Schwerin. Ein längst verlassener Ort mit bewegter Vergangenheit steht im Mittelpunkt einer neuen Fotoausstellung in Schwerin. Unter dem Titel „KIW Vorwärts“ widmen sich elf Mitglieder des Vereins MV-Foto dem ehemaligen Kraftfahrzeuginstandsetzungswerk „Vorwärts“ – einem einstigen DDR-Vorzeigebetrieb, der heute weitgehend leer steht. Die Ausstellung verbindet klassische Lost-Places-Fotografie mit historischen Erinnerungen und persönlichen Geschichten. Zu sehen sind verlassene Werkhallen, technische Hinterlassenschaften und Spuren des Verfalls, aber auch Graffiti, die den Fotografien eine moderne Ebene verleihen.
Vom DDR-Vorzeigebetrieb zum Lost Place
Das KIW „Vorwärts“ gehörte zu den bedeutenden Betrieben Schwerins. Vor der politischen Wende 1990 arbeiteten dort mehr als 800 Menschen. Was einst von Maschinen, Beschäftigten und industriellem Alltag geprägt war, ist heute weitgehend stillgelegt. Die Fotografen haben diesen Wandel mit ihren Kameras dokumentiert. An mehreren Wochenenden erkundeten sie das Gelände in kleineren Gruppen und hielten die verbliebenen Strukturen fest. Unterstützt wurde das Projekt vom Zentralen Gebäudemanagement Schwerin. Damit rückt ein Stück Schweriner Industriegeschichte in den Fokus, das aus dem öffentlichen Bewusstsein zunehmend zu verschwinden droht.
Architektur, Technik und Graffiti erzählen eigene Geschichten
Für Klaus-Peter Schmidt ist das KIW „Vorwärts“ ein klassischer Lost Place – und gerade deshalb fotografisch besonders reizvoll. Der 75-jährige Schweriner beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fotografie und hat bereits andere verlassene Orte dokumentiert, darunter 2018 die Sperrzone von Tschernobyl. In Schwerin faszinieren ihn vor allem die Architektur, die technischen Überreste und die Spuren der späteren Nutzung. Auch die Graffiti gehören für ihn zur heutigen Geschichte des Ortes. Sie stehen für eine neue Generation von Besuchern und Künstlern, die ihre eigenen Spuren in den verlassenen Gebäuden hinterlassen haben.
Schwarz-Weiß-Bilder verstärken die Atmosphäre
Einen besonderen Schwerpunkt setzt Fotograf Manfred Klement. Sieben seiner Arbeiten präsentiert er in Schwarz-Weiß. Die reduzierte Bildsprache lenkt den Blick auf Formen, Strukturen und Details. Verwitterte Oberflächen, leere Räume und technische Relikte erhalten dadurch eine beinahe dokumentarische Wirkung. Gleichzeitig verstärkt die monochrome Darstellung die melancholische Atmosphäre des verlassenen Betriebsgeländes. Die Ausstellung zeigt damit, dass Lost Places nicht nur durch spektakuläre Motive wirken. Gerade scheinbar unscheinbare Details können Erinnerungen an eine verschwundene Arbeitswelt auslösen.
Zeitzeugen bringen die Vergangenheit zurück
Neben den Fotografien spielt die persönliche Erinnerung eine zentrale Rolle. Zur Ausstellungseröffnung sollen auch ehemalige Beschäftigte des KIW „Vorwärts“ zu Wort kommen. Zu den Zeitzeugen gehört Detlef Lüsch, der im Betrieb seine Ausbildung absolvierte und bereits die Aufbauphase Anfang der 1960er-Jahre miterlebte. Seine Erinnerungen ergänzen die Fotografien um Geschichten aus einer Zeit, in der das Gelände noch ein funktionierender Industriebetrieb war. Damit treffen zwei Perspektiven aufeinander: Die Fotografen dokumentieren den heutigen Zustand des Lost Places, während ehemalige Mitarbeiter erzählen, wie der Ort einst ausgesehen und funktioniert hat.
Zwischen Verfall und Hoffnung auf eine neue Nutzung
Die Ausstellung will jedoch nicht ausschließlich den Verfall dokumentieren. Hinter dem Projekt steht auch die Hoffnung, dass die fotografische Auseinandersetzung neue Aufmerksamkeit für den ehemaligen DDR-Betrieb schafft. Denn Lost Places können mehr sein als Ruinen. Sie können Erinnerungsorte, Kulturstätten oder Ausgangspunkte für neue Nutzungen werden. In Schwerin gibt es mit dem Projekt „Schaumagazin“ bereits einen Ansatz, ehemalige Hallen für zeitgenössische Kunst und kulturelle Projekte zu nutzen. Die Fotografen verbinden ihre Dokumentation deshalb mit einer Frage: Was könnte aus solchen Orten werden, wenn ihre Geschichte nicht in Vergessenheit gerät?
Ausstellung zeigt mehr als Industriefotografie
„KIW Vorwärts“ beschränkt sich allerdings nicht auf die Aufnahmen des ehemaligen DDR-Betriebs. Die Schau präsentiert ein breiteres Spektrum fotografischer Arbeiten. Dazu gehören unter anderem Interieur-Aufnahmen, Aktfotografie, Bandfotos der Gruppe „Numb Fingers“ sowie inszenierte Kostümbilder. Der Schwerpunkt des Projekts bleibt dennoch die Auseinandersetzung mit dem KIW „Vorwärts“ und seiner Geschichte. Gerade die Verbindung unterschiedlicher fotografischer Stile macht die Ausstellung zu einer vielseitigen Bilderschau.
Ein Lost Place als Gedächtnis der Stadt
Das ehemalige KIW „Vorwärts“ steht beispielhaft für zahlreiche Industrieanlagen, die nach dem Ende der DDR ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Arbeitsplätze verschwanden, Produktionsstätten wurden aufgegeben und ganze Gebäudekomplexe gerieten in Vergessenheit. Die Fotografien von MV-Foto halten einen Zustand fest, der sich jederzeit verändern kann. Leerstehende Gebäude werden saniert, umgenutzt oder abgerissen – und mit ihnen verschwinden oftmals auch sichtbare Zeugnisse ihrer Geschichte.
Die Ausstellung „KIW Vorwärts“ macht deshalb aus dem verlassenen Betrieb einen temporären Erinnerungsort. Zwischen Schwarz-Weiß-Fotografie, Graffiti, technischen Relikten und den Stimmen ehemaliger Beschäftigter entsteht ein Bild von einem Ort, der zwar seine ursprüngliche Funktion verloren hat, seine Geschichte aber noch lange nicht erzählt hat.
Ausstellung in der Schweriner Altstadt
Die Fotoausstellung ist in der MV-Foto-Galerie im Hof der Volkshochschule, Puschkinstraße 13 in Schwerin, zu sehen. Sie läuft vom 25. Januar bis zum 19. März 2026. Geöffnet ist donnerstags bis sonntags jeweils von 15 bis 17 Uhr. Für Lost-Place-Fotografie, DDR-Industriegeschichte und Baukultur bietet die Ausstellung damit einen ungewöhnlichen Zugang zu einem Ort, der sonst weitgehend aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden ist.
