Saalfeld-Rudolstadt. Mitten in einer der landschaftlich reizvollsten Regionen Thüringens liegt ein Areal, das seit Jahren für Kopfschütteln sorgt: eine weitläufige, verfallene Industriebrache im Schwarzatal, zerteilt in zahlreiche Einzelgrundstücke, mit Ruinen, Einsturzgefahr und unklarer Zukunft. Nun rückt das Gelände wieder in den Fokus – nicht wegen einer neuen Nutzung, sondern wegen einer anstehenden Zwangsversteigerung.
Noch ist es nicht so weit. Das Amtsgericht Rudolstadt hat lediglich den Termin festgesetzt: Am 14. Januar 2026 soll die Liegenschaft in gleich drei Verfahren unter den Hammer kommen. Dabei handelt es sich um ein Areal, das viele nur aus dem Vorbeifahren kennen – und doch kaum ignorieren können.
Wer von Sitzendorf flussaufwärts Richtung Mellenbach-Glasbach fährt, passiert die Anlage zwangsläufig. Die Schwarza trennt das Gelände von der Straße, auf der anderen Seite verlaufen ohne nennenswerte Absperrung sowohl die Schwarzatalbahn als auch der viel genutzte Schwarzatal-Radweg. Damit liegt die Ruine direkt an touristischen Hauptachsen des Tals.
In der kollektiven Erinnerung ist das Gelände als ehemalige Sargfabrik verankert, später Teil eines Holzkombinats. Nach der Wende übernahm die Bebraer Feuerstein KG die Fabrik, musste jedoch 2004/05 Insolvenz anmelden. Seitdem verfällt das Areal unaufhaltsam. Der Ortschaftsrat von Mellenbach-Glasbach weist seit Jahren auf massive Sicherheitsrisiken hin – ohne sichtbare Wirkung.
Magnet für Schaulustige, Risiko für Besucher
Neben der sicherheitstechnischen Problematik sorgt vor allem das Erscheinungsbild für Kritik. Trotz dichter Vegetation ragen Gebäudereste weithin sichtbar aus dem Grün. Besonders im Herbst, wenn die Blätter fallen, tritt der fortschreitende Verfall unübersehbar zutage. Was für die einen ein Schandfleck ist, übt auf andere eine gefährliche Anziehungskraft aus.
Das Gelände hat sich zu einem beliebten Ziel sogenannter „Lost-Place“-Fans entwickelt. Urbane Entdecker, Fotografen und Influencer dokumentieren ihre Streifzüge durch die Ruinen und verbreiten die Aufnahmen online. Auch in Wander- und Outdoor-Apps wie „Komoot“ ist das Areal längst als Ziel verzeichnet. Dass es sich um Privatgelände handelt und der Aufenthalt dort unzulässig ist, wird dabei häufig ignoriert – ebenso wie die realen Gefahren durch einsturzgefährdete Gebäude und verborgene Hohlräume.
Spottpreis ohne Perspektive
Für das Amtsgericht spielen diese Aspekte kaum eine Rolle. In den Versteigerungsunterlagen wird für die vielen Einzelgrundstücke ein Verkehrswert von lediglich 50 Cent pro Quadratmeter angesetzt. In der Summe ergeben sich 23.655 Quadratmeter Fläche mit einem Gesamtwert von gerade einmal 11.827 Euro.
Doch selbst dieser Betrag ist rein theoretisch. Das Areal liegt im Außenbereich, die planungsrechtlichen Möglichkeiten sind äußerst unklar. Ob und wie eine Nutzung überhaupt genehmigungsfähig wäre, ist offen. Hinzu kämen hohe Kosten für Abriss, Entsorgung und Sicherung der Flächen. Eine realistische Zukunftsperspektive ist derzeit nicht erkennbar.
So bleibt die Industriebrache im Schwarzatal vorerst das, was sie seit zwei Jahrzehnten ist: ein Symbol für gescheiterte Nachnutzung, ein Sicherheitsrisiko – und ein ruinöser Fremdkörper inmitten einer ansonsten idyllischen Landschaft.
