Heeresversuchsanstalt Kummersdorf

Mitten im Kummersdorfer Forst südlich von Berlin entstand im 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten militärischen Erprobungsanlagen Deutschlands. Bereits 1873 wurde die Einrichtung eines neuen Artillerieschießplatzes beschlossen, 1875 begann der reguläre Betrieb. Aus dem zunächst rund 800 Hektar großen Gelände entwickelte sich über Jahrzehnte ein weitläufiger Militärkomplex mit Schießbahnen, Werkstätten, Kasernen und Versuchsanlagen.

Geheimforschung in der Zwischenkriegszeit

Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb Kummersdorf militärisch bedeutend. Trotz der Beschränkungen des Versailler Vertrags wurden hier unter anderem Artillerie, Panzerwaffen und die Heeresmotorisierung untersucht. 1926 entstand die Kraftfahr-Versuchsstelle „Verskraft“, in der Fahrzeuge, Zugmaschinen und später auch Panzer erprobt wurden. Mit der Aufrüstung des NS-Regimes wurde Kummersdorf massiv ausgebaut. Das Gelände entwickelte sich zu einem zentralen Forschungs- und Erprobungsstandort des Heereswaffenamtes.

Wernher von Braun und die Raketenversuche

Besondere Bekanntheit erlangte Kummersdorf durch die frühen deutschen Raketenversuche. Ab 1930 entstanden geheime Versuchseinrichtungen, ab 1932 wurde die Raketenversuchsstelle Kummersdorf-West aufgebaut. Dort arbeitete auch Wernher von Braun, der seine Forschungen an Flüssigkeitsraketentriebwerken in Kummersdorf vorantrieb. Hier wurden unter anderem die Triebwerke der Raketen A1, A2 und A3 erprobt. Von Braun fertigte zudem seine Dissertation über Flüssigkeitsraketen auf Grundlage der Arbeiten an den Kummersdorfer Prüfständen an. Die zunehmende Größe der Raketen führte schließlich dazu, dass die Entwicklung nach Peenemünde verlagert wurde.

Panzer, Motoren und die „Maus“

Kummersdorf war jedoch keineswegs ausschließlich ein Raketenstandort. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Erprobung von Kraftfahrzeugen und gepanzerten Fahrzeugen. In den ausgedehnten Testanlagen wurden unter anderem Steigungsbahnen, Watbecken und Hindernisse für Fahrzeuge gebaut. Auch der überschwere Panzerkampfwagen VIII „Maus“ wurde in Kummersdorf erprobt. Die Dimensionen des Projekts zeigen, welchen Stellenwert die Anlage in der deutschen Rüstungsentwicklung während des Zweiten Weltkriegs inzwischen besaß.

Auch Kernforschung gehörte zum Komplex

Zum weit verzweigten Kummersdorfer Militärkomplex gehörte außerdem die Versuchsstelle Gottow. Dort wurden während des Zweiten Weltkriegs Arbeiten zur Kerntechnik durchgeführt. Damit reichte das Spektrum der Anlage von klassischer Artillerie über Motorisierung und Raketen bis hin zu besonders geheimen Forschungsprojekten.

1945 endet die militärische Erprobung

Im April 1945 erreichten sowjetische Truppen das Gelände. Anlagen und Ausrüstung wurden untersucht, teilweise demontiert oder zerstört. Anschließend nutzten sowjetische Streitkräfte große Teile des Areals weiter militärisch. Diese Nutzung dauerte bis in die 1990er-Jahre. Nach dem Abzug der russischen Truppen begann eine neue Phase. Was über Jahrzehnte Sperrgebiet gewesen war, wurde zunehmend zu einer außergewöhnlichen historischen Denkmallandschaft.

Heute ein riesiger Lost Place

Von der einstigen Heeresversuchsanstalt sind heute zahlreiche Prüfstände, Bunker, Schießbahnen, Kasernen und technische Anlagen erhalten. Die Natur hat große Teile des Areals zurückerobert. Zwischen Bäumen und Unterholz finden sich Betonruinen und Relikte einer militärischen Vergangenheit, die über ein Jahrhundert reicht. Das Gelände steht inzwischen unter Denkmalschutz. Wegen möglicher Kampfmittel, Altlasten und baulicher Gefahren ist das ehemalige Versuchsgelände jedoch nicht frei zugänglich.

Museum bewahrt die Geschichte

Der Förderverein Museum Kummersdorf e. V. arbeitet seit Jahrzehnten daran, die Geschichte des Areals aufzuarbeiten und zu vermitteln. Das Museum zeigt Exponate, Modelle und Dokumente zur Entwicklung des ehemaligen Heeresversuchsplatzes. Führungen machen ausgewählte Bereiche der außergewöhnlichen Denkmallandschaft zugänglich.

Kummersdorf ist damit weit mehr als ein Lost Place. Die Ruinen dokumentieren die Entwicklung militärischer Forschung von der preußischen Artillerieerprobung über die Raketenentwicklung bis zur industrialisierten Kriegsführung des 20. Jahrhunderts.

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