Bielefeld-Senne. Der denkmalgeschützte Hof Niedergassel bei Bielefeld, in der Lost-Places-Szene als „Haus im Moor“ bekannt, ist nach einem Großbrand schwer beschädigt worden. Das historische Anwesen, das seit Jahrzehnten leer steht und zahlreiche Abenteurer, Fotografen und Urbex-Fans anzieht, wurde am frühen Pfingstsonntag Schauplatz eines aufwendigen Feuerwehreinsatzes. Mehr als 120 Einsatzkräfte kämpften gegen die Flammen, nachdem Autofahrer auf der nahegelegenen A2 eine weithin sichtbare Rauchsäule entdeckt und die Feuerwehr alarmiert hatten. Als die ersten Kräfte eintrafen, stand der Dachstuhl der denkmalgeschützten Scheune bereits in Vollbrand.
Stundelanger Großeinsatz auf historischem Gelände
Der Brand entwickelte sich schnell zu einem Großeinsatz. Über Stunden hinweg versuchten die Feuerwehrleute, ein Übergreifen der Flammen auf weitere Gebäudeteile zu verhindern. Um den Brand vollständig unter Kontrolle zu bringen, mussten Teile der Scheune sogar eingerissen werden. Die Folgen sind erheblich: Die betroffene Scheune gilt inzwischen als akut einsturzgefährdet. Auch das angrenzende Wohnhaus wurde massiv beschädigt. Vor allem die enormen Mengen Löschwasser hinterließen deutliche Spuren. Nach Angaben von Anwohnern lief Wasser durch Decken und Wände, zeitweise standen einzelne Räume unter Wasser.
Kripo geht von möglicher Brandstiftung aus
Während die Brandermittler das Gelände aufgrund der Einsturzgefahr bislang noch nicht vollständig untersuchen konnten, verdichten sich die Hinweise auf eine vorsätzliche Tat. Nach ersten Einschätzungen der Kriminalpolizei wird derzeit von möglicher Brandstiftung ausgegangen. Das gesamte Areal wurde beschlagnahmt und abgesichert. Die beschädigte Scheune ist inzwischen mit Absperrungen gesichert, um unbefugtes Betreten zu verhindern.
Ob diese Maßnahmen ausreichend sind, bleibt jedoch fraglich. Der Hof gehört seit Jahren zu den bekanntesten Lost Places in Ostwestfalen-Lippe und zieht regelmäßig Besucher an.
Das „Haus im Moor“ wurde zur Legende der Lost-Places-Szene
Unter Fotografen, Urban Explorern und Fans verlassener Orte genießt der Hof Niedergassel längst Kultstatus. Anders als viele andere verlassene Gebäude wurde das Anwesen nach dem Auszug seiner letzten Bewohner nahezu unverändert zurückgelassen. Noch heute befinden sich zahlreiche persönliche Gegenstände auf dem Gelände. In Wohnräumen liegen Familienfotos und Dokumente, Möbel stehen an ihrem ursprünglichen Platz. Ein Flügel im Salon wirkt, als würde jederzeit jemand zurückkehren, um darauf zu spielen.
Besonders bekannt war die nun schwer beschädigte Scheune. Dort standen über Jahrzehnte historische Fahrzeuge, darunter ein alter Traktor, ein Unimog sowie ein seltener VW Taro-Pick-up. Zahlreiche Videos und Fotoreportagen dokumentierten den außergewöhnlichen Zustand des Anwesens.
Historischer Urhof mit jahrhundertealter Geschichte
Der Hof Niedergassel besitzt weit über seinen Status als Lost Place hinaus eine bedeutende historische Rolle. Gemeinsam mit dem benachbarten Hof Obergassel zählt er zu den sogenannten Urhöfen der Senne. Bereits im Mittelalter wurden die Hofstellen urkundlich erwähnt. Das heute noch bestehende Bauernhaus wurde im Jahr 1787 neu errichtet. Eine historische Inschrift erinnert bis heute an die damaligen Bauherren. Besonders wertvoll ist zudem der Kornspeicher aus dem Jahr 1777, der als einer der ältesten denkmalgeschützten Getreidespeicher der Region gilt. Beide Gebäude stehen unter Denkmalschutz und gelten als wichtige Zeugnisse der regionalen Agrargeschichte.
Jahrzehnte des Leerstands führten zum Verfall
Seit den 1990er-Jahren ist das Anwesen unbewohnt. Nach dem Tod des damaligen Hofbesitzers verließ die Familie den Hof. Die Tochter wanderte in die USA aus und blieb Eigentümerin des gesamten Areals. Nach Angaben von Bekannten und Anwohnern wurde das Anwesen seitdem weder saniert noch verkauft. Über Jahrzehnte setzte der Verfall ein. Gleichzeitig wuchs das Interesse von Fotografen, Geschichtsinteressierten und Lost-Places-Besuchern. Der zunehmende Vandalismus und das unbefugte Betreten der Gebäude verschärften die Schäden zusätzlich.
Neue Fragen zur Zukunft des Hofes
Der Brand könnte nun weitreichende Folgen für die Zukunft des historischen Ensembles haben. Die Eigentümerin lebt weiterhin in den Vereinigten Staaten. Nach Informationen aus dem Umfeld der Ermittlungen soll die Polizei bereits versucht haben, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Offen bleibt, welche Sicherungsmaßnahmen nach dem Brand erforderlich werden und ob Teile des denkmalgeschützten Bestands noch gerettet werden können. Angesichts der Einsturzgefahr und der anhaltenden Faszination für das „Haus im Moor“ dürfte die Diskussion um den Erhalt des historischen Hofes nun neue Dynamik erhalten.
Fest steht: Mit dem Brand hat eines der bekanntesten verlassenen Gebäude Nordrhein-Westfalens einen weiteren schweren Rückschlag erlitten. Für viele Heimatforscher und Denkmalfreunde steht dabei weit mehr auf dem Spiel als nur ein verfallenes Gebäude – nämlich ein bedeutendes Stück regionaler Geschichte.
