Direkt am Main in Hattersheim-Okriftel steht eines der markantesten Zeugnisse der hessischen Industriegeschichte: die ehemalige Phrix Cellulose- und Papierfabrik. Was 1884/85 als kleine Cellulosefabrik begann, entwickelte sich zu einem Großbetrieb mit mehr als 1.000 Beschäftigten. Heute sind Teile des einst riesigen Werksgeländes erhalten und werden neu genutzt – andere Bereiche sind längst verschwunden. Die Okrifteler Cellulosefabrik wurde 1884/85 gegründet. Ab 1886 entwickelte der jüdische Unternehmer Philipp Offenheimer den Betrieb zu einem bedeutenden Unternehmen der Region. Neben Cellulose wurde ab 1900 auch Papier hergestellt, ab 1922 gehörte zudem die Altpapierverwertung zum Produktionsprogramm. Der Standort am Main war für einen Betrieb mit hohem Wasserbedarf und umfangreicher Rohstofflogistik strategisch günstig.
Nach Offenheimers Tod 1930 führten sein Sohn Ernst und sein Schwiegersohn Siegfried Bloch das Unternehmen weiter. Unter dem Druck des NS-Regimes musste die Familie den Betrieb 1938 verkaufen und emigrierte in die USA. 1940 gelangte die Fabrik in den Besitz von Fritz Kiehn. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dort unter anderem Textilzellstoff produziert; rund 150 Zwangsarbeiter waren im Betrieb eingesetzt.
Neustart unter dem Namen Phrix
Nach dem Krieg erhielt die Familie Offenheimer das Unternehmen im Rahmen eines Rückerstattungsverfahrens zurück. Bereits 1951 wurde die Fabrik an die Phrix-Werke AG verkauft. Die Produktion wurde ausgebaut, und das Werk entwickelte sich erneut zu einem wichtigen Arbeitgeber. Anfang der 1950er Jahre beschäftigte die erweiterte Produktion mehr als 1.000 Menschen. Die Phrix gehörte zu einem größeren Netzwerk der deutschen Zellstoff- und Kunstfaserindustrie. Das Unternehmen arbeitete an der Entwicklung und Produktion von Zellstoffen und Fasern, die unter anderem für die Textilindustrie bestimmt waren. 1967 übernahm schließlich die BASF das Werk. Nur drei Jahre später war die industrielle Geschichte des Standorts beendet: 1970 wurde die Produktion eingestellt.
Eine Fabrik wird zum Lost Place
Nach der Stilllegung blieb ein großer Teil der Fabrikanlagen erhalten. Werkstätten, Büros und Künstlerateliers zogen in einzelne Gebäude ein, während andere Bereiche zunehmend verfielen. Die typische Backsteinarchitektur, Produktionshallen und technische Relikte machten das Gelände über Jahrzehnte zu einem markanten Lost Place am Main. Eine Produktionshalle und der Säureturm an der Rheinstraße wurden 2008 abgebrochen. Eine besondere Entwicklung nahm die ehemalige Fabrikhalle durch die Phrix-Künstlergemeinschaft. Seit 2002 nutzten Künstler Teile des Areals als Ateliers und Werkstätten. Mit der geplanten Umwandlung des Geländes mussten diese Nutzungen später weichen. Seit den 2020er Jahren entstehen auf dem ehemaligen Fabrikareal Wohn- und Gewerbenutzungen, wobei historische Bausubstanz teilweise erhalten bleiben soll.
Zwischen Industriekultur und Neubau
Die Phrix-Fabrik steht damit exemplarisch für den Wandel eines klassischen Industriestandorts: Aus der wasserintensiven Zellstoffproduktion wurde zunächst eine weitgehend aufgegebene Industriebrache, anschließend ein kreativer Zwischenraum und schließlich ein Entwicklungsgebiet für Wohnen und Gewerbe. Erhalten geblieben ist vor allem die historische Fabrikanten-Villa von Georg Metzendorf, die als ehemaliges Verwaltungsgebäude an der Kirchgrabenstraße unter Denkmalschutz steht.
Die Geschichte des Geländes erzählt damit weit mehr als den Niedergang eines einzelnen Industriebetriebs. Sie verbindet die Entwicklung der Zellstoff- und Papierindustrie mit Zwangsarbeit und NS-Verfolgung, dem Wiederaufbau der Nachkriegszeit und dem heutigen Umgang mit industrieller Bausubstanz. Gerade dieser historische Bruch macht die verbliebenen Gebäude zu wichtigen Zeugnissen der regionalen Industriekultur.
