Am Ufer der Saale in Weißenfels steht ein Gebäude mit einer ungewöhnlichen Vergangenheit. Die ehemalige Trommelfabrik „Am Bad“ war zunächst eine Badeanstalt, später Gaststätte und Lazarett – und wurde schließlich zur Produktionsstätte einer Firma, deren Name bis heute mit Schlagzeug und Percussion verbunden ist: SONOR. Nach Jahrzehnten industrieller Nutzung kam der Leerstand. Heute wird versucht, dem historischen Bau eine neue Zukunft zu geben.

Vom Kurbad zur Fabrik
Die Geschichte des Gebäudes beginnt bereits 1824. Damals wurde an dieser Stelle eine repräsentative Badeanlage errichtet. Nachdem das Bad wirtschaftlich nicht die erwarteten Besucherzahlen erreichte, entstand 1890 im Gebäude ein Gasthaus mit großem Saal. Während des Ersten Weltkriegs diente der Bau als Lazarett. Danach stand er zunächst leer. Die entscheidende Wende kam nach einem verheerenden Brand im Stammwerk der Firma Johannes Link in der Leipziger Straße. 1919 wurde ein großer Teil der ursprünglichen Fabrik zerstört. Link benötigte deshalb kurzfristig neue Produktionsflächen und fand sie im ehemaligen Gesellschafts- beziehungsweise Badehaus „Am Bad“. Ab 1920 wurde dort die Trommelfertigung aufgenommen.

Aus Weißenfels in die Welt
Johannes Link hatte sein Unternehmen bereits 1875 in Weißenfels gegründet. Aus der zunächst kleinen Werkstatt für Trommelfelle, Pergamente und einfache Militärtrommeln entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein bedeutender Hersteller von Schlaginstrumenten. Das Sortiment wurde um Pauken, Tamburine, Konzerttrommeln, Spielzeug und weiteres Zubehör erweitert. 1907 ließ Link die Marke SONOR eintragen.
1925 beschäftigte das Unternehmen rund 145 Menschen. Produziert wurden unter anderem Trommeln und andere Schlaginstrumente, die längst über die Region hinaus verkauft wurden. Das ehemalige Badehaus war damit nicht länger ein ausrangierter Kurort, sondern Teil eines international ausgerichteten Industriebetriebs.

Enteignung und VEB Tacton
Nach dem Zweiten Weltkrieg endete die Geschichte des Familienunternehmens in Weißenfels. Die Firma wurde 1950 verstaatlicht und als Volkseigener Betrieb weitergeführt. Aus der traditionsreichen Trommelfabrik wurde der VEB Tacton Weißenfels, später eingebunden in das Kombinat Musikinstrumente Markneukirchen. Gefertigt wurden weiterhin Trommeln, Pauken und weitere Rhythmusinstrumente.


Die Familie Link setzte ihre Unternehmensgeschichte unterdessen in Westdeutschland fort. Otto Link und sein Sohn Horst bauten nach dem Krieg in Bad Berleburg-Aue einen neuen Betrieb auf. Der Name SONOR blieb damit erhalten, während der Weißenfelser Standort Teil der DDR-Musikinstrumentenindustrie wurde.

1990 endet die Produktion
Mit dem Ende der DDR verlor auch der Weißenfelser Betrieb seine Grundlage. 1990 wurde die Trommelfabrik geschlossen. Das historische Gebäude blieb zurück und verfiel zunehmend. Aus dem einstigen Produktionsstandort wurde ein Lost Place, dessen ungewöhnliche Architektur und industrielle Vergangenheit über Jahrzehnte sichtbar blieben. Der Verfall war dabei nicht nur eine Frage der Optik. 2016 musste die Feuerwehr zu einem Dachstuhlbrand auf dem Gelände ausrücken. Die historische Anlage war damit auch realen Gefahren für ihre Bausubstanz ausgesetzt.

Denkmal statt Abriss
Das ehemalige Kurbad beziehungsweise die spätere Trommelfabrik steht unter Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt beschreibt die Anlage als repräsentativen Kurbadbau von 1824 mit einem im 19. Jahrhundert entstandenen, orangerieartigen Wintergarten. Vor geplanten Sanierungsmaßnahmen wurden bereits störende Nebengebäude beseitigt und die historische Bausubstanz untersucht.
Inzwischen bewegt sich wieder etwas auf dem Areal. Nach Angaben der Stadt Weißenfels wird die Trommelfabrik seit einigen Jahren von einem Privatinvestor saniert. 2024 berichtete die Stadt von laufenden Arbeiten; an der Außenfassade war bereits der neue Name „Weissenfels Palace“ angebracht.

Die Trommelfabrik „Am Bad“ ist damit ein bemerkenswertes Beispiel für die Mehrfachnutzung historischer Bausubstanz. Aus einem Kurbad wurde eine Gaststätte, aus dem Gesellschaftshaus eine Fabrik, aus der Fabrik ein DDR-Betrieb und schließlich ein jahrelanger Lost Place. Dass heute wieder saniert wird, könnte ein weiteres Kapitel dieser ungewöhnlichen Geschichte einleiten. Was dabei erhalten bleibt, ist nicht nur ein altes Fabrikgebäude, sondern ein Stück Weißenfelser Musik- und Industriegeschichte.
