Über Jahrzehnte war das VEB Chemiefaserwerk „Friedrich Engels“ das industrielle Herz von Premnitz. Tausende Menschen arbeiteten in dem riesigen Chemiekomplex an der Havel, der Kunstfasern für die DDR produzierte. Das Werk prägte nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Wachstum und Erscheinungsbild der gesamten Stadt. Die industrielle Geschichte Premnitz‘ begann 1915 mit der Ansiedlung chemischer Produktionsanlagen. In den folgenden Jahren entwickelte sich der Standort weiter und gelangte schließlich in den Besitz der I.G. Farben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden große Teile der Anlagen demontiert. Die verbliebenen Produktionsbereiche wurden jedoch wieder aufgebaut und weitergeführt. 1949 wurde das Werk in einen volkseigenen Betrieb überführt.



Vom Kunstseidenwerk zum Chemiefaserwerk
Zunächst stand vor allem die Herstellung von Kunstseide und Viskosefasern im Mittelpunkt. Ab den 1950er-Jahren wurde der Standort massiv ausgebaut. Es entstanden Anlagen für Polyamid-, Acryl- und später Polyesterfasern. 1960 erhielt der Betrieb den Namen VEB Chemiefaserwerk „Friedrich Engels“. Premnitz entwickelte sich damit zu einem bedeutenden Zentrum der Chemiefaserproduktion in der DDR.

Tausende Beschäftigte und eine wachsende Stadt
Die Bedeutung des Werkes reichte weit über die Fabrikgrenzen hinaus. Zeitweise beschäftigte der Betrieb mehr als 7.000 Menschen. Mit dem Ausbau der Chemiefaserindustrie wuchs auch Premnitz: Neue Wohnviertel, Schulen, Kindergärten, Versorgungseinrichtungen sowie Kultur- und Sportstätten entstanden. Der Chemiebetrieb und die Stadt waren damit eng miteinander verbunden. Für viele Familien bedeutete das Werk über Jahrzehnte Arbeitsplatz, Einkommen und sozialen Mittelpunkt zugleich.

Ein Chemiewerk mit dunkler Vergangenheit
Die Geschichte des Standorts reicht allerdings auch in die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Während des Zweiten Weltkriegs mussten in Premnitz etwa 1.200 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene unter anderem für die Rüstungs- und Chemieproduktion arbeiten. Sie waren in mehreren Lagern untergebracht. Damit gehört auch die Zwangsarbeit untrennbar zur Geschichte des späteren DDR-Chemiewerks.





Die Wende beendet eine Industrieära
Mit dem Ende der DDR geriet auch das Chemiefaserwerk unter enormen wirtschaftlichen Druck. Veraltete und teilweise unwirtschaftliche Anlagen wurden stillgelegt. 1990 wurde der volkseigene Betrieb in die Märkische Faser AG umgewandelt. Die Umstrukturierung hatte massive Folgen für die Beschäftigtenzahl. Für Premnitz bedeutete dies einen tiefen Einschnitt. Der größte Arbeitgeber der Stadt verlor seine frühere Bedeutung, Arbeitsplätze verschwanden und Teile des riesigen Werksgeländes wurden nicht mehr benötigt.

Industriebrache statt Zukunftsfabrik
Mit der Stilllegung alter Produktionsanlagen begann auch der Rückbau. Gebäude und technische Anlagen verschwanden, andere blieben über Jahre leer und verfielen. Der einst gewaltige Chemiekomplex wurde damit zu einem eindrucksvollen Zeugnis der untergegangenen DDR-Industrie. Zwischen Rohrleitungen, Produktionshallen und technischen Anlagen ließ sich noch lange nachvollziehen, welche Dimension der Betrieb einst besaß.

Ein Werk, das Premnitz bis heute prägt
Auch wenn die großen Zeiten des VEB Chemiefaserwerks „Friedrich Engels“ vorbei sind, ist seine Geschichte in Premnitz allgegenwärtig. Die Stadt verdankt einen großen Teil ihrer Entwicklung der Chemieindustrie. Wohnviertel und Infrastruktur entstanden einst vor allem wegen des expandierenden Werkes. Das ehemalige Chemiefaserwerk steht deshalb exemplarisch für eine ganze Epoche ostdeutscher Industriegeschichte: Aufstieg, staatlich gelenkter Ausbau, riesige Beschäftigtenzahlen und schließlich der abrupte Strukturbruch nach 1990. Was einst als Zukunft der Chemiefaserproduktion galt, wurde innerhalb weniger Jahre zum Symbol einer untergegangenen Industriegesellschaft.
