Sie sind wahre Zeugnisse vergangener Kulturgeschichte, imposante Kathedralen der industriellen Revolution. Gerade im Zuge des Strukturwandels der Schwerindustrie und Montanindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg rückte die Industriegeschichte als schützenswerte kulturelle Leistung – über den rein ästhetischen Wert der Ingenieurskunst hinaus – in den Blickpunkt der Denkmalpflege. Über die Jahre entdeckte man – zuerst visuell, später experimentell – dass in Europa eine Vielzahl von Industriedenkmälern mit einer zeittypischen Industriearchitektur existiert, die unbedingt erhalten werden mussten.
In unserem mehrteiligen Spezial präsentieren wir Ihnen – oder sagen wir besser, empfehlen wir Ihnen – besondere Leuchttürme vergangener Epochen der Industriegeschichte, die heute beispielhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Ein Besuch lohnt hier zu jeder Jahreszeit. Weiter geht es mit dem 6. Teil.
Weberei Tannenhauer Braunsdorf

Die Weberei Tannenhauer in Braunsdorf (Sachsen) ist ein herausragendes Industriedenkmal und ein bedeutendes Zeugnis der sächsischen Textilgeschichte. Der historische Fabrikkomplex im idyllischen Zschopautal geht auf eine um 1800 errichtete Spinnerei zurück und wurde 1910 von Martin Tannenhauer zur Möbelstoffweberei ausgebaut. Über Jahrzehnte entstanden hier hochwertige Möbelbezugs- und Dekorationsstoffe, darunter aufwendig gestaltete Biedermeierstoffe, die auch in bedeutenden Schlössern und öffentlichen Gebäuden Verwendung fanden. Besonders bemerkenswert ist die weitgehend erhaltene historische Maschinenausstattung mit seltenen Jacquardwebstühlen, die einen authentischen Einblick in die industrielle Textilproduktion ermöglicht. Nach der Schließung des Betriebes 1990 wurde das Ensemble vor dem Verfall bewahrt und ist heute als Historische Schauweberei ein lebendiges technisches Museum. Ein außergewöhnliches Baudenkmal, das Industriearchitektur, Handwerkskunst und sächsische Wirtschaftsgeschichte eindrucksvoll miteinander verbindet.
Heidelberger Bergbahn

Die Heidelberger Bergbahn zählt zu den bedeutendsten technischen Kulturdenkmälern der Stadt Heidelberg und verbindet die historische Altstadt mit dem Königstuhl. Die untere Strecke vom Kornmarkt über das Heidelberger Schloss bis zur Molkenkur wurde 1890 eröffnet und zunächst als kombinierte Drahtseil- und Zahnradbahn mit Wasserballastantrieb betrieben. 1907 folgte die Erweiterung hinauf zum Königstuhl, dessen obere Bahnstrecke bis heute mit den historischen Wagen aus der Entstehungszeit unterwegs ist. Besonders die Königstuhlbahn gilt als technisches Kleinod und zählt zu den ältesten erhaltenen Standseilbahnen Deutschlands. Nach umfangreichen Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten wurde die Anlage 2004 als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch des Landes Baden-Württemberg aufgenommen. Bis heute verbindet die Bergbahn historische Ingenieurskunst mit ihrer ursprünglichen Aufgabe als öffentliches Verkehrsmittel und touristische Attraktion.
Saalachkraftwerk Bad Reichenhall

Das Saalachkraftwerk in Bad Reichenhall ist ein bedeutendes technisches Industriedenkmal und zählt zu den ältesten noch betriebenen Bahnkraftwerken Deutschlands. Die Anlage wurde zwischen 1910 und 1913 errichtet und am 1. Januar 1914 offiziell in Betrieb genommen. Ursprünglich diente das Wasserkraftwerk der Stromversorgung der elektrifizierten Bahnstrecke zwischen Freilassing und Berchtesgaden, deren Umstellung auch die Luftqualität im damaligen Kurort verbessern sollte. Das Wasser der Saalach wird an der eigens errichteten Talsperre bei Kibling aufgestaut und über einen unterirdischen Druckstollen zum Kraftwerk im Ortsteil Kirchberg geleitet. Besonders bemerkenswert ist, dass wesentliche historische Anlagenteile, darunter Turbinen und Generatoren, bis heute erhalten sind und weiterhin zur Stromerzeugung beitragen. Mit seiner Verbindung aus historischer Ingenieurskunst und nachhaltiger Energiegewinnung ist das denkmalgeschützte Ensemble ein außergewöhnliches Zeugnis der frühen Elektrifizierung.
Flaschenturm ehemalige Engelhardt-Brauerei

Der Flaschenturm der ehemaligen Engelhardt-Brauerei auf der Berliner Halbinsel Stralau ist ein außergewöhnliches Industriedenkmal und ein markantes Zeugnis der Berliner Brauereigeschichte. Der zwischen 1929 und 1930 nach Plänen des Architekten Bruno Buch errichtete Klinkerbau diente als Flaschenabfüllanlage sowie als Kühl- und Lagerhaus. Seine ungewöhnliche Konstruktion ermöglichte es, die für die Bierlagerung erforderlichen kühlen Temperaturen mithilfe eines speziellen Kühlsystems auch in den oberirdischen Geschossen zu gewährleisten. Zeitweise wurden hier täglich rund 300.000 Flaschen abgefüllt. Nach der Schließung des Brauereistandortes 1990 verfiel das denkmalgeschützte Gebäude zunächst, bevor es ab 2009 aufwendig saniert und zu einer Wohnanlage mit rund 100 Wohnungen umgebaut wurde. Heute gilt der markante Backsteinbau als herausragendes Beispiel des Neuen Bauens und als eines der letzten bedeutenden Zeugnisse der Stralauer Industriegeschichte.
Jungfernbrücke Berlin

Die Jungfernbrücke in Berlin-Mitte ist die älteste erhaltene Brücke der Hauptstadt und ein außergewöhnliches Zeugnis historischer Ingenieurbaukunst. Ihre Ursprünge reichen bis ins Jahr 1688 zurück, als an dieser Stelle zunächst eine hölzerne Zugbrücke errichtet wurde. 1798 erhielt sie ihre bis heute charakteristische Gestalt als Zug-Klapp-Brücke nach holländischen Vorbildern. Die Konstruktion besteht aus zwei seitlichen Sandsteinbögen und einem beweglichen Mittelteil, dessen hölzerne Klappen ursprünglich mithilfe von eisernen Ketten, Rollen und Gegengewichten geöffnet werden konnten, um Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Nach einer umfassenden Sanierung und Rekonstruktion wurde die Brücke 1999 wiederhergestellt; seitdem dient sie ausschließlich dem Fußgängerverkehr. Als einzig erhaltenes Beispiel eines einst in Berlin weit verbreiteten Brückentyps ist die denkmalgeschützte Jungfernbrücke ein einzigartiges Stück Stadt- und Technikgeschichte.
Nieverner Hütte

Die Nieverner Hütte auf der Insel Oberau bei Fachbach an der Lahn ist ein bedeutendes Industriedenkmal und ein eindrucksvolles Zeugnis der historischen Eisenindustrie in Rheinland-Pfalz. Die 1671 von der Unternehmerfamilie Mariot gegründete Eisenhütte produzierte zunächst Roheisen und Kanonen, bevor sie sich im 19. Jahrhundert zu einer renommierten Eisengießerei entwickelte. Unter der Leitung von Ferdinand Keller erlangte der Betrieb überregionale Bedeutung und fertigte unter anderem Öfen, Herde, Kochgeschirr, Geländer und kunstvolle Gusseisenwaren. Die historische Industrieanlage mit ihren markanten Gebäuden, dem charakteristischen viereckigen Schornstein sowie Teilen der ehemaligen Schleusen- und Hafenanlagen vermittelt bis heute einen Eindruck von der einstigen Bedeutung des Hüttenstandortes. Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten wurde der Betrieb am 9. Januar 1932 endgültig geschlossen. Heute stehen die erhaltenen Gebäudeteile unter Denkmalschutz und erinnern an mehr als 250 Jahre Eisenindustrie an der Lahn.
Pfrimmtalviadukt

Das Pfrimmtalviadukt bei Marnheim (Rheinland-Pfalz), auch als Marnheimer Brücke oder „Tor zum Zellertal“ bekannt, ist ein eindrucksvolles Zeugnis der historischen Eisenbahnbaukunst des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1872 und 1874 errichtet, überspannte die rund 260 Meter lange und 30 Meter hohe Eisenbahnbrücke das Tal der Pfrimm und verband die Donnersbergbahn mit der Zellertalbahn. Das imposante Bauwerk bestand aus einer dreibogigen steinernen Brückenkonstruktion und einer weitläufigen Eisenfachwerkbrücke, deren filigrane Tragwerke auf mächtigen Pfeilern ruhten. Am 20. März 1945 wurde das Viadukt von zurückweichenden deutschen Truppen gesprengt, ein Wiederaufbau scheiterte nach Kriegsende an den Kosten. Erhalten blieb insbesondere das nördliche steinerne Widerlager mit seinen drei markanten Bögen, das heute unter Denkmalschutz steht. Als weithin sichtbare Industrieruine erinnert das Bauwerk an die einstige Bedeutung Marnheims als Eisenbahnknotenpunkt und zählt zu den markantesten historischen Bauwerken der Region.
Personenaufzug Bad Schandau

Der Historische Personenaufzug in Bad Schandau (Sachsen) ist ein außergewöhnliches technisches Denkmal und ein Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz. Der 1904 auf Initiative des Hoteliers Rudolf Sendig errichtete, freistehende Stahlfachwerkturm wurde im eleganten Jugendstil gestaltet und sollte ursprünglich den Zugang zu den Villen und Kuranlagen im höher gelegenen Ortsteil Ostrau erleichtern. Mit einer Gesamthöhe von rund 52 Metern überwindet der elektrisch betriebene Aufzug einen Höhenunterschied von 47,76 Metern. Eine filigrane Stahlbrücke verbindet die obere Ausstiegsplattform mit dem Wanderwegenetz auf der Ostrauer Scheibe. Bereits seit 1954 steht die historische Anlage unter Denkmalschutz und wurde mehrfach aufwendig restauriert. Bis heute ist der Aufzug in Betrieb und verbindet auf eindrucksvolle Weise historische Ingenieurskunst mit moderner touristischer Nutzung und einem einzigartigen Panoramablick über das Elbtal.
Seilablaufanlage Chemnitz-Hilbersdorf

Die Seilablaufanlage Chemnitz-Hilbersdorf ist ein europaweit einzigartiges technisches Industriedenkmal und ein herausragendes Zeugnis der deutschen Eisenbahngeschichte. Die zwischen 1928 und 1930 errichtete Anlage gehörte zum seinerzeit bedeutenden Rangierbahnhof Chemnitz-Hilbersdorf und ermöglichte erstmals eine weitgehend lokomotivlose Zerlegung und Neuordnung von Güterzügen. Dabei wurden abgekuppelte Waggons mithilfe elektrisch angetriebener Seilwagen über sechs Ablaufgleise bewegt und gezielt abgebremst – eine für damalige Verhältnisse hochmoderne Automatisierungstechnik. Bis zur Stilllegung 1991 war die Anlage in Betrieb und stellte eine bedeutende technische Innovation im Güterverkehr dar. Dank des Engagements der Eisenbahnfreunde Richard Hartmann konnten wesentliche Bestandteile, darunter das markante Reiterstellwerk, das Maschinenhaus und die historische Antriebstechnik, vor dem endgültigen Verfall bewahrt und restauriert werden. Heute ist die Seilablaufanlage Teil des Technikmuseums und des Schauplatzes Eisenbahn in Chemnitz-Hilbersdorf, wo die faszinierende Technikgeschichte anschaulich vermittelt wird.
Göltzschtalbrücke

Die Göltzschtalbrücke im sächsischen Vogtland ist ein Meisterwerk historischer Ingenieurbaukunst und gilt bis heute als die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. Zwischen 1846 und 1851 wurde das monumentale Eisenbahnviadukt nach den Entwürfen des Ingenieurs Johann Andreas Schubert unter der Bauleitung von Robert Wilke und Ferdinand Dost errichtet. Mit einer Länge von 574 Metern, einer Höhe von 78 Metern und insgesamt 81 Bögen auf vier Etagen überspannt das imposante Bauwerk das tief eingeschnittene Tal der Göltzsch zwischen Mylau und Netzschkau. Für den Bau wurden mehr als 26 Millionen Ziegelsteine verbaut, die eigens in zahlreichen Ziegeleien entlang der Bahnstrecke hergestellt wurden. Am 15. Juli 1851 wurde die Brücke feierlich eröffnet und ermöglichte eine wichtige Eisenbahnverbindung zwischen Sachsen und Bayern. Bis heute ist das denkmalgeschützte Viadukt in Betrieb und zählt als technisches Wahrzeichen des Vogtlandes zu den beeindruckendsten historischen Bauwerken Deutschlands.
