Dessau. Die historische Rundbogenhalle von Hugo Junkers in Dessau zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen deutscher Industrie- und Luftfahrtgeschichte. Doch das fast hundert Jahre alte Bauwerk befindet sich in einem zunehmend kritischen Zustand. Nun sorgt ein spektakulärer Rettungsplan für Diskussionen: Die Halle soll ihren ursprünglichen Standort verlassen und auf das Gelände des Technikmuseums umgesetzt werden. Die Idee sorgt in Dessau-Roßlau für Begeisterung, aber ebenso für Widerstand. Denn mit der möglichen Versetzung stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann ein Denkmal seine historische Bedeutung behalten, wenn es seinen ursprünglichen Standort verliert?
Die Geburtsstätte einer weltweiten Erfolgsgeschichte
Die Rundbogenhalle entstand 1929 nach den Plänen des Dessauer Ingenieurs und Flugzeugpioniers Hugo Junkers. Sie war weit mehr als nur ein Flugzeughangar. Junkers entwickelte die Konstruktion als Musterbeispiel moderner Ingenieurskunst und zugleich als Verkaufsargument für seine Flugzeuge. Die Halle bestand aus einem innovativen System aus verschraubbaren Stahllamellen, das mit wenig Material auskam und sich vergleichsweise schnell montieren ließ. Gerade in den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war die ressourcensparende Bauweise ein entscheidender Vorteil.
Die Dessauer Halle diente als Prototyp für eine Konstruktion, die später weltweit Verbreitung fand.
Von Dessau bis nach Brasilien: Die Junkers-Hallen eroberten die Welt
Aus dem ersten Modell entwickelte sich ein international erfolgreiches Baukonzept. Rundbogenhallen nach dem Junkers-Prinzip entstanden auf Flugplätzen und Industriearealen in zahlreichen Ländern. Noch heute stehen vergleichbare Hallen in der Türkei, in Brasilien, in Sibirien und auf Mallorca. Sie werden weiterhin als Hangars und Lagerhallen genutzt und gelten als frühe Meisterwerke moderner Ingenieurarchitektur. Der Prototyp in Dessau jedoch blieb an seinem Ursprungsort zurück – und verfiel über Jahrzehnte zunehmend.
Industriebrache statt Zukunftsstandort
Fast 100 Jahre nach ihrer Errichtung sind Alter und Vernachlässigung der Rundbogenhalle deutlich sichtbar. Die Beschichtung der ursprünglichen Stahllamellen löst sich, einzelne Bauteile mussten nach einem früheren Brand bereits ersetzt werden. Die Stadt Dessau-Roßlau als Eigentümerin beschränkte sich in den vergangenen Jahren weitgehend auf notwendige Sicherungsmaßnahmen. Gleichzeitig verschwanden die übrigen Gebäude des ehemaligen Junkalor-Werkes nach und nach aus dem Stadtbild. Das geplante Gewerbegebiet auf dem Gelände wurde nie realisiert. Zurück blieb eine einzelne Halle auf einer weitläufigen Industriebrache – isoliert und ohne Nutzungskonzept.
Der spektakuläre Rettungsplan: Umzug zum Technikmuseum
Der Förderverein des Technikmuseums „Hugo Junkers“ will die historische Halle deshalb an einen neuen Standort bringen. Geplant ist eine Umsetzung auf das Museumsgelände, wo die Konstruktion künftig historische Flugzeuge vor Wind und Wetter schützen könnte. Die Halle würde dort unter anderem als Unterstand für die ausgestellten MiG-Kampfflugzeuge und eine Iljuschin-Maschine dienen und gleichzeitig zu einem zentralen Ausstellungsobjekt werden. Besonders die Überlegung, die Halle möglicherweise mit Unterstützung von Transporthubschraubern der Bundeswehr zu versetzen, hat die Aufmerksamkeit weit über Dessau hinaus auf das Projekt gelenkt.
Denkmalpfleger warnen vor dem Verlust der Authentizität
Während die technische Machbarkeit grundsätzlich nicht infrage steht, äußern Denkmalpfleger erhebliche Bedenken gegen einen Standortwechsel. Aus ihrer Sicht ist die Halle nicht nur wegen ihrer Konstruktion bedeutsam, sondern auch wegen ihres historischen Umfelds. Der Standort in Dessau war bewusst gewählt worden, da die Halle als erster Prototyp unmittelbar mit der Entwicklung der Junkers-Werke verbunden ist. Mit einer Versetzung könnte ein wesentlicher Teil dieser historischen Authentizität verloren gehen.
Neue Nutzungskonzepte sollen das Denkmal retten
Experten und Studenten der Hochschule Anhalt arbeiten bereits an möglichen Zukunftsszenarien für die Halle am bisherigen Standort. Diskutiert werden unter anderem eine Nutzung als Kletterhalle, Veranstaltungsort, Gastronomieobjekt oder als Ausstellungsfläche im Rahmen der Bundesgartenschau 2035. Einigkeit besteht dabei in einem zentralen Punkt: Ohne eine wirtschaftlich tragfähige Nutzung wird die Rettung der Halle kaum möglich sein.
Millionenprojekt ohne Finanzierung
Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt die Finanzierung. Nach ersten Schätzungen würde allein die Demontage, Sanierung und erneute Montage der Rundbogenhalle mindestens 2,65 Millionen Euro kosten. Bislang gibt es weder eine gesicherte Finanzierung noch konkrete Förderzusagen. Ob öffentliche Mittel, Förderprogramme oder private Unterstützer einspringen könnten, ist derzeit offen. Damit entscheidet sich die Zukunft der Rundbogenhalle nicht nur an technischen oder denkmalpflegerischen Fragen, sondern vor allem am Geld.
Alle wollen die Halle retten – doch der Weg dorthin ist offen
Trotz aller Differenzen herrscht zwischen Stadt, Denkmalpflege, Hochschule und Technikmuseum Einigkeit über die Bedeutung des Bauwerks. Die Rundbogenhalle gilt als herausragendes Zeugnis deutscher Industriegeschichte und als Symbol für die Innovationskraft von Hugo Junkers und den Luftfahrtstandort Dessau. Wie die Rettung konkret aussehen wird, bleibt allerdings offen. Ob am ursprünglichen Standort oder auf dem Gelände des Technikmuseums – die kommenden Jahre dürften entscheidend dafür werden, ob die fast hundertjährige Konstruktion eine Zukunft erhält oder endgültig zum Sanierungsfall ohne Perspektive wird.
Fest steht bereits heute: Die Diskussion um die Rundbogenhalle hat das Interesse an einem der bedeutendsten Industriedenkmäler Sachsen-Anhalts neu entfacht.
