Solingen. Jahrelang war das ehemalige Rasspe-Gelände in Solingen ein verlassener Ort. Verfallene Industriegebäude, leere Hallen und Graffiti prägten das Areal am Stöcker Berg, nachdem der traditionsreiche Landmaschinenhersteller seinen Betrieb eingestellt hatte. Inzwischen hat sich das Bild deutlich verändert: Unter dem Namen Change.Campus entsteht auf dem früheren Industriegelände ein moderner Standort für Unternehmen, Start-ups und innovative Geschäftsideen. Die Entwicklung zeigt, wie aus einer lange brachliegenden Industriefläche wieder ein wirtschaftlich genutztes Quartier werden kann.
200 Jahre Industriegeschichte endeten 2006
Die Geschichte des Standorts ist eng mit dem Solinger Unternehmen Rasspe verbunden. Über rund zwei Jahrhunderte wurden hier Landmaschinen und entsprechende technische Komponenten hergestellt. 2006 schloss das Unternehmen endgültig seine Türen. Zurück blieben Gebäude und Flächen, die über Jahre zunehmend verfielen und schließlich zu einem bekannten Lost Place wurden.
2015 ging das Grundstück in das Eigentum der städtischen Wirtschaftsförderung über. Zunächst blieb die Zukunft des Areals offen. Erst mit dem Einstieg privater Projektentwickler nahm die Idee einer umfassenden Revitalisierung konkretere Formen an. 2022 kam schließlich Bewegung in das Vorhaben: Das Projekt Change.Campus wurde entwickelt, um aus der Industriebrache einen zukunftsorientierten Wirtschaftsstandort zu machen.
Historische Gebäude werden weitergenutzt
Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist der Erhalt und die Umnutzung vorhandener Bausubstanz. Statt das gesamte Gelände abzuräumen und vollständig neu zu bebauen, werden geeignete Bestandsgebäude schrittweise saniert. Dabei kommt auch das Prinzip des zirkulären Bauens zum Einsatz. So wurden beispielsweise an einer neu errichteten Wand wiederverwendete Klinkersteine verbaut. Selbst farbige Spuren früherer Graffiti wurden teilweise bewusst in die Gestaltung integriert.
Die ehemalige Lehrwerkstatt wurde bereits umfassend erneuert und im April 2024 als erster fertiggestellter Baustein des Change.Campus eröffnet. Auch das frühere Lagergebäude, das sogenannte Kontor, wurde saniert. Mehrere Unternehmen haben sich inzwischen auf dem Gelände angesiedelt. Nach Angaben des WDR sind bereits 15 Firmen unterschiedlicher Branchen vertreten.
Neue Unternehmen statt leerer Fabrikhallen
Der Change.Campus soll insbesondere Unternehmen aus den Bereichen zirkuläre Nachhaltigkeit, intelligente Produktion und neue Mobilität anziehen. Neben etablierten Betrieben sollen auch Start-ups, Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie junge Unternehmen geeignete Arbeits- und Gewerbeflächen finden. Die vorhandenen Gebäude bieten dafür unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten. Neben Büroflächen sind unter anderem Gewerbe, Gastronomie, Veranstaltungen und weitere betriebliche Angebote vorgesehen. Das Projekt soll damit nicht nur einzelne Gebäude wiederbeleben, sondern einen Standort schaffen, an dem Unternehmen zusammenarbeiten und neue Ideen entwickeln können.
Erschließungsstraße als Voraussetzung für weitere Bauprojekte
Ein entscheidender Schritt für die weitere Entwicklung ist die innere Erschließung des Areals. Im September 2026 begann der Bau der neuen Erschließungsstraße. Sie soll die bislang noch nicht vollständig erschlossenen Grundstücke an das Verkehrsnetz und die technische Infrastruktur anbinden. Erst danach können für die weiteren Baufelder konkrete Bauanträge gestellt und die Grundstücke vermarktet werden.
Für die Erschließung stehen Fördermittel von Bund und Land Nordrhein-Westfalen in Höhe von bis zu rund 2,19 Millionen Euro zur Verfügung. Die Maßnahme umfasst neben der neuen Straßenverbindung auch den Ausbau des Einmündungsbereichs an der Straße Stöcken sowie eine Lichtsignalanlage. Die Bauarbeiten sollen bis Ende 2028 abgeschlossen werden.
Weitere Gewerbeflächen für Solingen
Neben den bereits sanierten Gebäuden stehen auf dem rund 6,5 Hektar großen Areal weitere Flächen zur Verfügung. Insgesamt sind mehr als 34.000 Quadratmeter Gewerbe- und Bürogrundstücke auf vier Baufelder verteilt. Nach Fertigstellung der Infrastruktur sollen diese Flächen schrittweise an Unternehmen veräußert werden. Für die Stadt Solingen ist das Projekt auch über den einzelnen Standort hinaus von Bedeutung. Die Revitalisierung vorhandener Industrieflächen schafft neue Möglichkeiten für die Wirtschaft, ohne zusätzliche bislang unbebaute Flächen in Anspruch nehmen zu müssen. Der Change.Campus könnte damit als Beispiel für den Umgang mit vergleichbaren Industriebrachen dienen.
Vom verlassenen Industrieareal zum Zukunftsstandort
Die Transformation des ehemaligen Rasspe-Geländes ist noch nicht abgeschlossen. Während einzelne Gebäude bereits wieder genutzt werden, stehen die Erschließung und Vermarktung weiterer Grundstücke noch bevor. Dennoch ist der Wandel sichtbar: Aus einem jahrelang verlassenen Industrieareal entsteht Schritt für Schritt ein neuer Wirtschaftsstandort.
Die Geschichte von Rasspe verschwindet dabei nicht vollständig. Teile der historischen Bausubstanz bleiben erhalten und werden in eine neue Nutzung überführt. Der Change.Campus steht damit für einen Strukturwandel, bei dem die industrielle Vergangenheit nicht zwangsläufig beseitigt werden muss, sondern zur Grundlage einer neuen Zukunft werden kann.
