Gewaltige Hallen, hohe Schornsteine und verrostete Industrieanlagen erinnern heute an eine längst vergangene Epoche: Das ehemalige VEB Chemiewerk Coswig, Betriebsteil Rüdersdorf, war einst ein bedeutender Produktionsstandort der DDR-Chemieindustrie. Seine Wurzeln reichen allerdings deutlich weiter zurück. Die industrielle Geschichte des Areals begann um 1900. Damals entstand hier ein Zementwerk der Firma C. O. Wegener. Der Standort war aufgrund der reichen Kalksteinvorkommen von Rüdersdorf ideal für die Baustoffindustrie. Während des Zweiten Weltkriegs veränderte sich die Produktion. Die Preussag übernahm das Werk 1939. In den Kriegsjahren wurde dort unter anderem ein Tonerdelaugwerk errichtet, in dem aus Tonerde ein Ausgangsstoff für die Aluminiumproduktion gewonnen wurde.

Neubeginn nach dem Krieg
Nach 1945 wurden große Teile der technischen Anlagen demontiert und als Reparationsleistungen in die Sowjetunion gebracht. Nur Teile der ursprünglichen Anlagen und die leeren Produktionshallen blieben zurück. Bereits 1949 fiel die Entscheidung, die Hallen erneut industriell zu nutzen. 1950 nahm das VEB Glühphosphatwerk Rüdersdorf die Produktion auf. Hergestellt wurde zunächst Magnesiumphosphat aus Kola-Apatit und Kieserit.
In den 1970er-Jahren wurde der Betrieb grundlegend modernisiert. Ziel war die Herstellung von Calcium-Natrium-Phosphat für die industrielle Tierhaltung. Dafür entstanden unter anderem zwei rund 100 Meter lange Drehrohröfen samt Anlagen zur Abgasreinigung, Vermahlung und zum Versand. Das produzierte Futterphosphat wurde unter dem Markennamen „Rükana“ vertrieben. 1988 erreichte die Produktion rund 180.000 Tonnen.




Teil des Kombinats Agrochemie Piesteritz
Mit der Neuordnung der DDR-Industrie wurde das Werk 1979 Bestandteil des VEB Kombinat Agrochemie Piesteritz. Der Betriebsteil Rüdersdorf war damit in einen der großen staatlichen Verbünde der DDR-Chemie- und Düngemittelindustrie eingebunden. Der Standort beschäftigte zeitweise etwa 500 Menschen. Für Rüdersdorf war das Werk damit nicht nur ein bedeutender Industriebetrieb, sondern auch ein wichtiger Arbeitgeber.

Das Ende nach der Wende
Mit dem Ende der DDR änderten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend. Die Produktion wurde noch einige Jahre fortgeführt, doch für den traditionsreichen Standort gab es keine dauerhafte Perspektive. 1999 wurde die Produktion endgültig eingestellt. Anfang 2000 wurde für den Betrieb ein Insolvenzverfahren beantragt. Damit endete die mehr als hundertjährige industrielle Nutzung des Areals.












Eine gigantische Industriebrache
Nach der Stilllegung blieben die Gebäude und technischen Anlagen zunächst weitgehend sich selbst überlassen. Dächer verfielen, Fenster zerbrachen und die Natur eroberte die Produktionsflächen zurück. Die gewaltigen Hallen, Schornsteine, Silos und Drehrohröfen machten das Gelände zu einem außergewöhnlichen Lost Place. Seit den 2000er-Jahren diente die Anlage zudem wiederholt als Drehort für Kriegs- und Actionfilme. Auch Graffiti-Künstler nutzten die verlassenen Gebäude als riesige Leinwand.

Ein Relikt der DDR-Industrie
Das ehemalige Chemiewerk Coswig, Betriebsteil Rüdersdorf, erzählt damit mehrere Kapitel deutscher Industriegeschichte: vom Zementwerk über die Kriegsproduktion und das Glühphosphatwerk bis zum DDR-Chemiebetrieb und schließlich zur verlassenen Industriebrache.
Heute stehen die imposanten Relikte für eine verschwundene Arbeitswelt. Wo einst mehrere hundert Menschen Futterphosphat produzierten und gewaltige Drehrohröfen rund um die Uhr liefen, herrscht inzwischen weitgehend Stille. Das ehemalige Chemiewerk ist damit ein eindrucksvolles Zeugnis des industriellen Wandels – und einer der markantesten Lost Places in Brandenburg.
