Sie gehörten über Jahrzehnte zur unverwechselbaren Silhouette der Stadt: die großen Kühltürme des Stahlwerks Georgsmarienhütte. Zwischen Werkhallen, Hochöfen und Kraftwerksanlagen standen sie für eine Industrie, die das Leben der gesamten Stadt bestimmte. Das Hüttenwerk in Georgsmarienhütte entstand ab 1856. Bereits 1858 wurden die ersten beiden Hochöfen angeblasen. Aus dem zunächst reinen Hochofenwerk entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein vollständig integriertes Hüttenwerk mit Stahlproduktion und Walzwerken.

Für den Betrieb der zahlreichen technischen Anlagen wurden enorme Mengen Wasser benötigt. Die Kühltürme waren Bestandteil der Energie- und Kühltechnik des Werkes. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung beim Bau eines neuen Kühlturms ab 1938: Er sollte eine leistungsstarke Dampfturbine des Kraftwerks kühlen und damit die Stromerzeugung für die Hochofenproduktion erhöhen.
Ein Kühlturm direkt neben der Werkskolonie
Der Bau des Kühlturms veränderte auch das Umfeld. Die Anlage entstand unmittelbar an der Grenze des Werksgeländes an der Kaiser-/Klöcknerstraße. In unmittelbarer Nähe standen Wohnhäuser der sogenannten Alten Kolonie. Später musste ein Teil dieser Häuser sogar einem weiteren Kühlturm weichen. Die enge Verbindung von Industrie und Wohnen wurde damit besonders sichtbar: Das Hüttenwerk war nicht irgendwo außerhalb der Stadt angesiedelt – es war der Mittelpunkt von Georgsmarienhütte.

Hochöfen prägen die Stadt
Über mehr als ein Jahrhundert bestimmte die Hochofenproduktion das Werk. 1923 übernahmen die Klöckner-Werke die Hütte. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Standort immer wieder modernisiert und erweitert. Der Hochofen blieb dabei das Herzstück der Produktion. Erst 1994 wurde der letzte Hochofen ausgeblasen. Damit endete eine 136 Jahre währende Hochofengeschichte in Georgsmarienhütte. An seine Stelle trat ein moderner Elektrolichtbogenofen. Mit dem Ende der alten Produktionsverfahren veränderte sich auch das Gesicht des Werksgeländes.










Was von der alten Hütte blieb
Viele historische Anlagen verschwanden im Zuge des technischen Wandels. Kühltürme, Gasometer, Hochöfen und weitere technische Einrichtungen wurden abgebaut oder verloren ihre ursprüngliche Funktion. Die Stadtgeschichte zeigt, wie eng die Entwicklung Georgsmarienhüttes mit dem Stahlwerk verbunden war. Das Unternehmen schuf ab 1856 nicht nur Arbeitsplätze, sondern prägte auch die Entstehung der gesamten Gemeinde mit Wohnhäusern und Infrastruktur. Heute ist die Georgsmarienhütte GmbH weiterhin ein bedeutender Stahlstandort an der Neuen Hüttenstraße. Georgsmarienhütte GmbH

Ein Stück Industriegeschichte verschwindet
Die Kühltürme sind damit mehr als technische Bauwerke. Sie waren Teil eines gewaltigen industriellen Systems, das über Generationen hinweg den Alltag der Menschen in Georgsmarienhütte bestimmte. Wo früher Hochöfen glühten, Kraftwerke arbeiteten und Kühltürme weithin sichtbar waren, hat sich das Stahlwerk inzwischen grundlegend verändert. Die alten Kühltürme stehen heute sinnbildlich für eine vergangene Epoche der Montanindustrie. Sie erzählen von der Zeit, als die Stadt und ihr Stahlwerk praktisch untrennbar miteinander verbunden waren.

Die Geschichte der Kühltürme ist deshalb auch die Geschichte von Georgsmarienhütte selbst: eine Geschichte von Hochöfen, Stahl, Energie und dem tiefgreifenden Wandel einer Industriestadt.
