Der Eichhof in Bielefeld-Eckardtsheim ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie ein historisch bedeutendes Gebäude über Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben werden kann. 1886 als Einrichtung für psychisch erkrankte und alkoholkranke Männer eröffnet, blickt das ehemalige Betheler Pensionat auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Nach der Schließung 1998 blieben Sanierung und Neunutzung aus. Vandalismus, wiederholte Brände und schwere Schäden verwandelten das einstige Gebäude in eine Ruine, deren Zukunft lange ungeklärt blieb.

Vom Betheler Pensionat zur psychiatrischen Einrichtung
Die Geschichte des Eichhofs beginnt im Jahr 1886. Auf dem ehemaligen Hof Obergassel eröffnete die Anstalt Bethel das Haus als Einrichtung für Männer aus wohlhabenderen Bevölkerungsschichten, die unter psychischen Erkrankungen oder Alkoholproblemen litten. Anders als gewöhnliche Pflegeeinrichtungen richtete sich das sogenannte Pensionat gezielt an zahlungskräftige Bewohner. Im Volksmund erhielt es deshalb den spöttischen Beinamen „vornehmes Schlingelheim“.
Um 1905 verfügte der Eichhof über 30 Plätze. Ein Jahr später wurde das Gebäude an die Zentralheizung und die Stromversorgung angeschlossen. Damit gehörte es früh zu den Einrichtungen, die ihren Bewohnern einen vergleichsweise modernen Versorgungsstandard boten. Der Eichhof war zugleich Teil der wechselvollen Geschichte der diakonischen Arbeit in Eckardtsheim.



Der Eichhof während des Zweiten Weltkriegs
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Nutzung des Hauses grundlegend. Die Wehrmacht richtete dort eine psychiatrisch-neurologische Abteilung des Reservelazaretts ein. Psychisch erkrankte Soldaten, Männer mit Epilepsie und weitere Personen, deren Verhalten oder psychischer Zustand militärischen Stellen auffiel, wurden hier untergebracht. Darunter befanden sich nach den historischen Angaben auch Soldaten, denen Wehrkraftzersetzung vorgeworfen wurde.
Die abgeschiedene Lage in der Senne ermöglichte es, die Betroffenen von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Nach Kriegsende nutzte die britische Militärregierung das Gebäude ebenfalls zur Unterbringung psychisch kranker Menschen. Der Eichhof war damit nicht nur eine psychiatrische Einrichtung, sondern auch ein Ort, an dem sich die politischen und gesellschaftlichen Brüche des 20. Jahrhunderts widerspiegelten.

Vom Männerheim zum dauerhaften Leerstand
Ab 1950 diente der Eichhof als Heim für Männer mit geistiger Behinderung oder leichteren psychischen Erkrankungen. Rund 60 Plätze standen zuletzt zur Verfügung. Über Jahrzehnte blieb das Gebäude damit Teil der sozialen und psychiatrischen Versorgung in Eckardtsheim.
1998 wurde die Einrichtung geschlossen. Im Jahr 2000 wechselte das Gebäude den Eigentümer. Eine dauerhafte neue Nutzung blieb jedoch aus. Was einst der Betreuung und Unterbringung von Menschen gedient hatte, entwickelte sich zunehmend zu einem verlassenen Objekt.

Vandalismus, Kupferdiebe und fortschreitender Verfall
Mit dem Leerstand begann der schleichende Niedergang des Eichhofs. Bereits um 2010 wurde der Zustand des Hauses als marode beschrieben. Vandalen drangen ein, Graffiti-Sprayer hinterließen ihre Spuren und Kupferdiebe machten sich an dem Gebäude zu schaffen. Versuche, Türen und Fenster zu verschließen, verhinderten den wiederholten Zutritt Unbefugter offenbar nicht dauerhaft.
Der Schaden beschränkte sich dabei nicht auf das äußere Erscheinungsbild. Teile des Gebäudes galten als einsturzgefährdet. Mit jedem weiteren Jahr ohne konsequente Sicherung und Sanierung verschlechterten sich die Voraussetzungen für eine wirtschaftlich tragfähige Wiederverwendung. Der Eichhof wurde zu einem jener Lost Places, bei denen sich die Frage nach einer Rettung irgendwann nicht mehr allein am historischen Wert, sondern auch am Ausmaß der baulichen Schäden entscheidet.

Wiederholte Brände verschärfen die Lage
Besonders dramatisch entwickelte sich die Situation ab Ende 2012. Bereits am 24. und 25. November musste die Feuerwehr nach den Angaben im vorliegenden historischen Skript zum Eichhof ausrücken. Am 2. Dezember 2012 kam es erneut zu einem Brand. Dichter Rauch drang aus dem Obergeschoss, während die Einsatzkräfte das leerstehende Gebäude nach möglichen Personen durchsuchten.
Die Löscharbeiten dauerten rund sieben Stunden. Weil Teile des Deckenbodens mit Lehm und Stroh gefüllt waren, mussten die Feuerwehrleute den Boden auf einer Fläche von etwa 15 Quadratmetern öffnen. Besonders schwer wog, dass tragende Holzbalken stark beschädigt wurden. Die Feuerwehr schloss einen technischen Defekt als Ursache aus, da das Gebäude ohne Stromversorgung war. Eine vorsätzliche Brandlegung war damit allerdings nicht bewiesen.

Großbrand im Mai 2013: Das Gebäude wird zur Ruine
Am Abend des 1. Mai 2013 – über den Einsatz berichteten die Medien am 2. Mai – stand der Dachstuhl des Eichhofs erneut in Flammen. Die Feuerwehr rückte mit zahlreichen Kräften aus. Nach Angaben der Neuen Westfälischen waren rund 60 Einsatzkräfte beteiligt; Radio Bielefeld berichtete von mehr als 80 Feuerwehrleuten. Eine Feuerwehrfrau wurde bei dem Einsatz verletzt. Das Feuer hatte sich bereits beim Eintreffen der Einsatzkräfte weit ausgebreitet und griff auch auf Zwischendecken über. Weil das Gebäude als einsturzgefährdet galt, konnten die Feuerwehrleute nicht mehr regulär im Inneren vorgehen. Die Brandbekämpfung erfolgte unter anderem über Drehleitern. Eine Brandwache blieb anschließend vor Ort, um weitere Brandnester zu löschen.

Der Einsatzleiter ging damals von einem Totalschaden aus; auch ein Abriss wurde als Konsequenz des Brandes angesprochen. Die Brandursache war zunächst unklar. Im historischen Skript wird für dieses Feuer der Verdacht auf Brandstiftung erwähnt. Ein gesicherter Nachweis lässt sich aus den vorliegenden Angaben jedoch nicht ableiten.
Erneut Feuer im Jahr 2014
Am 5. Mai 2014 brannte der Dachstuhl des Fachwerkgebäudes abermals. Die Feuerwehr rückte erneut mit Kräften aus mehreren Löschabteilungen an und konnte die Flammen von Drehleitern aus bekämpfen. Erst gegen 0.30 Uhr war der Einsatz beendet. Schon damals galt das sogenannte „Geisterhaus“ als seit Jahren verlassene, einsturzgefährdete Ruine. Die wiederholten Brände verschärften die bereits gravierenden Schäden. Was vom Gebäude noch erhalten war, musste fortan vor dem Hintergrund erheblicher statischer Risiken betrachtet werden. Aus einem sanierungsbedürftigen Altbau war endgültig ein gefährlicher Problemfall geworden.

Polizei und unbefugte Besucher: Ein Lost Place mit Risiken
Der Eichhof zog über die Jahre Menschen an, die das verlassene Gebäude erkunden wollten. In den historischen Unterlagen werden wiederholtes gewaltsames Eindringen, Vandalismus und Diebstahl ausdrücklich beschrieben. Das Haus entwickelte sich zum bekannten „Geisterhaus“ von Eckardtsheim und wurde auch von sogenannten Geisterjägern aufgesucht.
Die Kombination aus ungesicherten Zugängen, beschädigten Decken und angegriffenen tragenden Bauteilen machte solche Besuche gefährlich. Dass das Gebäude nach dem Großbrand 2013 nicht mehr betreten werden konnte, war keine bloße Vorsichtsmaßnahme: Die Feuerwehr hatte die Einsturzgefahr ausdrücklich hervorgehoben. Konkrete, belastbar dokumentierte Polizeieinsätze direkt am Eichhof lassen sich aus den hier ausgewerteten Quellen allerdings nicht vollständig rekonstruieren. Eine gesicherte Chronologie polizeilicher Maßnahmen wäre deshalb spekulativ.

Betreutes Wohnen geplant – doch die Zukunft bleibt offen
Eine Perspektive schien sich um 2010 abzuzeichnen. Nach den damaligen Informationen sollte aus dem maroden Eichhof ein Heim für betreutes Wohnen entstehen. Das Vorhaben hätte eine neue soziale Nutzung ermöglicht und zugleich die Chance eröffnet, das historische Gebäude zu erhalten. Schon zu diesem Zeitpunkt war jedoch klar, dass eine solche Sanierung angesichts der Schäden, des Vandalismus und der Eingriffe in die Bausubstanz kostspielig werden würde.
Ob dieses konkrete Projekt jemals über die Planungsphase hinausgekommen ist, lässt sich anhand der ausgewerteten Unterlagen nicht belegen. Ebenso konnte keine belastbare aktuelle Entscheidung gefunden werden, die einen unmittelbar bevorstehenden Abriss, eine gesicherte Sanierung oder eine verbindlich beschlossene Neunutzung des Eichhofs bestätigt. Die früher genannten Pläne dürfen deshalb nicht als heutiger Projektstand ausgegeben werden.
Gleichzeitig zeigen Unterlagen der Stadt Bielefeld zur Ortsentwicklung Eckardtsheims, dass der Eichhof als historisch prägender Gebäudebestand wahrgenommen wird. Das allein ist allerdings weder ein Nachweis für einen bestimmten Denkmalschutzstatus noch eine Garantie für den Erhalt.

Eichhof: Ein Denkmal des Scheiterns?
Der Eichhof steht exemplarisch für ein Problem, das sich bei vielen historischen Gebäuden beobachten lässt: Nach der Aufgabe einer Nutzung folgt häufig eine lange Phase der Unsicherheit. Eigentümerwechsel, ausbleibende Investitionen und fortschreitender Verfall lassen die Kosten einer möglichen Rettung wachsen. Vandalismus und Brände können schließlich dazu führen, dass selbst eine ursprünglich denkbare Umnutzung kaum noch realistisch erscheint.
Besonders bitter ist dieser Niedergang angesichts der wechselvollen Geschichte des Hauses. Der Eichhof war über mehr als ein Jahrhundert hinweg Teil der psychiatrischen und sozialen Versorgung in Eckardtsheim. Heute steht er vor allem für verlorene Nutzung, beschädigte Bausubstanz und eine ungeklärte Zukunft. Solange kein belastbares Konzept für Erhalt, Sicherung oder Rückbau öffentlich dokumentiert ist, bleibt das Gebäude ein Mahnmal dafür, wie schnell historische Substanz verloren gehen kann, wenn auf Leerstand keine tragfähige Perspektive folgt.
Die Bilder stammen aus den Jahren 2010, 2012 und 2014 (Anm. d. Red.)
