Bahnbetriebswerk (Bw) Wriezen

Die Geschichte des Bahnbetriebswerks Wriezen beginnt mit einer vergleichsweise kleinen Maschinenstation. 1877 eingerichtet, diente sie zunächst der Unterbringung und Versorgung von Lokomotiven. 1892 standen hier drei Maschinen, darunter zwei Lokomotiven der Gattung T3 und eine G2. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Entstehung der Wriezener Bahn wuchs auch die Bedeutung des Standorts. Aus der Lokstation entwickelte sich ein eigenständiges Bahnbetriebswerk.

Ein Ringlokschuppen für die Dampflokzeit

Kern der Anlage war ein zunächst zehnständiger Ringlokschuppen mit vorgelagerter Drehscheibe. Hinzu kamen Werkstatt- und Lagergebäude, Verwaltungsräume sowie ein Wasserturm. Der massive Lokschuppen entstand als viertelkreisförmiger Ziegelbau mit Satteldach. Direkt angeschlossen war ein siebenachsiges Werkstattgebäude, ebenfalls aus Ziegeln. An der Südseite des Schuppens befindet sich außerdem ein zweigeschossiges Wohngebäude.

Der dreigeschossige Kesselfüllwasserturm versorgte die Dampflokomotiven mit dem für den Betrieb unverzichtbaren Wasser. Ein zweiter, zwischen 1886 und 1890 errichteter Wasserturm entstand in der Nähe des Empfangsgebäudes. Der achteckige Ziegelbau mit Walmdach gehört ebenfalls zum historischen Bahnhofskomplex. Die erhaltenen Gebäude vermitteln damit noch heute einen Eindruck davon, wie umfassend die Infrastruktur eines Dampflokstandorts einst war.

Wriezen wird zum Eisenbahnknoten

Mit dem wachsenden Eisenbahnverkehr wurde das Bahnbetriebswerk mehrfach erweitert. 1926 ersetzte eine größere Drehscheibe die bisherige Anlage. Gleichzeitig wurde der Lokschuppen um einen Stand erweitert. Anfang der 1930er Jahre kamen zwei weitere Stände hinzu. Damit verfügte das Werk über umfangreiche Möglichkeiten zur Wartung und Reparatur der Lokomotiven. Die Aufgaben reichten weit über das bloße Abstellen von Maschinen hinaus. Neben Reparaturständen gab es Auswasch- und Auswechselstände. Die Lokomotiven konnten hier untersucht, gereinigt, repariert, mit Wasser versorgt und für ihre nächsten Einsätze vorbereitet werden. Wriezen war damit ein wichtiger technischer Stützpunkt für den Eisenbahnverkehr im Oderbruch.

Lokomotiven für Güter- und Personenverkehr

Ab 1918 wurden im Bahnbetriebswerk zahlreiche unterschiedliche Lokomotivbaureihen eingesetzt. Im Güterverkehr waren unter anderem Maschinen der Baureihen G10 und G5 stationiert, während im Personenverkehr P4.2 und T18 zum Einsatz kamen. Ab 1928 gehörten auch Lokomotiven der Baureihe 24 zum Bestand. 1935 wurde das Bahnbetriebswerk Bad Freienwalde (Oder) als Lokstation dem Bw Wriezen unterstellt. Damit vergrößerte sich der Verantwortungsbereich des Wriezener Betriebswerks weiter. Das Areal war zu diesem Zeitpunkt längst ein fester Bestandteil der regionalen Eisenbahninfrastruktur.

Krieg verändert den Lokomotivbestand

Der Zweite Weltkrieg brachte massive Veränderungen. Zahlreiche Lokomotiven wurden an die Ostfront abgegeben. Als Ersatz kamen insbesondere Maschinen der Baureihen 50 und später 52 nach Wriezen. Auch ausländische Beutelokomotiven gehörten zeitweise zum Bestand. Eine Bestandsaufnahme von 1944 verzeichnet fünf Maschinen der belgischen Staatsbahn sowie zwei französische Lokomotiven.

Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee wurde der größte Teil des Lokomotivbestands aus Wriezen abgezogen. Zwei Maschinen blieben zurück: 78 006 und 78 109. Beide wurden bei den Kämpfen um die Stadt schwer beschädigt. Die Zerstörungen führten schließlich zur Auflösung des Bahnbetriebswerks. Wriezen wurde zunächst als Lokstation dem Bw Eberswalde unterstellt und gehörte vorübergehend zum Bw Frankfurt (Oder) Pbf.

1955 beginnt ein neues Kapitel

Der Einschnitt war jedoch nicht dauerhaft. Am 1. April 1955 wurde Wriezen wieder zu einem selbstständigen Bahnbetriebswerk. Zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörten mehrere Lokstationen und Einsatzstellen, darunter Beeskow, Kietz, Groß Neuendorf, Fürstenwalde, Müncheberg und Dolgelin. Der Bestand umfasste damals 36 Lokomotiven, von denen etwa die Hälfte unmittelbar in Wriezen stationiert war. Das Bahnbetriebswerk war damit erneut ein bedeutender Arbeitgeber und technischer Mittelpunkt der regionalen Eisenbahn.

Auch die Infrastruktur wurde modernisiert. 1962/63 erhielt die Drehscheibe einen Durchmesser von 23 Metern. Gleichzeitig begann sich der Lokomotivbestand stärker auf bestimmte Baureihen zu konzentrieren. Vor allem Maschinen der Baureihen 38, 52 und 52.80 prägten nun das Bild des Betriebswerks.

Der Diesel verdrängt die Dampflok

Der eigentliche Niedergang des klassischen Bahnbetriebswerks setzte mit dem Traktionswandel ein. Ab 1969 ersetzten Diesellokomotiven der Baureihe 65.10 und vereinzelt Maschinen der Baureihe 62 zunehmend die zuvor dominierende Baureihe 38. In den 1970er Jahren ging der Einsatz von Dampflokomotiven schließlich immer weiter zurück.

Der letzte planmäßige Dampfeinsatz in Wriezen markiert deshalb einen wichtigen Einschnitt: Am 4. August 1981 erreichte die 52 8029 mit einem Zug aus Eberswalde den Bahnhof Wriezen. Danach war die Dampflokzeit im regulären Betrieb des Standorts endgültig vorbei. Die Maschine wurde später noch als Heizlokomotive eingesetzt. An ihre Stelle traten Diesellokomotiven, darunter die Baureihen 106, 110, 130 und 132.

1968 verliert Wriezen seine Eigenständigkeit

Die organisatorische Bedeutung des Betriebswerks nahm ebenfalls ab. Bereits zum 1. Januar 1968 wurde das Bw Wriezen zu einer Einsatzstelle des neu gebildeten Bw Frankfurt (Oder). Die eigenständige Verwaltung war damit Geschichte, auch wenn der Standort weiterhin wichtige Aufgaben im Eisenbahnbetrieb erfüllte. 1993 kam schließlich das endgültige Aus für das Bahnbetriebswerk. Die Deutsche Reichsbahn gab die Dienststelle auf. Damit endete nach mehr als einem Jahrhundert die Geschichte Wrietzens als eigenständiger Standort für die Unterhaltung und Bereitstellung von Lokomotiven.

Ein Denkmal der Eisenbahngeschichte bleibt

Das Ende des Betriebs bedeutete allerdings nicht automatisch das Ende der historischen Bausubstanz. Das Ensemble des Bahnhofs Wriezen mit seinem ehemaligen Bahnbetriebswerk ist bis heute als Baudenkmal erfasst. Die Denkmalliste des Landes Brandenburg nennt ausdrücklich Lokschuppen, Drehscheibe, Werkstattgebäude, Wohngebäude und Kesselfüllwasserturm sowie den Güterschuppen, einen Wasserkran und den Wasserturm am Empfangsgebäude. Damit besitzt Wriezen ein ungewöhnlich geschlossenes Zeugnis der Entwicklung vom Dampflokzeitalter bis zum modernen Eisenbahnbetrieb. Die Gebäude dokumentieren nicht nur die Technikgeschichte, sondern auch die wirtschaftliche Bedeutung der Eisenbahn für die Region Oderbruch.

Vom Arbeitsort zum historischen Relikt

Wo einst Lokomotiven rangierten, Wasserkräne die Dampfkessel versorgten und Eisenbahner in Werkstätten und Verwaltung arbeiteten, ist heute die ursprüngliche Funktion weitgehend verschwunden. Die Aufgabe des Betriebswerks 1993 setzte den Schlusspunkt unter eine mehr als hundertjährige Nutzungsgeschichte. Der erhaltene Lokschuppen, die Drehscheibe, die Werkstatt- und Wohngebäude sowie die beiden Wassertürme machen den früheren Betriebsablauf dennoch nachvollziehbar. Gerade diese Kombination verleiht dem Bahnbetriebswerk seinen Wert: Es handelt sich nicht lediglich um einen einzelnen historischen Lokschuppen, sondern um die baulichen Überreste einer kompletten Eisenbahninfrastruktur.

Das Bahnbetriebswerk Wriezen steht damit exemplarisch für eine Epoche, in der Dampflokomotiven das Rückgrat des Verkehrs bildeten. Was einst ein hoch technisierter und ständig arbeitender Eisenbahnbetrieb war, ist heute ein stilles Zeugnis der Industrie- und Verkehrsgeschichte Brandenburgs.

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