Hohenhameln. Das ehemalige Steinkohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine verliert ein weiteres prägendes Bauwerk: Am Samstag, 7. November 2026, soll das rund 130 Meter hohe Kesselhaus von Block 3 kontrolliert gesprengt werden. Die Niederlegung ist für exakt 11 Uhr vorgesehen. Damit erreicht der seit Oktober 2024 laufende Rückbau der Anlage einen weiteren markanten Meilenstein. Das Kesselhaus gilt aufgrund seiner außergewöhnlichen Konstruktion und Dimensionen als europaweit einzigartig.
Eine ungewöhnliche Konstruktion verschwindet
Das Kesselhaus ist neben dem 250 Meter hohen Schornstein das letzte große Gebäude auf dem Kraftwerksgelände. Besonders bemerkenswert ist seine technische Bauweise: Der Kessel steht nicht auf einem Fundament, sondern hängt in rund 130 Metern Höhe an zwei gewaltigen Stahlträgern. Er befindet sich zwischen vier Treppentürmen, die bei der Sprengung gezielt zum Einsturz gebracht werden sollen. Nach dem Sprengkonzept kippen die Türme in südliche Richtung und ziehen dabei den Kessel sowie das dazwischenliegende Metallgestell mit sich.
Unmittelbar vor der eigentlichen Sprengung ist eine sogenannte Vergrämungssprengung vorgesehen. Sie soll die im Gebäude lebenden Vögel, darunter Dohlen und Tauben, aufschrecken und vertreiben. Die technische und sicherheitsrelevante Vorbereitung ist entsprechend umfangreich. Für die Verantwortlichen zählt die Niederlegung zu den anspruchsvollsten Sprengvorhaben des gesamten Rückbauprojekts.
Weiträumige Sperrungen rund um das Kraftwerk
Um die Sicherheit von Anwohnern, Verkehrsteilnehmern und Zuschauern zu gewährleisten, wird am Samstag eine umfangreiche Sicherheitszone eingerichtet. Bereits ab etwa 9 Uhr werden die Triftstraße auf Höhe der Kanalbrücke sowie die Straße Ackerköpfe vollständig gesperrt. Auch umliegende Feldwege und der Wirtschaftsweg nördlich des Mittellandkanals dürfen während der Sperrung nicht genutzt werden.
Unmittelbar zum Zeitpunkt der Sprengung kommen weitere kurzfristige Verkehrssperrungen hinzu. Betroffen sind die Bundesstraße 65 in beide Richtungen, die Landesstraße 413 in Richtung Hämelerwald einschließlich des Kreisverkehrs, die Kreisstraße 41 in Richtung Ohlum sowie der Verbindungsweg zwischen Equord und Mehrum. Die Sperrmaßnahmen sollen nach der Kontrolle durch den Sprengmeister und der anschließenden Freigabe des Geländes aufgehoben werden.
Aussichtspunkt für Zuschauer – Drohnenflug verboten
Wer das Ereignis aus sicherer Entfernung verfolgen möchte, sollte sich außerhalb der ausgewiesenen Sperrzonen aufhalten. Als möglicher Aussichtspunkt wird die Verlängerung der Straße „An der Sporthalle“ in Richtung Bolzplatz genannt. Die Verantwortlichen appellieren an alle Besucher, den Anweisungen der Einsatzkräfte Folge zu leisten und keinesfalls abgesperrte Bereiche zu betreten. Im gesamten Absperrbereich gilt zudem ein striktes Flugverbot für private Drohnen.
Auch ein Livestream ist angekündigt: Die Nachrichtenagentur NEWS5 will die Sprengung ab etwa 9.30 Uhr aus Hohenhameln übertragen.
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Vom Energielieferanten zum Rückbauprojekt
Das Kraftwerk Mehrum wurde ab 1962 errichtet und nahm 1965 den Betrieb auf. Block 3 kam 1979 hinzu. Über Jahrzehnte war die Anlage ein wichtiger Stromlieferant und zugleich ein prägendes Wahrzeichen der Region. Während der Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wurde das Kraftwerk im August 2022 als eines der ersten Steinkohlekraftwerke aus der Reserve zurückgeholt. Am 28. März 2024 endete der Betrieb endgültig.
Seit Oktober 2024 wird die Anlage schrittweise zurückgebaut. Bereits zuvor waren unter anderem die Aschesilos, der Kühlturm und weitere Gebäudeteile niedergelegt worden. Nach der Sprengung des Kesselhauses soll Anfang 2027 auch der verbliebene Schornstein fallen. Auf dem Gelände ist anschließend eine neue energetische Nutzung vorgesehen: Geplant sind ein Gaskraftwerk und ein Batteriespeicher. Damit soll der Standort auch nach dem Ende der Kohleverstromung Teil der regionalen Energieinfrastruktur bleiben.
Mit dem Fall des Kesselhauses verschwindet ein weiteres weithin sichtbares Zeugnis der deutschen Kohleverstromung. Für die Region ist es nicht nur ein technischer Rückbauschritt, sondern auch der Abschied von einem Bauwerk, das über Jahrzehnte die Landschaft und das industrielle Selbstverständnis rund um Mehrum geprägt hat.
