Hinter den historischen Fassaden der Görlitzer Innenstadt verbirgt sich eine bemerkenswerte Industriegeschichte. An der Salomonstraße entstand einst ein Produktionsstandort der Görlitzer Smyrnateppichfabrik Nahme & Weiske. Jahrzehnte später wurden hier Kinderbekleidung und Schulkleidung produziert. Nach dem Ende der DDR-Wirtschaft verlor der Standort seine Funktion, die Gebäude verfielen und entwickelten sich zu einer markanten Industriebrache. Heute steht die ehemalige Fabrik erneut vor einem Wandel. Die Geschichte des Areals an der Salomonstraße 30/31 zeigt exemplarisch, wie sich Görlitzer Industriegebäude über mehrere politische und wirtschaftliche Epochen hinweg verändert haben – von der Kaiserzeit über die DDR bis zur Gegenwart.

Nahme & Weiske: Teppiche aus Görlitz
Die Firma Nahme & Weiske war auf die Herstellung von Smyrnateppichen spezialisiert. Historische Görlitzer Adressbücher führen das Unternehmen bereits 1912/13 als „Görlitzer Smyrnateppichfabrik“ und nennen Adolf Nahme als Inhaber. Das Unternehmen war damals nicht auf einen einzigen Fabrikbau beschränkt, sondern verteilte seine Produktionsbereiche über mehrere Grundstücke in der Innenstadt. Das Görlitzer Adressbuch nennt die Knüpferei und das Kontor an der Salomonstraße 10/12, eine weitere Knüpferei in der Berliner Straße 57 sowie die Weberei an der Salomonstraße 30/31 im Hinterhof. Damit war Nahme & Weiske ein typisches Beispiel für die kleinteilige, aber leistungsfähige Görlitzer Textilindustrie jener Zeit.
Handarbeit trifft industrielle Produktion
Smyrnateppiche gehören zu den klassischen Orientteppichen. Ihre Herstellung basiert auf einer Knüpftechnik, bei der einzelne Knoten in das Grundgewebe eingearbeitet werden. Die Produktion erforderte Fachkenntnis und handwerkliches Geschick. Dass ausgerechnet eine Görlitzer Firma mit ihren Teppichen auf überregionalen Ausstellungen vertreten war, zeigt die Bedeutung des Unternehmens. Im Katalog der Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst von 1908 wird beispielsweise ein geknüpfter Wandteppich der Görlitzer Smyrna-Teppichfabrik Nähme & Weiske erwähnt. Der Name des Unternehmens taucht außerdem in historischen Wirtschafts- und Steuerakten auf. Das Staatsarchiv in Breslau führt Akten der Firma Nahme & Weiske für die Jahre 1931 und 1938. Ein weiterer Archivbestand dokumentiert die Firma für den Zeitraum 1930 bis 1939.

Die Fabrik lag mitten in der Stadt
Die Lage der Produktionsstätten war charakteristisch für Görlitz. Die Stadt hatte sich seit dem 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Industrie- und Verkehrszentrum entwickelt. Der Eisenbahnanschluss und die Verbindung nach Berlin begünstigten die Ansiedlung zahlreicher Unternehmen. Neben Tuch- und Textilfabriken entstanden Maschinenbauunternehmen, chemische Betriebe und zahlreiche weitere Industriebetriebe. Nahme & Weiske war Teil dieser Entwicklung. Die Fabrik befand sich nicht irgendwo am Stadtrand, sondern mitten in einem dicht bebauten innerstädtischen Quartier. Produktionsräume und Hinterhöfe wurden miteinander verbunden – eine Struktur, die bis heute an der Salomonstraße nachvollziehbar ist.
Salomonstraße 30/31 wird zum wichtigen Produktionsstandort
Besonders bedeutend war die Weberei im Hinterhof der Salomonstraße 30/31. Der heutige Gebäudekomplex geht damit auf eine Zeit zurück, in der Görlitz noch ein bedeutender Standort der Textilproduktion war. Der Fabrikbau selbst ist ein mehrgeschossiger Industriebau, dessen Konstruktion auf die Belastungen einer gewerblichen Nutzung ausgelegt war. Später sollte genau dieses Gebäude noch einmal eine völlig andere industrielle Geschichte schreiben.
Nach dem Krieg beginnt eine neue Epoche
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderten sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend. Görlitz lag nun in der sowjetischen Besatzungszone. Private Unternehmen wurden enteignet und in Volkseigene Betriebe überführt. Auch das Eigentum der ehemaligen Teppichfabrik Nahme & Weiske wurde verstaatlicht. 1951 entstand aus dem früheren Teppichstandort das VEB Bekleidungswerk „Steppke“ Görlitz. Damit endete die Geschichte der Fabrik als Teppichproduktion – und gleichzeitig begann ein neues Kapitel.

Vom Teppich zur Kinderbekleidung
Der Name „Steppke“ wurde in Görlitz vor allem mit Kinderbekleidung verbunden. In den Fabrikräumen, in denen zuvor Teppiche gefertigt beziehungsweise gewebt worden waren, arbeiteten nun überwiegend Frauen in der Bekleidungsproduktion. Genäht wurden unter anderem modische Kinderkleidung und Schulbekleidung. Historische Werbeaufnahmen aus den 1950er-Jahren zeigen, wie das Unternehmen seine Produkte präsentierte. Aus dem einstigen Teppichwerk war ein typischer DDR-Bekleidungsbetrieb geworden. Die neue Nutzung war dabei mehr als ein bloßer Branchenwechsel. Sie zeigt, wie vorhandene Industriegebäude in der DDR weitergenutzt und an neue Produktionsanforderungen angepasst wurden.
Ein Frauen geprägter Industriebetrieb
Die Belegschaft des VEB Bekleidungswerkes „Steppke“ war stark weiblich geprägt. Alte Fotografien aus den 1970er-Jahren dokumentieren Näherinnen, Industrieschneiderinnen und Bekleidungskonstrukteurinnen bei ihrer Arbeit. Das Bundesarchiv besitzt entsprechende Aufnahmen aus dem Betrieb. Die Fotos sind heute wichtige Zeitdokumente. Sie zeigen nicht nur Maschinen und Arbeitsplätze, sondern vor allem Menschen und eine Arbeitswelt, die nach der politischen Wende weitgehend verschwunden ist. Für die Industriegeschichte des Standortes sind diese Aufnahmen deshalb mindestens ebenso wertvoll wie die erhaltenen Gebäude.

Die Fabrik überlebt mehrere Systeme
Die Geschichte des Standortes ist ungewöhnlich lang. Zunächst wurden in der Kaiserzeit Smyrnateppiche hergestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik verstaatlicht. In der DDR entstanden Kinder- und Schulbekleidung. Nach 1990 musste sich der Betrieb wiederum den völlig veränderten wirtschaftlichen Bedingungen stellen. Damit spiegeln die Gebäude an der Salomonstraße mehr als ein Jahrhundert deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte wider. Die Architektur blieb dabei erhalten, während sich die Nutzung mehrfach änderte.
Nach der Wende beginnt der Niedergang
Mit dem Ende der DDR verschwand auch die wirtschaftliche Grundlage des VEB Bekleidungswerkes. Die Produktion wurde eingestellt beziehungsweise der Standort verlor seine bisherige Funktion. Die Gebäude standen zunehmend leer. Was in Jahrzehnten aufgebaut worden war, wurde innerhalb weniger Jahre bedeutungslos. Die ehemalige Fabrik entwickelte sich zur Industriebrache mitten in der Görlitzer Innenstadt. Aus einem Ort mit hunderten Arbeitsplätzen wurde ein nahezu vergessener Gebäudekomplex.
Ein massiver Fabrikbau trotzt dem Verfall
Besonders bemerkenswert war der Zustand des Hauptgebäudes. Der viergeschossige Bau verfügt über eine Grundfläche von rund 5.600 Quadratmetern auf dem gesamten Areal; das Hauptgebäude selbst umfasst laut damaliger Beschreibung rund 1.000 Quadratmeter pro Etage. Die Konstruktion wurde ursprünglich für schwere Maschinen ausgelegt. Damit besaß das Gebäude eine für eine spätere Umnutzung interessante Tragstruktur. Ganz anders sah es bei Teilen der Nebengebäude aus. Dort waren Dächer bereits weitgehend eingestürzt. Auch zwei zur Anlage gehörende Wohnhäuser an der Salomonstraße wiesen erhebliche Schäden auf; bei ihnen waren teilweise Holzbalkendecken über mehrere Geschosse eingebrochen.
Die Natur holt sich die Fabrik zurück
Wie bei vielen verlassenen Industrieanlagen veränderte auch hier die Natur das Erscheinungsbild. Wo einst Produktionsabläufe streng organisiert waren, entstanden verwilderte Bereiche. Pflanzen breiteten sich aus, Fassaden verfielen und die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum begannen sich aufzulösen. Gerade dieser Gegensatz machte den Komplex für die Lost-Place-Szene interessant. Der Standort war dabei ein besonders ungewöhnlicher Lost Place: Er lag mitten in der Görlitzer Innenstadt und gleichzeitig verborgen hinter den Wohn- und Geschäftshäusern der Salomonstraße.

Der Blick auf die Fabrik verändert sich
Der zunehmende Verfall führte schließlich zu einer neuen Frage: Sollte das Gelände aufgegeben, abgerissen oder wieder genutzt werden? Die Antwort fiel zugunsten einer Revitalisierung aus. 2019 wurde bekannt, dass neue Eigentümer das Areal übernommen hatten. Francois Fritz, seine Frau Sylwia Fritz und Marzena Paszkiewicz wollten aus der Industriebrache wieder einen funktionierenden Standort machen. Der Ansatz war bemerkenswert: Nicht die Lage am Stadtrand, sondern die innerstädtische Position wurde als großes Potenzial betrachtet.
Neue Arbeitsplätze statt weiterer Verfall
Das Ziel der neuen Eigentümer war es, in den ehemaligen Steppke-Werken wieder Arbeitsplätze entstehen zu lassen. Damit sollte der Standort nicht einfach in ein Wohnquartier umgewandelt werden. Vielmehr stand die gewerbliche beziehungsweise berufliche Nutzung der historischen Fabrik im Mittelpunkt. Das Projekt war allerdings anspruchsvoll. Die Gebäude waren teilweise stark beschädigt, die Nebengebäude in schlechtem Zustand und die Wohnhäuser mussten ebenfalls gesichert werden. Eine schnelle Sanierung war deshalb nicht zu erwarten.
Rückgabe an die Unternehmerfamilie Nahme
Eine besondere Wendung nahm die Eigentumsgeschichte nach 1990. Nach der Rückübertragung im Zuge der Restitution von Altansprüchen gelangte der ehemalige Standort der Salomonstraße 30/31 wieder in den Besitz der früheren Unternehmerfamilie Nahme. Damit kehrte das Grundstück nach Jahrzehnten staatlicher beziehungsweise volkseigener Nutzung zumindest eigentumsrechtlich in das Umfeld der ursprünglichen Eigentümer zurück. Diese Entwicklung macht das Areal auch rechtshistorisch interessant. Die Fabrik hatte nicht nur ihren Produktionszweck verloren – auch die Eigentumsverhältnisse hatten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert.

Das Quartier Salomonstraße wird neu gedacht
Die ehemalige Fabrik ist inzwischen Teil größerer Überlegungen zur städtebaulichen Entwicklung des Görlitzer Westens. Ein aktuelles städtisches Konzept zur Gebietsentwicklung nennt ausdrücklich die Revitalisierung des Quartiers Salomonstraße und bezieht dabei die ehemaligen Fabrikgebäude im Hofbereich ein. Damit wird deutlich, dass die historische Industriebrache nicht isoliert betrachtet wird, sondern als Bestandteil eines größeren innerstädtischen Entwicklungsgebietes. Die Zukunft der Gebäude bleibt damit eng mit der Frage verbunden, wie Görlitz seine historischen Quartiere revitalisieren kann, ohne deren gewachsene Identität zu verlieren.
Zwischen Industriegeschichte und Zukunft
Die ehemalige Teppichfabrik Nahme & Weiske steht heute exemplarisch für eine Entwicklung, die sich in vielen ostdeutschen Städten beobachten lässt. Industrieanlagen, die nach 1990 ihre wirtschaftliche Grundlage verloren, wurden zunächst zu Brachen. Einige verschwanden vollständig, andere verfielen über Jahrzehnte. Wieder andere erhielten eine zweite Chance. Die Gebäude an der Salomonstraße gehören zur dritten Kategorie. Ihre Zukunft ist nicht allein eine Frage von Architektur und Immobilienwirtschaft. Es geht auch um die Frage, wie viel industrielle Vergangenheit eine Stadt bewahren möchte.
