Am Albrechtsbach in Bautzen steht ein ungewöhnliches Relikt der sächsischen Eisenbahngeschichte. Die markante Betonbogenbrücke entstand 1919 im Zusammenhang mit dem geplanten Ausbau der Eisenbahninfrastruktur rund um den Bautzener Bahnhof. Sie sollte Teil einer neuen Güterzugverbindung werden und die bestehenden Bahnstrecken kreuzungsfrei miteinander verbinden. Doch die Geschichte dieser Brücke ist ungewöhnlich: Sie wurde als Eisenbahnbrücke gebaut, aber niemals regulär von Zügen befahren.
Aufwendig gebaut – und trotzdem unbrauchbar
Das Bauwerk besitzt einen Stampfbeton-Dreigelenkbogen mit einer lichten Weite von rund 25,30 Metern. Seitliche Stützmauern aus Bruchstein und eine für den abgelegenen Standort ungewöhnlich aufwendige Gestaltung machten die Brücke zu einem durchaus repräsentativen Bauwerk. Ursprünglich schmückten sogar kleine Obelisken die Stirnseiten. Der Hintergrund war ein umfangreiches Eisenbahnprojekt. Die niveaugleiche Kreuzung verschiedener Bahnverbindungen sollte beseitigt werden. Neue Güterzuggleise sollten vom Bautzener Güterbahnhof aus südlich der bestehenden Strecke geführt werden und den Albrechtsbach überqueren. Weitere Brücken sollten die Verbindung anschließend an das bestehende Netz anschließen.
Dann kam die Betriebsverweigerung
Schon während der Bauphase zeigte sich, dass mit dem Bauwerk etwas nicht stimmte. Kontinuierliche Setzungen und Zweifel an der Qualität des verwendeten Betons führten dazu, dass die Reichsbahndirektion Dresden der Brücke 1922 die Betriebsfreigabe verweigerte. Damit war das ambitionierte Projekt praktisch gescheitert. 1924 wurde das gesamte Vorhaben zur Verlegung der Güterzugstrecke aufgegeben. Eine Eisenbahnbrücke, die nie ihren eigentlichen Zweck erfüllen konnte, blieb zurück.

Zwei Brücken erzählen dieselbe Geschichte
Direkt in diesem Bereich befindet sich noch ein weiteres historisches Eisenbahnüberführungsbauwerk. Die ältere Brücke über das sogenannte Boblitzer Wasser beziehungsweise den Albrechtsbach geht auf die Jahre 1845/46 zurück und steht ebenfalls unter Denkmalschutz. Sie gehört zur Eisenbahnstrecke Görlitz–Dresden. Die beiden Bauwerke machen heute sichtbar, wie sich die Bautzener Eisenbahninfrastruktur über Jahrzehnte entwickelte – und wie ein ehrgeiziges Modernisierungsprojekt letztlich an technischen Problemen scheiterte.
Vom Verkehrsprojekt zum Denkmal
Das Areal verlor seine ursprüngliche Funktion, die baulichen Spuren blieben jedoch erhalten. Selbst das alte Gleisplanum ist teilweise noch im Gelände ablesbar. Die Stadt Bautzen führt die 1919 errichtete Brücke inzwischen als Kulturdenkmal. Ihre Bedeutung liegt damit längst nicht mehr in einer Verkehrsfunktion, sondern in ihrem Zeugniswert für die Eisenbahn- und Baugeschichte der Stadt. Auch die Bautzener Stadtchronik dokumentiert den Bereich am Albrechtsbach im Zusammenhang mit den stillgelegten Bahnstrecken und den dort vorhandenen Brücken.
Ein Lost Place mit besonderer Geschichte
Für Lost-Places-Fotografen ist das Bauwerk gerade deshalb interessant, weil es keine gewöhnliche aufgegebene Eisenbahnbrücke ist. Hier rostete nicht irgendwann ein stillgelegtes Gleis vor sich hin. Die eigentliche Geschichte begann bereits mit dem Scheitern des Projekts. Die Brücke steht seit mehr als hundert Jahren als steinernes Zeugnis eines Plans, der auf dem Papier funktionieren sollte, in der Realität aber nie zum fahrenden Eisenbahnverkehr führte.
Vielleicht ist das die spannendste Ironie dieses Bauwerks: Manche Lost Places erzählen vom Ende einer Nutzung. Diese Brücke erzählt davon, dass ihre Nutzung niemals begonnen hat.
