moderne Gebäude und eine funktionierende Infrastruktur. Niemand kann ernsthaft verlangen, jede alte Mauer, jeden Keller und jeden Betonrest für alle Zeiten unangetastet zu lassen. Auch nicht jedes Relikt aus der Vergangenheit besitzt automatisch einen herausragenden Denkmalwert. Aber genau darin liegt der entscheidende Unterschied: Zwischen einer sorgfältigen historischen Bewertung und dem reflexartigen Beseitigen dessen, was nicht in die Planung passt, liegen Welten.

Beim Berliner Bunker geht es nicht um irgendeinen vergessenen Keller. Es geht um einen baulichen Überrest aus dem unmittelbaren Umfeld der nationalsozialistischen Machtzentrale. Ein Ort, der Fragen aufwirft, die sich nicht durch eine digitale Rekonstruktion oder eine Informationstafel am Straßenrand vollständig beantworten lassen. Wie funktionierte dieses Machtzentrum? Welche Menschen hielten sich dort auf? Wie sah die Realität hinter den monumentalen Fassaden aus? Wie endete das Regime? Und was geschah mit den baulichen Hinterlassenschaften nach 1945?

Man kann darüber streiten, welche Teile der Anlage erhalten werden sollten, welche historische Aussagekraft sie besitzen und welche Form der Vermittlung sinnvoll wäre. Diese Diskussion ist notwendig. Aber sie sollte geführt werden, bevor Fakten geschaffen werden, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Denn ein Abriss ist keine historische Bewertung. Er ist eine endgültige Entscheidung über den Verlust eines materiellen Zeugnisses.

Wir wollen erinnern – aber bitte ohne die unbequemen Überreste

Besonders irritierend ist die Vorstellung, dass man die Geschichte eines verbrecherischen Regimes offenbar besser vermitteln könne, wenn man möglichst wenig von dessen baulichen Hinterlassenschaften übrig lässt. Dabei gilt das Gegenteil: Gerade die sichtbaren und begehbaren Spuren können Geschichte begreifbar machen. Sie schaffen einen unmittelbaren Bezug zu einem Ort, an dem historische Ereignisse stattgefunden haben. Sie machen deutlich, dass Diktatur, Terror und Größenwahn keine abstrakten Begriffe aus dem Geschichtsbuch waren, sondern konkrete Orte, Räume und Strukturen hatten.

Dabei muss eines unmissverständlich bleiben: Der Erhalt eines solchen Bauwerks bedeutet weder Verehrung noch Verharmlosung. Niemand muss einen NS-Bunker schön finden. Niemand muss ihn als architektonische Leistung feiern. Und niemand sollte ihn als Kulisse für sensationslüsterne Geschichtstouristen missverstehen. Ein solcher Ort braucht eine kritische, wissenschaftlich fundierte Einordnung. Er muss die Verbrechen des Regimes, die Täter, die Opfer und die historischen Zusammenhänge in den Mittelpunkt stellen.

Aber gerade deshalb kann sein Erhalt sinnvoll sein. Wer ein belastendes Zeugnis beseitigt, beseitigt nicht die Geschichte, die damit verbunden ist. Er nimmt lediglich einen Teil ihrer materiellen Überlieferung aus der Gegenwart. Man muss einen Ort nicht mögen, um ihn bewahren zu müssen. Man muss seine Geschichte nicht gutheißen, um sie sichtbar zu halten.

Der Bagger ist schneller als die historische Aufarbeitung

Das Problem reicht weit über Berlin hinaus. In vielen Städten und Gemeinden wird mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit über Abriss gesprochen. Alte Verwaltungsgebäude, Kasernen, Fabriken, Bahnhöfe, Bunker und andere historische Bauten gelten als Belastung. Sie sind angeblich nicht mehr zeitgemäß, energetisch nicht auf dem neuesten Stand oder wirtschaftlich nicht sinnvoll zu nutzen. Die Sanierung sei zu teuer, die Planung zu kompliziert, die Zukunft liege ohnehin im Neubau.

Und irgendwann steht er da: der Bagger. Er braucht keine historische Einordnung, keine Diskussion über Identität und keine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Er braucht eine Genehmigung, Platz und einen Auftrag.

Natürlich ist nicht jeder Abriss falsch. Es gibt Gebäude, die nicht mehr zu retten sind, und Situationen, in denen eine andere Lösung tatsächlich nicht möglich ist. Aber viel zu oft wird der Abriss zur ersten Antwort, obwohl die Frage nach Alternativen noch gar nicht ernsthaft gestellt wurde. Was kostet eine Sanierung wirklich? Welche Fördermöglichkeiten gibt es? Kann ein Gebäude teilweise erhalten oder in einen Neubau integriert werden? Welche Bedeutung hat es für die Stadtgeschichte? Und was geht unwiederbringlich verloren?

Diese Fragen sind unbequem. Sie kosten Zeit, Geld und manchmal auch politische Nerven. Ein Abriss hingegen schafft schnell sichtbare Tatsachen. Eine freie Fläche lässt sich hervorragend als Aufbruch verkaufen. Was vorher Geschichte war, ist danach eben Baufeld. Das ist keine nachhaltige Stadtentwicklung. Das ist Vergangenheit auf Abruf.

Nicht jeder historische Ort braucht ein Museum – aber eine ehrliche Entscheidung

Im Berliner Fall gibt es durchaus unterschiedliche Positionen. Die Direktorin der Stiftung Topographie des Terrors hat die historische Aussagekraft der Bunkeranlage und den Bedarf für ein weiteres Dokumentationszentrum kritisch hinterfragt. Sie verweist auf bestehende Erinnerungsangebote in der Hauptstadt und darauf, dass nicht jeder bauliche Überrest der NS-Zeit zwangsläufig unter Denkmalschutz gestellt werden müsse. Auch dieser Einwand gehört zu einer ernsthaften Debatte. Erinnerungskultur darf nicht bedeuten, jedes Relikt automatisch zum Denkmal zu erklären.

Aber genau deshalb braucht es eine gründliche, transparente Prüfung. Wenn ein Ort keinen ausreichenden Zeugniswert besitzt, muss das nachvollziehbar begründet werden. Wenn bereits bestehende Einrichtungen die Geschichte angemessen vermitteln, muss man das in ein Gesamtkonzept einbeziehen. Und wenn sich Erhalt und Neubebauung miteinander verbinden lassen, sollte diese Möglichkeit nicht aus Bequemlichkeit vom Tisch gewischt werden.

Denn offenbar ist die Alternative nicht zwingend Neubau oder Bunker. Der Verein Berliner Unterwelten hält eine Integration der erhaltenen Anlage in eine neue Bebauung für denkbar. Auch der Architekten- und Ingenieurverein sieht darin eine Möglichkeit. Warum also nicht zunächst alle Optionen ernsthaft prüfen? Es wäre ein fatales Signal, wenn ausgerechnet dort, wo die deutsche Geschichte eine ihrer dunkelsten Seiten zeigt, ein unwiederbringliches Zeugnis allein deshalb verschwindet, weil die städtebauliche Planung es einfacher macht.

Was weg ist, kann niemand mehr erklären

Es gibt einen Satz, der in der Denkmalpflege eigentlich selbstverständlich sein sollte: Was einmal abgerissen ist, lässt sich nicht zurückholen. Man kann es fotografieren, vermessen, digital rekonstruieren und in einer Ausstellung erklären. Aber das Original ist weg. Die Substanz, die Spuren, die Materialität und der unmittelbare Bezug zum historischen Ort sind unwiederbringlich verloren.

Gerade in einer Zeit, in der Zeitzeugen sterben, historische Zusammenhänge zunehmend verkürzt dargestellt und Fakten in sozialen Medien verdreht werden, sind authentische Zeugnisse von besonderer Bedeutung. Sie sind keine Garantie gegen Geschichtsvergessenheit. Aber sie bieten eine Grundlage, auf der sich Geschichte nachvollziehbar vermitteln lässt.

Das gilt für die großen Orte der Geschichte ebenso wie für die unscheinbaren. Für ehemalige Industrieanlagen, die von Arbeit und wirtschaftlichem Wandel erzählen. Für Bunker, die von Krieg und Diktatur zeugen. Für Kasernen, Gefängnisse, Verwaltungsgebäude und andere Orte, deren Vergangenheit nicht immer angenehm ist. Ihre Bedeutung entsteht nicht dadurch, dass wir sie schönreden. Sie entsteht dadurch, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Wer alles beseitigt, was unbequem ist, hinterlässt irgendwann eine Vergangenheit, die nur noch aus sorgfältig ausgewählten Bildern besteht. Eine aufgeräumte Geschichte ist aber keine ehrliche Geschichte.

Wir können nicht ständig von Erinnerung sprechen und gleichzeitig ihre Zeugnisse beseitigen

Vielleicht sollten wir uns endlich ehrlich machen. Wir können nicht auf der einen Seite die Bedeutung historischer Bildung beschwören und auf der anderen Seite die materiellen Zeugnisse unserer Vergangenheit behandeln, als wären sie lästige Altlasten. Wir können nicht von Identität sprechen und gleichzeitig die Orte beseitigen, an denen diese Identität entstanden ist. Und wir können nicht erwarten, dass kommende Generationen verstehen, was geschehen ist, wenn wir ihnen immer weniger Originale hinterlassen, an denen sich Geschichte begreifen lässt.

Der Berliner Bunker ist dafür ein aktuelles Beispiel. Ob er vollständig erhalten, teilweise integriert oder als Dokumentationsort genutzt werden sollte, muss fachlich und öffentlich diskutiert werden. Aber diese Diskussion darf nicht mit dem Abriss beginnen und mit einer Informationstafel enden. Erst muss geprüft werden, was bewahrt werden kann. Dann kann entschieden werden, wie damit umzugehen ist. Denn Denkmalschutz ist keine Liebeserklärung an alte Steine. Er ist die Übernahme von Verantwortung für das, was diese Steine erzählen können.

Und vielleicht ist genau das die unbequeme Wahrheit: Nicht jedes Gebäude, das wir bewahren sollten, ist ein schönes Gebäude. Nicht jede Geschichte, die wir erzählen müssen, ist eine angenehme. Und nicht jedes Stück Vergangenheit lässt sich in ein modernes Nutzungskonzept pressen.

Was wir nicht sehen wollen, reißen wir ab. Was wir nicht erklären wollen, lassen wir verschwinden. Und was wir irgendwann vermissen, können wir nicht wieder aufbauen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir aufhören, unsere Geschichte erst dann wertzuschätzen, wenn vom Original nur noch ein Foto übrig ist.

Herzlich, Ihr André Winternitz

Diese Kolumne ist, wie der Name schon sagt, Meinung. Begründet, aber gefärbt, wertend und evtl. provokativ. Dieser Text gibt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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