Sprockhövel-Haßlinghausen. Ein außergewöhnlicher Fund wirft neues Licht auf die Anfänge des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet. In Sprockhövel-Haßlinghausen haben Archäologen einen bislang unbekannten Stollen mit einer nachgewiesenen Länge von mindestens 130 Metern untersucht. Die Grabungsergebnisse geben Einblicke in historische Abbaumethoden und zeigen, wie aufwendig der frühe Bergbau bereits vor der Industrialisierung organisiert war.
Bergbaugeschichte unter dem Waldboden
Das Waldgebiet bei Haßlinghausen bewahrt zahlreiche Spuren des frühen Steinkohlenbergbaus. Neben alten Stollen finden sich dort verfüllte Schächte und Halden, die heute noch Hinweise auf die frühere Nutzung des Geländes liefern. Seit 2025 untersuchen Fachleute der LWL-Archäologie für Westfalen, des Deutschen Bergbau-Museums Bochum und des GeoParks Ruhrgebiet die Relikte, um die Entwicklung des Bergbaus in der Region genauer zu rekonstruieren.
Bereits im vergangenen Jahr hatten Untersuchungen einen bedeutenden Altbergbau sichtbar gemacht. Die aktuellen Grabungen wurden in unmittelbarer Nähe fortgesetzt. Dabei legten die Forschenden zwei Schachtbereiche frei und untersuchten Halden mithilfe von Bohrungen. Die Befunde liefern neue Erkenntnisse über die Bauweise und den erheblichen Aufwand, den die frühen Bergleute betreiben mussten.
Viele Schächte für einen einzigen Stollen
Besonders aufschlussreich ist die Arbeitsweise, die sich aus den archäologischen Spuren rekonstruieren lässt. Die Bergleute legten offenbar zahlreiche sogenannte Bauschächte an. Von diesen Schächten aus trieben mehrere Arbeitsgruppen gleichzeitig einzelne Abschnitte des Stollens voran. Unter Tage wurden die Teilstücke anschließend miteinander verbunden. Dieses Verfahren wird als Gegenortvortrieb bezeichnet. Die Schächte dienten damit nicht nur dem Zugang in die Tiefe, sondern ermöglichten es, an mehreren Stellen parallel zu arbeiten. Nach Fertigstellung des Stollens wurden die Bauschächte wieder verfüllt. Die Ausgrabungsschnitte zeigen heute noch deren Lage und Bauweise. Selbst der Verlauf des inzwischen eingestürzten Stollens lässt sich anhand von Spuren im Untergrund nachvollziehen.
Ein wichtiger Baustein für die Datierung
Wie alt der neu untersuchte Stollen genau ist, müssen weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen klären. Bei den Grabungen wurde Material geborgen, das für eine Datierung ausgewertet werden soll. Die Ergebnisse könnten helfen, die Entwicklung des Stollenbaus im Ruhrgebiet zeitlich genauer einzuordnen. Der Fund ist deshalb über den lokalen Bezug hinaus bedeutsam. Zwar ist bekannt, dass im heutigen Ruhrgebiet bereits im Mittelalter Steinkohle gewonnen wurde. Wie sich die frühen Abbaumethoden entwickelten und wann sich der Stollenbau durchsetzte, ist jedoch nur lückenhaft dokumentiert. Die aktuellen Untersuchungen schließen einen Teil dieser Forschungslücke.
Vor der Industrialisierung begann die Geschichte des Reviers
Die Geschichte des Ruhrbergbaus wird häufig mit den großen Zechen, Fördertürmen und Tiefbauschächten des 19. und 20. Jahrhunderts verbunden. Doch lange bevor der Bergbau die Landschaft und Wirtschaft des Ruhrgebiets grundlegend veränderte, suchten Menschen bereits nach Kohle. Zunächst folgten sie oberflächennahen Flözen und gruben einfache Löcher oder Schächte. Mit zunehmender Tiefe wurde die Entwässerung schwieriger – ein wichtiger Grund für die Entwicklung des Stollenbaus.
Die archäologischen Befunde aus Sprockhövel machen diese technische Entwicklung greifbar. Sie zeigen, dass hinter den frühen Bergwerken bereits eine durchdachte Arbeitsorganisation stand. Der unscheinbare Wald bei Haßlinghausen wird damit zu einem wichtigen Archiv der Montangeschichte.
