NVA Erholungsheim „Auf dem Sonnenberg“

Auf dem Großen Riesenhaupt bei Frauenwald im Thüringer Wald stand einst ein außergewöhnlicher Gebäudekomplex der DDR. Das NVA-Erholungsheim „Auf dem Sonnenberg“ war Urlaubsort für hochrangige Angehörige der Nationalen Volksarmee und Militärs aus den sozialistischen Bruderstaaten. Zugleich wurden hier Piloten auf besondere Weise trainiert. Nach dem Ende der DDR begann der Niedergang: Zwischennutzungen, Asylbewerberunterkunft, Leerstand und Vandalismus folgten. Heute erinnert nichts mehr an den monumentalen Bau – das sogenannte „Sprungschanzenhaus“ wurde 2017/18 vollständig abgerissen.

Urlaub hinter verschlossenen Türen

1976 wurde das Erholungsheim „Auf dem Sonnenberg“ in Frauenwald eröffnet. Auf dem 764 Meter hohen Großen Riesenhaupt hatte die NVA einen großzügigen Ferien- und Erholungskomplex errichten lassen. Das Heim war keineswegs für gewöhnliche DDR-Urlauber gedacht. Es diente vor allem Berufssoldaten und höheren Angehörigen der NVA sowie Militärs aus den sozialistischen und kommunistischen Staaten als Rückzugsort. Die abgeschiedene Lage im Thüringer Wald bot dafür ideale Voraussetzungen. Mit mehreren hundert Zimmern und rund 400 Betten gehörte die Anlage zu den größeren Einrichtungen dieser Art. Das Angebot war für DDR-Verhältnisse außergewöhnlich umfangreich.

Schwimmbad, Tanzsaal und Skikurse

Das Erholungsheim war weit mehr als ein gewöhnliches Ferienhotel. Zum Komplex gehörten unter anderem ein Film- und Tanzsaal, eine Bibliothek, ein Frisiersalon sowie Tischtennis- und Fitnessräume. Auch medizinische Einrichtungen waren vorhanden. Physiotherapieräume und eine Arztpraxis gehörten ebenso zur Ausstattung wie ein 25-Meter-Schwimmbecken. Im Winter konnten die Gäste moderne Skiausrüstungen ausleihen und an Skikursen teilnehmen. Wanderwege und Waldtrassen rund um den Sonnenberg ergänzten das Freizeitangebot. Damit entstand eine abgeschirmte Ferienwelt für einen privilegierten Personenkreis der DDR und ihrer verbündeten Armeen.

Das „Sprungschanzenhaus“ von Frauenwald

Sein ungewöhnliches Erscheinungsbild machte das Gebäude zu einem markanten Orientierungspunkt in der Region. Der achtgeschossige Plattenbau besaß rund 6.000 Kubikmeter umbauten Raum. Die Südseite des Gebäudes war abgeschrägt und terrassenförmig gestaltet. Dadurch erinnerte die Architektur aus der Entfernung an eine Skisprungschanze. Im Volksmund setzte sich deshalb die Bezeichnung „Sprungschanzenhaus“ durch. Die Konstruktion war klar gegliedert. Ein zentraler Treppenhaus- und Technikschacht bildete die innere Achse des Gebäudes. An der nach Süden ausgerichteten Seite lagen in den oberen Etagen großzügige Terrassen. In der darunterliegenden Gebäudespitze befand sich das Schwimmbad. Die Seitenfassaden waren durch horizontale Fensterreihen gegliedert, die von roten Fassadenflächen unterbrochen wurden.

Repräsentativer Innenbereich

Auch im Inneren war das Gebäude auf einen umfangreichen Hotel- und Erholungsbetrieb ausgelegt. Der Eingangsbereich befand sich an der Nordseite. Dort lagen unter anderem der Speiseraum und weitere zentrale Einrichtungen. Im Untergeschoss empfing eine großzügige Lobby die Gäste. Die Rezeption war mit Holz verkleidet und vermittelte einen repräsentativen Eindruck. Der eigentliche Eingangsbereich blieb dagegen vergleichsweise kompakt; ein Windfang mit Glasbausteinen bildete den Zugang. Auf dem Dach befand sich eine weitere Terrasse.

Rund um das Gebäude entstand eine eigene Infrastruktur. Vor dem Eingang lag eine große Betonfläche für Fahrzeuge und Busse. Eine Wendeschleife ermöglichte es Reisebussen, Gäste direkt am Gebäude abzusetzen. Westlich des Hauptgebäudes befand sich ein Sportbereich mit Basketballanlage und weitläufigen Rasenflächen. Nördlich lagen weitere Versorgungsgebäude sowie zwei größere Unterkunftshäuser für Mitarbeiter. Das gesamte Areal war eingezäunt und wurde am Eingang durch Wachhäuser gesichert.

Urlaub und militärische Konditionierung

Hinter der scheinbaren Ferienidylle verbarg sich allerdings auch ein militärischer Zweck. Neben dem Erholungsbetrieb fanden auf dem Sonnenberg Konditionierungslehrgänge für Piloten statt. Ziel war es unter anderem, psychische Hemmungen im Zusammenhang mit dem Einsatz von Waffen abzubauen und bestimmte Reaktionen zu automatisieren. Die Ausbildung sollte die Piloten auf die Belastungen eines möglichen Kampfeinsatzes vorbereiten. Damit war das NVA-Erholungsheim zugleich Ferienanlage und Bestandteil eines militärischen Ausbildungs- und Betreuungssystems. Von 1977 bis 1990 war der ehemalige Rennrodler und Olympiasieger Wolfgang Scheidel dort als Sportinstruktor tätig.

Eine Verbindung zum geheimen Bunker

Besonders interessant ist die Nähe zum heute bekannten Bunkermuseum Frauenwald. Nach Angaben aus dortigen Führungen bestand eine Verbindung zwischen dem Erholungsheim und dem nahegelegenen Führungsbunker. Demnach soll ein Sicherheitskabel zur Kommunikation mit der SED-Bezirksleitung in Suhl vorhanden gewesen sein. Der Bunker wurde zeitgleich mit dem Erholungsheim errichtet. Baumaterial für die geheime Anlage soll dabei zur Tarnung als Material für das NVA-Heim deklariert worden sein. Eine Außenantenne des Bunkers befand sich auf dem Dach des Erholungsheims. Damit war das „Sprungschanzenhaus“ offenbar in die Kommunikationsinfrastruktur der staatlichen und militärischen Führung eingebunden.

Nach der Wende begann der Niedergang

Mit dem Ende der DDR und der Auflösung der NVA verlor der Komplex seine ursprüngliche Funktion. Die Bundeswehr übernahm als Rechtsnachfolger zunächst die Anlage, gab sie jedoch aus wirtschaftlichen Gründen relativ schnell wieder ab. Es folgten verschiedene Zwischennutzungen. In den 1990er Jahren wurde das ehemalige NVA-Erholungsheim schließlich als Unterkunft für Asylbewerber genutzt. Doch auch diese Nutzung war nur vorübergehend. Nach der Schließung stand der gewaltige Gebäudekomplex leer. Ohne regelmäßige Unterhaltung setzte ein schneller Verfall ein.

Vandalismus zerstört das Gebäude

Mit zunehmendem Leerstand wurde das einst abgeschirmte Ferienheim zu einem Anziehungspunkt für Lost-Place-Fotografen, Neugierige und Vandalen. Alles, was sich verwerten oder ausbauen ließ, wurde aus dem Gebäude entfernt. Installationen, Ausstattung und technische Einrichtungen verschwanden. Gleichzeitig wurden große Teile der Innenräume beschädigt oder zerstört. Die einst großzügige Ferienanlage entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem stark verfallenen Lost Place.

Zahlreiche Pläne – keine dauerhafte Nutzung

Über Jahre gab es immer wieder Überlegungen für eine neue Nutzung. Unter anderem wurde darüber nachgedacht, das Gebäude als Jugendhotel weiterzuführen. Auch eine Kegelbahn, ein Sportzentrum und eine Sauna waren Bestandteil entsprechender Ideen. Keine dieser Planungen konnte jedoch umgesetzt werden. Statt einer neuen Zukunft als Freizeit- oder Tourismusstandort verschärfte sich die Situation. Schließlich stand nicht mehr die Sanierung, sondern der Abriss des gewaltigen Gebäudes im Mittelpunkt.

Gemeinde wollte das „Sprungschanzenhaus“ beseitigen

2014 kaufte die Gemeinde Frauenwald das ehemalige NVA-Erholungsheim mit einem klaren Ziel: Der leerstehende und zunehmend verfallende Komplex sollte verschwinden. Die Finanzierung des Abrisses erfolgte über eine Ausgleichsmaßnahme der 50Hertz Transmission GmbH im Zusammenhang mit dem Bau der 380-kV-Stromleitung „Thüringer Strombrücke“ durch den Thüringer Wald. Damit war das Ende des einstigen Prestigeprojekts endgültig besiegelt.

Gefährlicher Fund im Keller

Noch vor dem Abriss sorgte ein Fund im Keller für zusätzliche Aufmerksamkeit. 2016 wurde dort Hydrazinhydrat entdeckt. Die Chemikalie war für die Notstromversorgung beziehungsweise die dazugehörigen Aggregate eingesetzt worden. Sie wurde geborgen und fachgerecht entsorgt. Der Fund zeigte, dass sich in dem verlassenen Gebäude nicht nur bauliche und hygienische Risiken verbargen, sondern auch Hinterlassenschaften der früheren technischen Infrastruktur.

2017/18 verschwindet das Gebäude

Im Winter 2017/18 begann schließlich der rund 1,4 Millionen Euro teure Abriss. Zunächst wurde das Gebäude entkernt. Anschließend verschwanden nach und nach die Außenmauern des markanten Plattenbaus. Das Ende des „Sprungschanzenhauses“ war damit besiegelt. Ein großer Teil des anfallenden Materials wurde nicht einfach entsorgt. Der Beton wurde direkt vor Ort zerkleinert und anschließend unter anderem für den Straßenbau wiederverwendet. Insgesamt mussten rund 24.000 Tonnen Abbruchmaterial abgefahren werden.

Vom geheimen NVA-Standort zur Erinnerung

Heute ist vom monumentalen NVA-Erholungsheim auf dem Sonnenberg nichts mehr übrig. Dort, wo einst hunderte Militärangehörige Urlaub machten, Piloten trainierten und eine umfangreiche Infrastruktur mit Schwimmbad, Sportanlagen und Veranstaltungsräumen betrieben wurde, erinnert heute vor allem die historische Überlieferung an das Gebäude. Die Geschichte des „Sprungschanzenhauses“ steht beispielhaft für den Umgang mit zahlreichen Großbauten der DDR nach 1990. Was einst mit erheblichem Aufwand und für einen privilegierten Nutzerkreis errichtet worden war, verlor nach dem politischen Systemwechsel seine Funktion. Zwischen Umnutzung, Leerstand und Verfall vergingen Jahre, bevor schließlich der Abriss erfolgte.

Das NVA-Erholungsheim „Auf dem Sonnenberg“ war damit nicht nur ein außergewöhnliches Beispiel für die Architektur und Freizeitkultur der DDR, sondern zugleich ein Ort, an dem sich militärische Ausbildung, politische Abschottung und privilegierter Urlaub miteinander verbanden. Heute gehört das „Sprungschanzenhaus“ selbst zur Geschichte der verschwundenen Orte im Thüringer Wald.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert