Heeresversuchsanstalt Peenemünde

Foto: Cherubino/CC BY-SA 4.0
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Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom zählt zu den bedeutendsten und zugleich bedrückendsten Orten deutscher Militärgeschichte. In der abgeschirmten Heeresversuchsanstalt entwickelte das NS-Regime während des Zweiten Weltkriegs die ersten Großraketen der Welt – darunter die berüchtigte A4-Rakete, die später als „V2“ propagandistisch zur sogenannten Vergeltungswaffe erklärt wurde. Der technische Fortschritt beruhte jedoch auf der systematischen Ausbeutung tausender Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten. Heute erinnert das Gelände eindrucksvoll an die Verbindung von wissenschaftlicher Höchstleistung, nationalsozialistischer Ideologie und millionenfachem Leid.

Die Wehrmacht schafft eines der größten Geheimprojekte des Dritten Reiches

Mitte der 1930er-Jahre suchte die Wehrmacht nach einem abgelegenen Ort, an dem neu entwickelte Raketen nicht nur konstruiert, sondern auch getestet werden konnten. Nachdem sich das Versuchsgelände in Kummersdorf für vollständige Raketenstarts als ungeeignet erwiesen hatte, fiel die Wahl auf den dünn besiedelten Norden Usedoms. 1936 begann der massive Ausbau Peenemündes zu einem streng abgeschirmten militärischen Sperrgebiet. Dafür wurde nahezu das gesamte ursprüngliche Dorf beseitigt. Rund 70 Wohnhäuser mussten dem gigantischen Rüstungsprojekt weichen, die Bevölkerung wurde umgesiedelt. Nur wenige Einwohner durften als zivile Arbeitskräfte auf dem Gelände verbleiben.

Innerhalb weniger Jahre entstand eine autarke Militärstadt mit Werkhallen, Forschungsanlagen, Prüfständen, Flugplatz, Kraftwerk und umfangreicher Infrastruktur. Die Heeresversuchsanstalt Peenemünde entwickelte sich zu einem der größten geheimen Rüstungsprojekte des nationalsozialistischen Deutschlands.

Foto: WvB77

Prüfstand VII – Geburtsstätte der V2-Rakete

Das Herzstück der Anlage bildete der legendäre Prüfstand VII, auf dem die Rakete Aggregat 4 (A4) entwickelt und getestet wurde. Sie gilt als die erste einsatzfähige ballistische Großrakete der Welt. Erst später erhielt sie im Rahmen der NS-Propaganda die Bezeichnung „Vergeltungswaffe V2“. Von Peenemünde aus fanden ausschließlich Teststarts statt. Für militärische Angriffe war die Reichweite der Raketen von der Ostseeküste aus nicht ausreichend. Parallel entstand mit Peenemünde-West ein weiterer großer Entwicklungsstandort der Luftwaffe, an dem unter anderem Flugkörper wie die Fieseler Fi 103 (V1) erprobt wurden.

Raketenproduktion auf Kosten tausender Menschenleben

Der technische Fortschritt in Peenemünde war untrennbar mit schwersten Menschenrechtsverbrechen verbunden. Ab 1943 existierte auf dem Gelände ein Außenlager des Konzentrationslagers. Hinzu kamen weitere Lager in Karlshagen und Trassenheide. Tausende KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion sowie italienische und französische Zwangsverpflichtete mussten unter unmenschlichen Bedingungen Raketen montieren, Bauteile fertigen und Bauarbeiten durchführen. Die Unterbringung erfolgte vielfach in primitiven Kellerräumen der Fertigungsanlagen. Hunger, Misshandlungen, Krankheiten und völlige Erschöpfung gehörten zum Alltag. Bewacht wurden die Arbeiter von SS-Einheiten und Angehörigen der Luftwaffe.

Viele der Opfer überlebten die Zwangsarbeit nicht. Eine Gedenkstätte auf dem Neuen Friedhof in Greifswald erinnert heute an die zahlreichen Todesopfer dieses Systems.

Foto: WvB77

Großangelegte Verteidigung gegen alliierte Luftangriffe

Zum Schutz der geheimen Raketenentwicklung errichtete das NS-Regime rund um Peenemünde ein dichtes Netz aus Flakstellungen und Küstenbatterien. Zusätzlich entstanden auf den höchsten Erhebungen Usedoms spezielle Beobachtungsstationen. Hochleistungskameras zeichneten dort die Flugbahnen der Raketen auf und lieferten wichtige Daten für deren Weiterentwicklung. Trotz aller Geheimhaltung blieb das Projekt den Alliierten nicht verborgen.

Operation Hydra verändert das Raketenprogramm

Nachdem britische Aufklärungsflugzeuge die Aktivitäten in Peenemünde entdeckt hatten, begann im August 1943 die groß angelegte Operation Hydra. Der nächtliche Luftangriff traf große Teile der Heeresversuchsanstalt. Besonders schwer betroffen waren die Produktionsanlagen und die Unterkünfte der Zwangsarbeiter. Unter den Opfern befanden sich deutlich mehr Häftlinge und Zwangsarbeiter als Wissenschaftler oder militärische Mitarbeiter. Der technische Leiter des Raketenprogramms, Wernher von Braun, überlebte den Angriff in einem Schutzbunker.

Obwohl die britische Luftwaffe zunächst von einer vollständigen Zerstörung der Anlage ausging, gelang es dem NS-Regime, den Betrieb bereits wenige Wochen später wieder aufzunehmen.

Foto: WvB77

Verlagerung der Produktion in den Untergrund

Aus Angst vor weiteren Bombardierungen entschied die deutsche Führung, die Raketenfertigung weitgehend in unterirdische Produktionsstätten zu verlagern. Zentraler Produktionsstandort wurde die Mittelwerk GmbH im Kohnstein bei Nordhausen. Dort mussten Tausende KZ-Häftlinge des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora unter katastrophalen Bedingungen die V2-Raketen herstellen.

Die in den Stollen gefertigten Raketen wurden anschließend nach Peenemünde transportiert, dort getestet, mit Tarnanstrichen versehen und anschließend an die Wehrmacht ausgeliefert. Bis Kriegsende setzte das NS-Regime die Raketenangriffe propagandistisch als sogenannte „Vergeltungswaffen“ ein, um trotz der aussichtslosen militärischen Lage den Glauben an einen möglichen Sieg aufrechtzuerhalten.

Sowjetische Besetzung und neue militärische Nutzung

Im Frühjahr 1945 endeten die Raketenversuche endgültig. Die verbliebenen Zwangsarbeiter wurden in andere Lager verlegt, ehe sowjetische Truppen das Gelände besetzten. Nahezu sämtliche Maschinen, Baupläne und technischen Einrichtungen wurden demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion gebracht.

In den folgenden Jahrzehnten blieb Peenemünde erneut militärisches Sperrgebiet. Zunächst nutzte die sowjetische Marine den Standort, später übernahm die Nationale Volksarmee der DDR das Areal. Der Flugplatz wurde ausgebaut und diente unter anderem dem Jagdfliegergeschwader 9 der Luftstreitkräfte der DDR.

Foto: Gunnar Klack/CC BY-SA 4.0

Vom Sperrgebiet zum historischen Erinnerungsort

Mit der deutschen Wiedervereinigung endete auch die militärische Nutzung Peenemündes. 1993 wurde der Standort endgültig aufgegeben. Erhalten geblieben sind zahlreiche Bauwerke der ehemaligen Heeresversuchsanstalt. Besonders markant ist das ehemalige Kraftwerk, das heute das Historisch-Technische Museum Peenemünde beherbergt und die Geschichte des Raketenprogramms umfassend dokumentiert.

Auch die Ruinen des Sauerstoffwerks, in dem der für die A4-Raketen benötigte Flüssigsauerstoff hergestellt wurde, sind bis heute erhalten. Der berühmte Prüfstand VII existiert ebenfalls noch. Von der einstigen Startanlage sind jedoch lediglich die massive Betonplatte und die Umwallung erhalten. Das Gelände ist weiterhin nicht öffentlich zugänglich.

Foto: Darkone/CC BY-SA 2.0

Natur erobert den einstigen Waffenstandort zurück

Wo einst Raketen entwickelt und Waffen produziert wurden, bestimmen heute Wiesen, Moore und Feuchtgebiete das Landschaftsbild. Große Teile des ehemaligen Sperrgebiets haben sich in wertvolle Naturräume verwandelt. Zahlreiche Gedenkorte, Informationstafeln und ausgeschilderte Rundwege führen Besucher durch die Denkmallandschaft Karlshagen–Peenemünde. Sie machen deutlich, dass dieser Ort nicht nur ein Meilenstein der Raumfahrtgeschichte war, sondern zugleich ein Mahnmal für die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Peenemünde steht heute wie kaum ein anderer Ort für die Ambivalenz technischer Innovation: Hier wurden Grundlagen der modernen Raketentechnik geschaffen – gleichzeitig entstand sie unter den Bedingungen von Zwangsarbeit, Terror und systematischer Menschenverachtung.

Hinweis

Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.

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